Screenshot Twitter - Gegenüberstellungen von Eierpackungen - früher 10 Eier, heute 9.
Früher 10 Eier, heute 9. Bildrechte: Twitter

Russland Mogelpackungen wegen Rubelschwäche

Gleicher Preis aber weniger drin: Milch, Kaffee, Reis - bei vielen Produkten in Russland tricksen die Hersteller. So wird ein Eierkarton zum Internetphänomen und befeuert die Diskussion um steigende Armut im Land.

von Maxim Kireev

Screenshot Twitter - Gegenüberstellungen von Eierpackungen - früher 10 Eier, heute 9.
Früher 10 Eier, heute 9. Bildrechte: Twitter

Betrug am Eierregal? Eine Hühnerfarm aus der Region Udmurtien, rund 1.000 Kilometer östlich von Moskau, hat es Anfang Januar in Russland binnen weniger Tage zu landesweiter Berühmtheit geschafft. Der Grund: Neben der in russischen Supermärkten handelsüblichen 10er-Packung hat der Geflügelbetrieb "Waraksino" seit einiger Zeit nun auch Eierkartons mit nur neun Eiern im Angebot.

Im russischen Internet avancierte die vermeintliche Neuerung binnen Stunden zu einem Meme - und zum Symbol für die sinkende Kaufkraft der Russen. Nutzer teilten das Bild tausendfach, meist versehen mit empörten Kommentaren zur sozialen Lage im Land. Selbst die staatlichen TV-Sender griffen das Thema auf.

Schrumpfflation keine Neuheit für russische Verbraucher

Tatsächlich ist das Phänomen, das im Ökonomenjargon Shrinkflation genannt wird, zu Deutsch Schrumpfflation, keine Neuheit für russische Verbraucher. Weil es bei Verpackungen keine gesetzlichen Volumen-Normen gibt, ist im Supermarkt Obacht angebracht. Seit Jahren schon füllen einige Hersteller Milch nicht mehr literweise ab, sondern in Tetrapacks mit 970 oder 930 Millilitern.

Buchweizen, ein Grundnahrungsmittel der ärmeren Russen, wird zu 800 Gramm abgepackt.
Buchweizen, ein Grundnahrungsmittel der ärmeren Russen, wird zu 800 Gramm abgepackt. Bildrechte: MDR/Maxim Kireev

Ein volles Kilogramm Reis oder Buchweizen ist mittlerweile eine Seltenheit. Die meisten Verpackungen haben nur noch 800 oder 900 Gramm. Und auch Hersteller von löslichem Kaffee sparen, wo es geht und füllen ihre Gläser zum Beispiel nur noch mit 95 Gramm Kaffeegranulat. Statt die Preise zu erhöhen, versuchen Hersteller mit diesem Trick die Preissteigerung zu kaschieren.

Die russische Statistikbehörde Rosstat gab an, dass der Eierpreis im vergangenen Jahr um 26 Prozent zugelegt habe. Und so hat ausgerechnet die neue Eierverpackung erst jetzt den Nerv der russischen Öffentlichkeit getroffen. Dabei erklärte der dänische Hersteller der Neuner-Kartons solche Verpackungen bereits seit zehn Jahren an russische Hühnerfarmen zu liefern.

Einkommen sinken fünf Jahre in Folge

Ein Glas mit löslichem Kaffee hat nur 95 statt 100 Gramm.
Ein Glas mit löslichem Kaffee hat nur 95 statt 100 Gramm. Bildrechte: MDR/Maxim Kireev

Einer der Gründe, warum das Thema jetzt plötzlich Aufmerksamkeit bekommt, sind die wachsenden sozialen Sorgen der Russen. Im vergangenen Jahr hatte die Regierung nicht nur eine Erhöhung des Renteneintrittsalters, sondern auch die Erhöhung der Mehrwertsteuer von 18 auf 20 Prozent beschlossen. Steigende Gebühren und Tarife sowie eine höhere Verschuldung der Haushalte sorgen dafür, dass die frei verfügbaren Einkommen mittlerweile seit fünf Jahren sinken. Diese Größe misst, wie viele Mittel die Haushalte zur Verfügung haben, nach Abzug aller Fixkosten und Rechnungen wie Kreditzinsen oder der Rechnung für Strom und Wasser. Verglichen mit 2013 ist die Summe der frei verfügbaren Einkommen unter Berücksichtigung der Inflation um etwa zehn Prozent gesunken.

