Russische Botschaft in Kiew mit einem Porträtbild des Journalisten Arkadi Babtschenko
Am Mittwochvormittag herrschte noch Trauer um den Journalisten Babtschenko. Bilder von ihm an der russischen Botschaft in Kiew. Bildrechte: IMAGO

Nachgefragt beim Kiewer Ostblogger "Ich fühle mich hinters Licht geführt"

Der Fall sorgte weltweit für Schlagzeilen: Am Dienstag inszenierte der ukrainische Geheimdienst SBU einen Mord am russischen Journalisten Arkadi Babtschenko, um nach eigenen Angaben einen Anschlag gegen ihn zu vereiteln und die Hintermänner zu entlarven. Unser Ostblogger und Kiewer Journalist Denis Trubetskoy fühlt sich von der Inszenierung hintergangen und erklärt, was die Menschen nun an Aufklärung erwarten.

Russische Botschaft in Kiew mit einem Porträtbild des Journalisten Arkadi Babtschenko
Am Mittwochvormittag herrschte noch Trauer um den Journalisten Babtschenko. Bilder von ihm an der russischen Botschaft in Kiew. Bildrechte: IMAGO

Der Fall des geplanten Anschlags auf den Journalisten Arkadi Babtschenko wirkt wie ein absurdes Theaterstück. Warum hat der ukrainische Geheimdienst den Journalisten öffentlich sterben lassen und nicht nur erklärt, den Anschlag auf ihn vereitelt zu haben?

Das ist eine Frage, auf die es bislang nur unzureichende Antworten gibt. Journalist Arkadi Babtschenko hat auf der Pressekonferenz am Mittwoch erklärt, er habe volles Vertrauen in den ukrainischen Geheimdienst SBU, wie dieser mit seinem Fall umgegangen sei. Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko sagte, die Vortäuschung des Mordes wäre der einzige Weg gewesen. Doch muss der Geheimdienst jetzt auch Beweise für seine Behauptungen liefern, dass der geplante Anschlag vom russischen Geheimdienst beauftragt worden sei. 

Der inszenierte Mord am Journalisten Babtschenko Am Dienstag vermeldete die ukrainische Polizei den Mord des prominenten Journalisten Arkadi Babtschenko. Tags darauf wurde überraschend bekannt: Babtschenko lebt. Auf einer Pressekonferenz trat er mit dem Chef des ukrainischen Geheimdienstes auf. Der erklärte, der inszenierte Mord sei eine über Monate vorbereitete Aktion gewesen, um Anschlagspläne des russischen Geheimdienstes zu enttarnen.

Journalist Babtschenko entschuldigte sich am Mittwoch vor allem bei seiner Frau, die von der Inszenierung nichts gewusst haben soll. Babtschenko lebte zuletzt im Exil in Kiew, weil er sich wegen seiner kreml-kritischen Berichterstattung in Russland zu unsicher fühlte.

Babtschenko war in den vergangenen Jahren vor allem als Blogger auf Facebook und Twitter tätig. Über 350.000 Menschen folgen ihm auf beiden Kanälen. Wie kommentieren seine Follower jetzt seinen Fall? Fühlen sie sich hinters Licht geführt, haben sie Verständnis für solche Geheimdienstmethoden?

Der russische Journalist Arkadi Babtschenko (M), Wassili Grizak (l), Chef des ukrainischen Geheimdienstes SBU, und Jurij Luzenko, ukrainischer Generalstaatsanwalt (r) reden auf einer Pressekonferenz mit Medienvertretern. Der angebliche Mord an Babtschenko sei eine über Monate vorbereitete Aktion gewesen, um Anschlagspläne des russischen Geheimdienstes zu enttarnen, sagte Grizak. Babtschenko erschien am Mittwoch lebendig und unverletzt bei einer Pressekonferenz des SBU
Der russische Journalist Arkadi Babtschenko (Mitte), links neben ihm der Chef des ukrainischen Geheimdienstes SBU, Wassili Grizak, und der ukrainische Generalstaatsanwalt, Jurij Luzenko, auf einer Pressekonferenz am Mittwoch. Bildrechte: dpa

Die Reaktionen fallen sehr unterschiedlich aus. Die meisten freuen sich natürlich, dass Babtschenko am Leben ist. Denn die Nachricht von seinem angeblichen Mord hatte nicht nur seine Leser-Community, sondern die gesamte Ukraine erschüttert. Das Land ist jetzt zugleich äußerst gespalten: Die einen halten die Geheimdienstoperation für absolut gerechtfertigt, die anderen sehen die Teilnahme Babtschenkos an den Ermittlungen absolut kritisch. Ironische Bemerkungen kamen von Babtschenkos früheren russischen Kollegen, Ilja Azar, mit dem er bei der unabhängigen "Nowaja Gazeta" zusammengearbeitet hat. Der sagte, was sich Babtschenko zusammen mit dem Geheimdienst ausgedacht habe, sei zu hart. Unter Journalistenkollegen gehe gerade der Vorschlag um, 'Arkadi kollektiv die Fresse zu polieren'. 

