Ein Fußgänger läuft an einem Schriftzug 'Kosova Republike!' (Republik Kosovo) in Pristina vorbei.
Das Kosovo erklärte sich 2008 unabhängig, Serbien erkennt das aber nicht an. Das Kosovo war zuvor eine serbische Provinz. Bildrechte: dpa

Belgrad | Pristina Neue Spannungen zwischen Serbien und Kosovo

Serbische Vertreter haben am Dienstag ihre Beteiligung an der Kosovo-Regierung aufgekündigt. Dem Land droht eine politische Krise. Grund für den Eklat: die kurzzeitige Verhaftung eines serbischen Funktionärs im Kosovo.

von Andrej Ivanji, Belgrad

Ein Fußgänger läuft an einem Schriftzug 'Kosova Republike!' (Republik Kosovo) in Pristina vorbei.
Das Kosovo erklärte sich 2008 unabhängig, Serbien erkennt das aber nicht an. Das Kosovo war zuvor eine serbische Provinz. Bildrechte: dpa

"Gibt's jetzt wieder Krieg?", fragte besorgt eine Frau mit Lockenwicklern im Haar bei einem Friseur im Zentrum Belgrads. So absurd die Frage auch klingen mochte, ganz abwegig war sie nicht. Denn in Serbien hatte man am Montagnachmittag das Gefühl eines Ausnahmezustandes. Die wichtigsten Fernsehsender unterbrachen das Programm für "Breaking News": Der Chef des serbischen Regierungsbüros für das Kosovo, Marko Djurić, war bei einem Besuch im Kosovo festgenommen worden.

Dutzende Verletzte bei Festnahme

Marko Djuric Berater des serbischen Präsidenten Tomislav Nikolic spricht mit den Medien.
Das Bild von Marko Djuric, dem Chef des serbischen Regierungsbüros für das Kosovo, stammt von 2013, aufgenommen in Brüssel. Bildrechte: IMAGO

Die TV-Aufnahmen zeigten, wie die kosovarische Polizeispezialeinheit ROSU in der ethnisch geteilten Stadt Mitrovica im serbischen Stadtteil in ein Gebäude eindrang, in dem sich lokale Serben mit hochrangigen Funktionären aus Belgrad getroffen hatten. Tränengas wurde auf Serben abgefeuert, Menschen geschlagen, die den Polizisten den Weg versperren wollten. Es gab Dutzende Verletzte. Der serbische Funktionär Marko Djurić wurde in Handschellen abgeführt. "Es riecht wieder nach Krieg", sagte daraufhin einer der Augenzeugen.

In Serbien löste der Vorfall helle Empörung aus. Politische Analysten, Sicherheitsexperten, Diplomaten, Politiker sowie Journalisten kommentierten die Verhaftung von Djurić. Von einer "einer Art Kriegserklärung" war die Rede, von einer "gewollten Erniedrigung Serbiens", von einem "Gewaltakt" auf das "wehrlose serbische Volk" mit der "Unterstützung des Westens".

Vučić spricht vom "Schurkenstaat"

Aleksandar Vucic
Serbischer Präsident Aleksander Vučić Bildrechte: IMAGO

Seine Empörung machte auch Staatschef Aleksander Vučić nach einer Dringlichkeitssitzung des serbischen Rates für nationale Sicherheit deutlich. Am Montagabend sprach er von einem "brutalen Akt des Wahnsinns". Der Besuch serbischer Funktionäre im Kosovo sei rechtzeitig angekündigt worden - nach allen Regeln, die das Brüsseler Abkommen zwischen Belgrad und Pristina vorsehe. Dennoch habe die albanische Seite serbischen Funktionären die Einreise in das Kosovo nicht genehmigt.

Was Vučić nicht sagte, war, dass Marko Djurić offenbar über einen illegalen Grenzübergang nach Mitrovica eingereist war. Anderen serbischen Funktionären, unter anderen dem Verteidigungsminister und dem Kulturminister, wurde an der Grenze mit dem Kosovo – in Serbien heißt sie "administrative Trennlinie" – die Einreise verweigert. Djurić wurde inzwischen wieder freigelassen.

