Rechtsruck in der Ukraine: Die Gruppierung S14

Sie greifen Roma-Siedlungen an und randalieren auf den Straßen: Die rechtsradikale Gruppierung S14 gewinnt in der Ukraine zunehmend an Bedeutung.

von Denis Trubetskoy

Männer mit S14-T-Shirts halten Bengalfackeln
Laut und provozierend: Mitglieder von S14 bei einem Protest in Lwiw. Bildrechte: S14

"Schluss mit Saufen, Zeit für Revolte." Mit solchen Slogans gingen die Mitglieder der rechtsradikalen Organisation S14 Mitte September 2018 auf die Straßen am Stadtrand von Kiew. Im Rahmen des sogenannten "Marsches für die gesunde Jugend" protestierten sie gegen die Existenz der sogenannten "Naliwajki" – zu Deutsch: günstige Bierlokale. Alkoholkonsum gilt in der Organisation als verpönt. Zum Teil maskiert, randalierten einige S14-Mitglieder sogar in einigen Naliwajki. Es war nicht der erste Fall, mit dem die umstrittene Gruppierung S14 Schlagzeilen machte.

Brutale Angriffe am Hitler-Geburtstag

Bis zur Maidan-Revolution 2013 war S14 einfach "nur" die Jugendorganisation der rechtsextremen Swoboda-Partei. Kaum von Bedeutung. 2018 fielen sie erstmals international auf: Am Geburtstag von Adolf Hitler, am 20. April, griffen sie ein Roma-Lager in Lysa Hora bei Kiew an. Augenzeugen beschreiben wie S14-Mitglieder mit Sturmmasken das Lager anzündeten, während sich die Roma in einer Garage verbarrikadierten. Sie hätten die Roma friedlich und auf Grundlage des Gesetzes aufgefordert, die Ortschaft zu räumen, so die Lesart der S 14.

Und das ist noch nicht alles, denn der Angriff auf die Roma-Siedlung ist nur einer von vielen Vorwürfen, die gegen S14 im Raum stehen: So sollen Mitglieder der Organisation prorussische Kriegsdienstverweigerer angegriffen und eine Gedenkaktion an die von Neonazis ermordeten russische Menschenrechtler Anastasija Baburowa und Stanislaw Markelow gestört haben. S14-Mitglieder gehören auch zu den Hauptverdächtigen im Mordfall des Kiew-kritischen Journalisten Oles Busyna, der 2015 in der Nähe seines Kiewer Wohnblocks erschossen wurde.

Ukraine Rechtsradikale S14 Opfer
Gedenkveranstaltung für Anastasija Baburowa und Stanislaw Markelow. Die Journalistin und der Menschenrechtler waren 2009 erschossen worden. Bildrechte: dpa

Ukrainische Sicherheitsbehörden auf dem rechten Auge blind?

Trotz vieler Skandale reagieren die ukrainische Sicherheitsbehörden nur verzögert oder in einigen Fällen auch gar nicht auf die S14-Aktionen. Offenbar aus gutem Grund. S14-Chef Karas musste Ende 2017 eine Kooperation u.a. mit dem ukrainischen Inlandsgeheimdienst SBU zugeben. Diese beschränkt sich jedoch nach Angaben von Karas jedoch auf den Informationsaustausch über vermeintlichen Separatisten, die S14 seit Jahren beobachtet haben will. Dass ukrainische Sicherheitsbehörden mit Rechten kooperieren ist nicht neu, dennoch ist es bei S14 besonders bemerkenswert, weil die Gruppierung u.a. umstrittene Symbolik wie das Keltenkreuz offen einsetzt. "Wir wollen vor allem die Rechte ethnischer Ukrainer und nicht die der Polen und Brasilianer schützen", sagt Jewhen Karas über die gesellschaftliche Ausrichtung von S14. Die Organisation positioniert sich klar gegen Feminismus, will nach eigenen Worten nicht, dass der Kampf um die LGBT-Rechte zur politischen Agenda gemacht wird. "Die nicht traditionelle, sexuelle Orientierung sollte man lieber zu Hause ausleben", meint Karas, der in seinen öffentlichen Auftritten auch gerne gegen linke Bewegungen hetzt. Eine Entwicklung, die einen angesichts der zunehmenden Bedeutung von S14, nachdenklich machen dürfte.


S14, ausgesprochen heißt es "Sitsch", steht für "Sila i tschest", was Stärke und Ehre bedeutet. Angeführt wird die Organisation von Jewhen Karas. Es existieren Fotos, auf denen er den Hitlergruß zeigt. Karas behauptete jedoch, er habe damit nur "Kommunisten ärgern wollen". Die Organisation ist offiziell registriert, landesweit gibt es mehrere hundert Aktivisten. Doch genaue Mitgliederzahlen sind nicht bekannt. Anfangs gehörten zu S14 vor allem Studenten und junge Arbeiter. Viele sind bis heute dabei und die, die sich heute nicht aktiv beteiligen, unterstützen S14 finanziell. Außerdem erhält S14 öffentliche Fördergelder für zwei Projekte der Organisation: Die sogenannte "Bildungsversammlung" und das "Nationale Menschenrechtszentrum". Diese staatliche Unterstützung wird in der Ukraine kritisiert. Für S14 ist es aber auch eine Form der Tarnung, um nicht ausschließlich mit der rechten Szene in Verbindung gebracht zu werden.


Über dieses Thema berichtete MDR AKTUELL auch im: TV | 02.09.2018 | 19:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 01. Oktober 2018, 09:54 Uhr

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