Einerseits haben sich die verfügbaren Einkommen seit der Jahrtausendwende fast verdoppelt: Vor allem zwischen 2000 und 2007 legten die Reallöhne jährlich um 9 bis 15 Prozent zu. Selbst die zweistelligen Inflationsraten konnte der Anstieg locker übertünchen. Nach der Finanzkrise 2009 aber ebbte das Wachstum merklich ab und rutschte 2014 ins Minus, nachdem der gesunkene Ölpreis und Sanktionen Russlands Wirtschaft stagnieren ließen. Seitdem wuchs auch die Zahl der Armen von 14 auf etwa 20 Millionen. Und das, obwohl die Armutsgrenze in Russland aktuell bei äußerst bescheidenen 135 Euro liegt. Laut einer Umfrage des privaten Levada-Instituts empfinden 61 Prozent der Russen die Armut im Land als beschämend. 2015 lag der Wert noch bei 56 Prozent.

Putins Beliebtheit im Keller

Ein-Rubel-Münze vor russischer Fahne in der Zange
Bildrechte: IMAGO

Diese Ergebnisse dürften auch im Kreml für Besorgnis sorgen. Schließlich machen die sozialen Probleme von Millionen Russen auch vor der scheinbar unanfechtbaren Popularität des Präsidenten Wladimir Putin keinen Halt. Umfragen des staatlichen FOM-Instituts zufolge würden aktuell nur noch 47 Prozent der Russen für Putin stimmen. Im vergangenen Frühjahr, vor der Ankündigung der umstrittenen Rentenreform und der Erhöhung der Mehrwertsteuer, lag der Wert noch 20 Prozentpunkte höher. Vor allem die Steuererhöhung dürfte im laufenden Jahr die Preise weiter steigen lassen. Die russische Zentralbank schätzt die Inflation für das laufende Jahr auf 5 bis 5,5 Prozent.

Putins Sprecher Dmitrij Peskow ließ vor wenigen Tagen verlautbaren, dass die Bekämpfung der Armut für den Präsidenten von höchster Priorität sei. Nach der jüngsten Wiederwahl im vergangenen März gab Putin das Ziel aus, die Zahl der Armen bis 2024 zu halbieren. Eine Aufgabe, die selbst in der Regierung als hochgegriffen gilt. Vergangenen September erklärte die für Soziales zuständige Vizeregierungschefin Tatjana Golikowa, dass es derzeit keine ausreichenden Instrumente dafür gäbe. Arbeitsminister Maxim Topilin erklärte seinerseits kürzlich, dass die vollständige Beseitigung von Armut jährlich bis zu zehn Milliarden Euro an zusätzlichen Mitteln aus dem Haushalt kosten würde. Geld, das im russischen Budget nicht vorgesehen ist. Im laufenden Jahr will sein Ministerium dennoch zusätzliche "Instrumente zur Armutsminderung" ausarbeiten. 

Osteuropa

Pskow - eine der ärmsten Städte Russlands

Mehr zum Thema Armut in Russland erfahren Sie hier.

