Eine Frau demonstriert mit einem Plakat gegen Angela Merkel.
Protestplakat gegen Angela Merkel, vorgezeigt auf einer Demonstration in Prag Bildrechte: IMAGO

Merkel und das rote Minikleid

Vor 20 Jahren wurde die Deutsch-Tschechische Erklärung unterzeichnet. Eigentlich ein Grund zum Feiern. Doch die Beziehungen zwischen beiden Ländern sind abgekühlt. Der Grund: Die Flüchtlingspolitik Angela Merkels.

von Helena Šulcová

Eine Frau demonstriert mit einem Plakat gegen Angela Merkel.
Protestplakat gegen Angela Merkel, vorgezeigt auf einer Demonstration in Prag Bildrechte: IMAGO

Es wird Abend in Prag – eine Gruppe von fünf Männern steht vor meinem Haus und raucht. Ich höre, dass sie Deutsch sprechen – wobei ich das eigentlich gar nicht hören muss, um sofort zu wissen, woher die Jungs kommen. Jeder hat eine Flasche Bier in der Hand, einer ist lustig angezogen, mit rotem Mini-Kleid. Alles klar? Ja, es ist unter Deutschen sehr populär, Junggesellenabschiede in Prag zu feiern. Und von meiner Wohnung, sind es gerade fünf Gehminuten bis zur beliebten Kneipe "U Fleku".

Merkel ist in Tschechien nicht beliebt

Allgemein ist Tschechien immer noch ein beliebter Ort für Touristen aus Deutschland. Und die gelten umgekehrt als beliebte Gäste bei Hotelbesitzern und Kellnern. Nicht nur, weil sie Geld ausgeben - sondern auch, weil sie sich gut benehmen (im Vergleich etwa zu Jugendlichen aus Skandinavien). Selbst wenn sie rote Minikleider tragen.

Was für deutschen Touristen gilt, gilt nicht für deutsche Politiker und vor allem nicht für Angela Merkel. Oder  besser gesagt: Nicht mehr. Die deutsche Bundeskanzlerin ist wegen ihrer Flüchtlingspolitik in Tschechien unbeliebt wie nie. Vorher hat man sie hier gemocht – Merkel hat 1985 kurz hier studiert, das hat ihr immer Punkte gebracht. Auch wenn wir von Politikern beider Seiten regelmäßig hören, dass die deutsch-tschechischen Beziehungen sehr gut sind: Jedem Beobachter ist klar, dass es sich dabei um ein Klischee oder um diplomatische Höflichkeit handelt. Erst vergangene Woche sprachen die beiden Außenminister Zaorálek und Steinmeier beim Treffen in Berlin, wie gut die Beziehungen sind. Zaorálek war der letzte offizielle Gast Frank Walter Steinmeiers vor dessen Abschied als Chefdimplomat. Von der Meinung der meisten Leute, die man im Alltag trifft, ist das nach meiner Beobachtung ziemlich weit weg.

Tschechien ist von Deutschland abhängig

Rational ist das nicht: Ökonomisch ist Tschechien sehr von Deutschland abhängig. "Tschechien wickelt nahezu ein Drittel seines Außenhandels mit Deutschland ab, das damit der mit Abstand wichtigste Handelspartner ist. Deutsche Unternehmer investierten seit 1993 rund 20 Mrd. Euro in Tschechien", heißt es in einem Bericht des Auswärtigen Amtes. Eigentlich sollte man sich daher jetzt in Tschechien freuen, dass die deutsche Wirtschaft boomt und voriges Jahr alle Erwartungen übertroffen hat. Doch diese Erfolge Deutschlands bleiben im Schatten der Merkel-Flüchtlingspolitik. 

Als die deutsche Bundeskanzlerin voriges Jahr nach Prag kam, wurde sie von Demonstranten als Hexe, beschimpft. Laut einer Umfrage der Marktforschungsagentur Stem von Juni 2016 ist Merkel in Tschechien weniger beliebt als Wladimir Putin oder Viktor Orban. Vor der Flüchtlingskrise gehörte sie in Tschechien gemeinsam mit Barack Obama zu den beliebtesten internationalen Politikern.