Der Fall wird die politischen Spannungen zwischen Kiew und Moskau neu anheizen. Die Ukraine beschuldigt Moskau, für die Tat verantwortlich zu sein. Moskau weist das zurück. Von Deutschland aus wirkt das alles wie eine große Propagandaschlacht. Für wie glaubwürdig hält man in Kiew das Vorgehen des Geheimdienstes?

Sowohl das ukrainische Innenministerium als auch der Inlandsgeheimdienst SBU genießen schon jetzt nicht besonders großes Vertrauen in der Bevölkerung. Einen Mord an einem prominenten Journalisten vorzutäuschen, halten viele in der Ukraine für sehr umstritten. Ich hatte in den vergangenen beiden Tagen nicht einen einzigen Moment lang an der Echtheit des Babtschenko-Mordes gezweifelt. Jetzt fühle ich mich als Journalist hinters Licht geführt. Der ukrainische Geheimdienst muss meiner Meinung nach jetzt wasserdichte Beweise liefern, sonst wird ihm dieser Fall einen riesigen Imageverlust bescheren.

Wo hatte denn Babtschenko zuletzt Feinde?

Polizeiwagen stehen vor dem Hauseingang des russischen Oppositionsjournalisten Arkady Babchenko in Kiew, Ukraine.
Noch am Dienstag hatte der ukrainische Geheimdienst den Mord an Babtschenko inszeniert. Bildrechte: IMAGO

Er war während der Maidan-Revolution 2013 immer wieder in Kiew, er war auch oft im Donbass unterwegs. Seine Kritik an Kreml-Chef Wladimir Putin ist äußerst deutlich ausgefallen. In der Ukraine sagt man über ihn, er sei ein Russe, der die Kritik an Putin wirklich auf den Punkt bringe. Er wird als jemand wahrgenommen, der angstlos sagt, was er denkt. Man kann ihn aber weniger als Journalist bezeichnen, als vielmehr als schreibenden Aktivisten. Feinde hat er sich damit vor allem in Russland gemacht.

In den vergangenen zehn Jahren sind allein in der Ukraine zehn Journalisten getötet worden, darunter auch der Kreml-kritische Journalist Pawel Scheremet, der im Juli 2016 auf dem Weg zur Arbeit durch eine Autobombe getötet wurde. Die Täter sind bis heute nicht gefasst. Wer verhindert in Kiew die Aufklärung?

Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko sagte nach dem Mord an Scheremet, dass die Aufklärung des Anschlages höchste Priorität habe. Nur leider haben wir hier alle den Eindruck, dass nicht tatkräftig ermittelt wird. Viele neue Erkenntnisse zum Fall fanden vielmehr Journalisten heraus und weniger die Ermittler. Das ist doch sehr bezeichnend. Es ist schwer zu sagen, wer die Aufklärung verhindert. Für mich bleibt die Frage, ob es überhaupt ernsthaftes Interesse an einer Aufklärung gibt?

Journalistenmorde in Osteuropa In den vergangenen zehn Jahren waren Journalistenmorde in Osteuropa keine Seltenheit. Die meisten Morde wurden in Russland und der Ukraine an Journalisten begangen - zehn pro Land im vergangenen Jahrzehnt. Das besagen Zahlen von "Reporter ohne Grenzen" und dem "Komitee zum Schutz von Journalisten".

Du arbeitest seit zehn Jahren als Journalist in Kiew. Welche brenzligen Situationen hast du persönlich als Journalist erlebt?

Es sind natürlich nicht alle Politiker mit dem zufrieden, was ich schreibe. Ich wurde schon mehrmals zu Pressesprechern zitiert, die mir zu verstehen gaben, dass sie künftig eine andere Linie wünschen und mit Konsequenzen drohten. Andererseits hoffe ich, dass ich durch meine Tätigkeit als Auslandskorrespondent einen gewissen Schutz in Kiew habe. Und dennoch: Die Unsicherheit unter uns Journalisten ist schon stark. Ich achte beispielsweise darauf, wer in meinem Wohnblock ein- und ausgeht.

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL auch im: FERNSEHEN | 30.05.2018 | 19:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 31. Mai 2018, 13:31 Uhr