Kampfansage an Medien-Mogule Ungarischer Journalist setzt auf Crowdfunding

Bis Jahresmitte war er noch Chefredakteur des größten ungarischen Nachrichtenportals Index – jetzt will der Journalist Gergely Dudás ein Online-Nachrichtenportal gründen und das ohne eigenes Startkapital. Das soll von Lesern kommen, die sich eine unabhängige Presse in Ungarn wünschen.

Zeitungen an einem Kiosk in Budapest
Der ungarische Journalist Gergely Dudás will keine neue Zeitung gründen, das ist zu teuer. Er will ein politisch unabhängiges Online-Nachrichtenportal aufbauen. Bildrechte: MDR/Piroska Bakos

"Politis" – das griechische Wort für "Staatsbürger" – so nennt der Budapester Journalist Gergely Dudás sein geplantes Online-Nachrichtenportal, das sich künftig ausschließlich mit Politik und Wirtschaft beschäftigen soll, auch in Form von Analysen, Hintergründen und investigativen Recherchen. Noch ist alles Theorie, denn Dudás hat bislang weder Geld, noch eine Redaktion, noch Inhalte.

Redaktion nach Besitzerwechel verlassen

Dudás gilt in Ungarn als erfahrener Journalist. Der ehemalige Chefredakteur des regierungskritischen Nachrichtenportals index.hu verließ im Mai seine Redaktion – weil das Portal nach 13 Jahren von einem neuen Besitzer aufgekauft wurde. Vermutet wird, dass hier der ungarische Bau-, Agrar- und Medienunternehmer Lajos Simicska seine Hände mit im Spiel hat - ein langjähriger Weggefährte von Regierungschef Viktor Orbán. Beide drückten vor Jahrzehnten gemeinsam die Schulbank. Simicska schuf in der Vergangenheit für Orbán ein eigenes Medien-Netzwerk – bis es zum politischen Bruch zwischen den beiden einstigen Schulfreunden kam. Inzwischen nutzt Simicska seine Medien als Propagandamittel gegen die Orbán-Regierung.

Mittels Werbung gefügig machen

Auch der ungarische Regierungschef Orbán verfügt über eine Menge Medien, um seine Botschaften zu verbreiten. Regierungsfreunde des konservativen Politikers besitzen unter anderem einen landesweiten privaten Fernseh- und mehrere Radiokanäle, eine große Wirtschaftszeitung, ein Online-Nachrichtenportal und neuerdings auch die Mehrheit der Lokalzeitungen. Fügig gemacht werden die Redaktionen zumeist über Werbeeinnahmen. Für wohlwollende Berichterstattung gibt es im Gegenzug staatlich finanzierte Anzeigen.

"Népszabadság" im vorigen Herbst geschlossen

Protest gegen Schließung der ungarischen Zeitung Népszabadság im Oktober 2016
Anfang Oktober 2016 demonstrierten Mitarbeiter von "Népszabadság" gegen die Übernahme ihrer Zeitung, die später geschlossen wurde. Bildrechte: IMAGO

Auch das öffentlich-rechtliche Fernsehen gilt als regierungstreu. Wer das nicht ist, den kann es kalt erwischen, wie im vorigen Jahr die linksliberale Tageszeitung „Népszabadság“. Die bis dato auflagenstärkste Zeitung im Land hatte immer wieder Enthüllungsgeschichten über die Orbán-Regierung veröffentlicht. Im Herbst vorigen Jahres wurde die Redaktion des führenden regierungskritischen Blattes dicht gemacht, nachdem sie an einen Vertrauten des Regierungschefs veräußert worden war.

Ereignisse wie diese ließen im April die internationale Nichtregierungsorganisation "Freedom House" in ihrer Studie zu dem Schluss kommen, dass sich die Medienlandschaft in Ungarn im Vergleich zum Vorjahr deutlich verändert habe. So beherrschten regierungstreue Medien den Markt in einem überwältigenden Ausmaß, das vor einem Jahr noch unvorstellbar gewesen wäre, heißt es in der Analyse.

Bezahlmodell angedacht

Das Webportal - https://politis.hu/ - das der ungarische Journalist Gergele Dudas ausbauen will
Der ungarische Journalist Gergely Dudás wirbt für Startkapital. Bildrechte: politis.hu/MDR

Doch Journalist Gergely Dudás will jetzt nach eigenen Worten mit einem neuen Modell auf den Markt kommen. In einem Video auf seinem bereits eingerichteten Online-Portal "Politis.hu" erklärt er: "Wir brauchen eine Zeitung, deren Besitzer kein Oligarch, Kassenwart einer Partei oder politischer Abenteurer ist." Als Gegenmodell schlägt der Journalist vor, das Online-Portal mittels eines Bezahlmodells zu finanzieren. Er hofft darauf, dass sich mindestens 30.000 Abonnenten finden, die bereit sind, knapp über 30 Euro jährlich für das Abo zu zahlen. Solch eine Finanzierung wäre bislang in Ungarn einmalig, erst recht, wenn damit das durch Dudás versprochene unabhängige Nachrichtenportal mit Qualitätsjournalismus zustande käme.

Startkapital gesucht

Geht Dudás Rechnung mit den Abonnenten auf, hätte er umgerechnet 990.000 Euro als Startkapital zur Verfügung. Viel Geld, doch würde das nur erst einmal einen Großteil der Kosten fürs erste Jahr decken, meint Dudás. Kommt das Geld per Crowdfunding in den beiden nächsten Monaten zusammen, will er sein Team rekrutieren. Zwei Prozent des nötigen Startskapitals war bis Dienstagmittag bereits eingegangen. Reichen die Spenden nicht aus, will er sie an die Kapitalgeber zurückzahlen.

Im kommenden Frühjahr stehen in Ungarn Parlamentswahlen an. Da käme ein unabhängiges Online-Nachrichten-Portal gerade recht. Doch ob Dudás bis dahin seine Redaktion an den Start bringt, ist fraglich.

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL auch im: Hörfunk | 26.10.2016 | 04:15 Uhr

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