Screenshot Merkel
Auf Facebook schrieb Jaroslav Plesl, Deutschland sei immer "Spitze" darin gewesen, eine einzige Meinung durchzusetzen Bildrechte: Helena Sulcuva

Warum ist das so? Für Tschechien, wo eine deutliche Mehrheit der Bevölkerung der Meinung ist, dass Flüchtlinge eine Bedrohung darstellen, ist Merkels Flüchtlingspolitik sehr schwer zu verstehen. Ich höre oft Meinungen, dass Angela Merkel alle Flüchtlinge eingeladen hat. Dass kaum jemand wisse, was sich in Flüchtlingsheimen in Deutschland abspielt. Dass Deutschland verschweige, was wegen der hohen Zahl an Flüchtlingen im Lande wirklich läuft. Oder nicht läuft. Nun wird vielem misstraut: In Tschechien kommt beispielsweise die Nachricht über den Plan der Bundesregierung, entschiedener gegen Hasskommentare auf Facebook und Co. vorzugehen, sehr schlecht an. Der Chefredakteur der größten tschechischen Tageszeitung "Mladá fronta DNES", Jaroslav Plesl, schrieb dazu auf Facebook sinngemäß, Deutschland sei immer "Spitze" darin gewesen "eine EINZIGE Meinung" durchzusetzen. Auch Hassworte seien aber Worte – und die Freiheit des Wortes schütze man in einer guten Gesellschaft. Beendet hat Plesl seinen Facebook-Post mit dem Slogan: "Ein Volk, Ein Führer, Eine Meinung."

Tschechen verstehen deutsche Flüchtlingspolitik nicht

Deutschland galt uns Tschechen noch vor nicht allzu langer Zeit als Vorbild. Ein Land, wo man gut verdient, exzellente Autos baut, die Natur schützt, Geld spart, und hochwertige Lebensmittel kauft. Dies alles hat Deutschland nach wie vor – doch im Weg steht die - aus tschechischer Sicht - unkluge Flüchtlingspolitik. Ich glaube, sie hat die Beziehungen zwischen beiden Ländern sehr getroffen.

Täglich treffen sich hunderte Touristen vor der Prager Rathausuhr am Altstäter Ring
Touristen in Prag Bildrechte: IMAGO

Am 30. Januar 2017 fand im Prager Palais Liechtenstein eine Konferenz anlässlich des zwanzigjährigen Jubiläums der Unterzeichnung der Deutsch-Tschechischen Erklärung statt. Tschechiens Ministerpräsident Bohuslav Sobotka war da, aus Deutschland kam Landwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU), der sich seit Jahren im deutsch-tschechischen Gesprächsforum engagiert.  Ob wir von ihnen einen Vorschlag hören, wie man die Beziehungen verbessern könnte? Dass die Tschechen auch die deutschen Politiker wieder verstehen? Oder wieder nur Klischees der Art, wie gut doch die Kooperation sei? Es wäre schade, wenn für den guten Ruf Deutschlands in Tschechien nur Touristen sorgen – egal, ob im roten Minikleid oder nicht.

Zuletzt aktualisiert: 31. Januar 2017, 15:43 Uhr

Osteuropa

Eine Frau demonstriert mit einem Plakat gegen Angela Merkel.
Mit der Flüchtlingskrise änderte sich jedoch alles. Nach Ansicht vieler Tschechen lud die Kanzlerin im Alleingang, ohne Rücksprache mit den Nachbarn, Hunderttausende Migranten nach Europa ein und öffnete einer islamischen Unterwanderung Tür und Tor. Aus diesem Grund wurde der letzte Staatsbesuch in Prag im August 2016 für Merkel zu einer wenig angenehmen Angelegenheit. Bildrechte: IMAGO

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