Vučić nannte das Kosovo einen "Schurkenstaat". Der EU-Mission im Kosovo, Eulex, warf der serbische Staatschef vor, der "terroristischen Bande" bei dem "illegalen Einmarsch" in den serbischen Teil von Kosovska Mitrovica beigestanden zu haben. Der regierenden "Bande" in Pristina gefalle es nicht, was Djurić von ihnen und der "sogenannten" Unabhängigkeit des Kosovo halte. Vučić kündigte zudem an, dass Serbien alle Beteiligten strafrechtlich verfolgen werde.

Viele Vorwürfe Richtung Pristina

In der Rede von Vučić stecken eine Menge politischer Botschaften. Vučić erklärte, dass sich Pristina, anders als Belgrad, nicht an die Vereinbarungen aus dem Brüsseler Abkommen halte, das zur Normalisierung der Beziehungen zwischen den zwei Ländern führen sollte. Er warf der kosovarischen Regierung vor, die 2013 vereinbarte Gründung eines Bundes serbischer Gemeinden im Kosovo zu blockieren. Er drohte indirekt, dass sich Belgrad nach den jüngsten Ereignissen überlegen müsse, ob es Sinn mache, die Gespräche wieder aufzunehmen.

Telefonat mit Putin

Serbische Medien berichteten, dass sich Staatschef Vučić über die entstandene Krise telefonisch mit Russlands Präsidenten Wladimir Putin beraten habe. Der russische Botschafter in Belgrad, Alexander Tschepurin, stellte sich sofort auf die Seite Serbiens und sprach von einer "Provokation der Albaner im Kosovo". Im Gegensatz forderten EU-Vertreter Belgrad und Pristina auf, die Lage zu entspannen. In Brüssel und Washington sieht man die freundschaftlichen Beziehungen zwischen Serbien und Russland äußerst kritisch.

Lob auf kosovarischer Seite

Der Präsident des Kosovo, Hashim Thaci, lobte hingegen die Aktion der Polizeisondereinheit ROSU als "einwandfrei". Sie habe sich an das Gesetz gehalten und einen Mann verhaftet, der illegal die Grenze zum Kosovo passiert habe. Thaci erklärte allerdings nicht, warum ein anderer serbischer Funktionär, Nikola Selaković, der ebenfalls die Grenze illegal passierte, nicht festgenommen worden war. Kosovarische Medien berichteten, dass man Djurić wegen seiner "Hassreden" die Einreise in das Kosovo verweigert habe.

Wieder einmal zeigte sich, dass die Wendung "Pulverfass Balkan" immer noch aktuell ist und wie wenig es braucht, dass böses Blut hochkocht und unbeglichene historische Rechnungen in den Vordergrund treten.

Serben verlassen Kosovo-Regierung

Am Dienstag kündigten Vertreter der serbischen Minderheit als Reaktion auf den Vorfall an, die Kosovo-Regierung zu verlassen. Damit würde Kosovo-Regierungschef Ramush Haradinaj seine Mehrheit im kosovarischen Parlament verlieren. Im Kosovo würden wiederholt Neuwahlen und eine politische Krise drohen.

Kosovo-Konflikt Teil der EU-Beitrittsverhandlungen

Plakat vor dem serbischen Parlamentsgebäude in Belgrad
Vor dem Parlament in Belgrad stehen seit Jahren Plakate, die die früheren Luftangriffe der Nato anprangern. Bildrechte: Andrej Ivanji/MDR

Das mehrheitlich von ethnischen Albanern bewohnte Kosovo war nach dem Kosovokrieg und dem Ende der Nato-Luftangriffe im Jahr 1999 unter internationale Verwaltung gestellt worden. Zuvor war es eine serbische Provinz. 2008 hatte sich das Kosovo einseitig für unabhängig erklärt. Das erkennt die Regierung in Serbien aber nicht an. Brüssel erwartet von Belgrad eine Lösung der ethnischen Probleme im Kosovo, bevor die EU-Beitrittsverhandlungen weitergehen, doch stocken die Gespräche zwischen Belgrad und Pristina seit Jahren. Serbien wirft dem Westen hingegen vor, sich immer wieder auf die Seite der Albaner zu stellen, obwohl diese sich, im Gegensatz zu Belgrad, nicht an die Vereinbarungen hielten.

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL auch im: Radio | 11.06.2017 | 10:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 27. März 2018, 18:34 Uhr

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