Burganlage in Pskow
Die Stadt Pskow hat mehr als 210.000 Einwohner. Sie liegt ganz im Westen Russlands - nur 50 Kilometer von der Grenze Estlands und damit auch der EU entfernt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Burganlage in Pskow
Die Stadt Pskow hat mehr als 210.000 Einwohner. Sie liegt ganz im Westen Russlands - nur 50 Kilometer von der Grenze Estlands und damit auch der EU entfernt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Armut in Russland
Pskow zählt offiziell zu den ärmsten Kommunen im russischen Riesenreich. Die Hilfsorganisation "Food for Life" verteilt drei Mal die Woche Essen an Bedürftige in der Stadt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Helferin verteilt Essen
Der Wohlstand im rohstoffreichen Riesenland ist ungleich verteilt. Große Teile der Bevölkerung sind arm - mehr als 20 Millionen Menschen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Helferin verteilt Lebensmittel
Vor allem Rentner und alleinerziehende Mütter sind auf Hilfe angewiesen. In Pskow kommen sie regelmäßig in die Essensausgabe von "Food for Life". Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Sergej Wlaskow sitzt im Auto
Doch die Mittel sind begrenzt. Der Leiter der Wohltätigkeitsorganisation "Food for Life", Sergej Wlaskow, hat Essen für maximal 50 Menschen pro Tag. Für mehr reichen die Spendengelder nicht. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Mann verpackt Lebensmittel
Seit einigen Jahren macht den Armen in Russland die drastische Verteuerung von Lebensmitteln enorm zu schaffen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Verfallenes Haus in Pskow
Dass die wirtschaftliche Lage in Pskow nicht die beste ist, davon zeugt auch das Stadtbild - in der Stadt gibt es auffallend viele marode Bauten und kaputte Häuser. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Soldat sitzt in Park vor Kirche
Auch viele Betriebe stehen still. Investoren sind nicht in Sicht. Die wichtigsten Arbeitgeber, die die Stadt am Leben halten, sind Zoll und Militär. Deshalb sind auch auffällig viele Uniformierte auf den Straßen zu sehen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Andrej Semjonow
Mangels Großinvestoren ist der Aktivist Andrej Semjonow auf Kleinspenden angewiesen. Der IT-Spezialist leitet die Wohltätigkeitsorganisation "Generation" und organisiert seit fünf Jahren Wohltätigkeitskonzerte. Sein Projekt "Gütiger Rock" soll die Spendenbereitschaft in breiten Schichten der Bevölkerung stärken. Semjonow sagt: "Mit jedem Konzert wächst unser Publikum. Mit Hilfe sozialer Netzwerke schaffen wir die fehlende Spendenkultur in Russland."
Auffällig sind aber auch viele Militärs, die in der Stadt anzutreffen sind. Ein großer Militärstützpunkt und der Zoll halten die Stadt finanziell am Leben.
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Sängerin am Mikrofon auf Bühne
Ein Konzert im Rahmen der Reihe "Gütiger Rock". Rockbands aus der russischen Provinz treten in einem Club auf und versuchen Spenden für die Bedürftigen zu sammeln. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Fans feiern bei Rockkonzert
Vor allem bei den jungen Pskowern kommt diese Initiative gut an. Ihr Gründer Andrej erklärt die schlechte wirtschaftliche Situation in seiner Stadt vor allem durch viel Bürokratie und hohe Steuern, die Investoren abschrecken würden. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Männer bauen in Werkstatt Möbel
Das in den Konzerten gesammelte Geld kommt unter anderem dieser Werkstatt zugute. Hier versucht man, Menschen mit geistiger Behinderung in die Arbeitswelt zu integrieren - ein für Russland einmaliges Projekt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Junge Frau arbeitet mit schleift Holzklotz
Die meisten Spenden für das Vorzeigeprojekt kommen aber aus Deutschland. Andrej Semjonow: "Mit unseren begrenzten Ressourcen können wir nicht viel bewegen. Unsere Projekte dienen lediglich dazu, unsere Machthaber und unsere Gesellschaft auf solche Probleme hinzuweisen." Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Jugendliche tanzen unter einer Brücke
Die Jugend von Pskow - nebenbei bemerkt einer der ältesten Städte Russlands - hofft auf eine bessere Zukunft. Das Graffiti auf der Brücke lautet: "Wir sollten nicht wie alle sein, denn wir sind jetzt schon wie alle." | Über dieses Thema berichtete der MDR auch im TV: 01.03.2018 | 19:30 Uhr Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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Forderung nach Standards

In der Duma dagegen haben sich einige Abgeordnete bereits auf Hersteller, wie die Hühnerfarm Waraksino, eingeschossen. In einem Brief an das Ministerium für Industrie- und Handel fordert etwa Michail Djyagterjow von der pseudo-oppositionellen Partei LDPR das Verbot von nicht standardisierter Verpackung für Grundnahrungsmittel wie Eier oder Milch.

Butter wiegt 180 Gramm
Bildrechte: MDR/Maxim Kireev

"Manchmal erkennen die Menschen erst zu Hause, dass sie weniger gekauft haben, als sie eigentlich wollten und fühlen sich betrogen. Genau darauf hoffen unredliche Hersteller", schreibt der Politiker. Das führe zu großer Besorgnis bei den Bürgern und schaffe Möglichkeiten, Verbraucher hinter das Licht zu führen.


Über dieses Thema berichtete MDR AKTUELL auch im TV: 09.11.2018 | 17.45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 21. Januar 2019, 15:52 Uhr

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