MS-21: Russlands Luftfahrthoffnung hebt ab

Mit einem neuen Passagierflugzeug will Russland Airbus und Boeing Marktanteile abjagen. Dafür hat die russische Regierung Milliarden in die zivile Luftfahrt gepumpt. Ob sich die Investitionen auszahlen, ist jedoch zweifelhaft.

von Maxim Kireew

Er soll die Wiedergeburt einer ganzen Branche in Russland einläuten. Sein Name "MS-21" steht für "Verkehrsflugzeug des 21. Jahrhunderts" und soll Russlands einst ruhmreichen Flugzeugbau zu alter Größe bringen. Seit Mai hat der neue Flieger einige Teststarts absolviert. Bei Langzeittests am Boden war zudem noch eine Tragfläche aus Verbundstoffen vorzeitig zu Bruch gegangen. Nun scheinen die Probleme beseitigt.

Vergangene Woche absolvierte die Maschine einen Flug von Irkutsk in Russlands Osten bis zum Flughafen Zhukovskij, südlich von Moskau. Es war die erste Reise unter Bedingungen eines gewöhnlichen Linienflugs. Sechs Stunden brauchte die Maschine für die 4500 Kilometer. „Alle Flugzeugsysteme haben einwandfrei funktioniert“, erklärte der Testpilot nach der Landung.

Niedergang der sowjetischen Luftfahrt

Noch nicht all zu lange ist es her, da ließ die Kombination der Worte russisch und Flugzeug den Puls der Flugpassagiere steigen - und zwar vor Flugangst. Denn der Zerfall der Sowejtunion läutete auch den Niedergang der Luftfahrt auf dem Gebiet der ehemaligen UdSSR an. Fast jährlich stürzten die Tupolews und Yaks sowjetischer Bauart mit Dutzenden oder gar Hunderten Passagieren an Bord ab.

Das war ein Problem, das Russlands große Fluglinien dadurch lösten, dass sie ihre Maschinen bei den westlichen Marktführern Airbus und Boeing bestellten. Zwar liegt der Anteil der registrierten Flugzeuge aus heimischer Produktion noch heute bei etwa 15 Prozent, doch der Anteil am Passagierverkehr liegt bei weniger als fünf Prozent.

Konkurenz für Boeing und Airbus

Mit dem neuen Flieger vom Typ MS-21 will Russland die Vorherrschaft von Boeing und Airbus nun zumindest im eigenen Land brechen. Und wenn es nach Wladimir Putin geht, dann soll der Flieger auch noch viel mehr als das. Nicht weniger als die Wiedergeburt des einst mächtigen Flugzeugbaus soll der MS-21 vollbringen.

Je nach Ausstattung soll der neue Flieger etwa 170 bis 210 Passagiere auf einer Strecke von bis zu 6000 Kilometern transportieren können, Damit fliegt er genau in dem Segment der Schmalrumpfflugzeuge, in dem seine Konkurrenten, der "Airbus 320neo" und die "Boeing-737" angesiedelt sind.

Milliardensubventionen aus Moskau

Um mit der ausländischen Konkurrenz mithalten zu können, hat der russische Staat vor gut zehn Jahren die maroden Flugzeugbauer unter dem Schirm der staatlichen Holding namens "OAK" zusammengefasst. Seitdem hat die Regierung Milliarden von Euro in das Unternehmen gepumpt. Allein zwischen 2007 und 2012 flossen mindestens sechs Milliarden Euro an Zuschüssen in den neuen Konzern, der sein Geld ansonsten mit der Produktion von Militärjets verdient.

2015 ließ Putin weitere 1,5 Milliarden Euro in die zivile Sparte von OAK fließem. "Wir müssen in Russland ein Zentrum für zivilen Flugzeugbau schaffen. Wir haben dafür die notwendige Basis", erklärte der Staatschef damals vollmundig. Seit dem hat die OAK zwei Projekte auf die Beine gestellt, die kürzlich abgehobenen MS-21 und den schon seit fast sieben Jahren fliegenden "Sukhoi Superjet 100".

Patchwork-Flugzeug auf Augenhöhe

Beide Flugzeuge haben gemein, dass sie, anders als zu Zeiten der Sowjetunion, nicht mehr ausschließlich auf russische Komponenten setzen. So soll die MS-21 teilweise mit amerikanischen Turbinen von "Pratt & Whitney" ausgestattet werden. Auch die Hydraulik und Flugsteuerung, sowie Teile der Innenaustattung stammen von internationalen Zulieferern. Der Hersteller verspricht nicht nur Spritersparnis, sondern auch ein größeres Platzangebot im Innenraum.

Daran, dass das Flugzeug technisch mithalten kann, zweifeln die Experten nicht. Dass es jedoch kommerziell sein Erfolg wird, sehen viele skeptisch. Nur bei hohen Stückzahlen könne der Flieger seinen Konkurrenten die Stirn bieten und dafür muss er ein Exportschlager werden, meint etwa Andrej Kramarenko, Luftfahrtexperte von der Moskauer Higher School of Economics.

Geringe internationale Nachfrage

Boeing etwa beziffert den russischen Bedarf solcher Flugzeuge auf 40 Stück pro Jahr. Boeing und Airbus erreichen solche Stückzahlen in der gleichen Flugzeugklasse pro Monat. Aktuell liegen zwar nach Angaben des Herstellers 175 feste Bestellungen für den MS-21 vor. Mit "Interjet" aus Mexiko habe jedoch nur ein einziger ausländischer Käufer Interesse an der neuen Maschine gezeigt. "Die Airlines wollen abwarten, wie sich der Flieger bewährt", meint Kramarenko.

Ähnlich erging es auch dem ersten modernen Passagierflugzeug aus dem Hause OAK, dem "Suchoi Superjet 100". Zusammen mit ausländischen Partnern baut Russland einen Regionalflieger, der etwa 100 Passagiere transportieren kann. Weil jedoch neben staatlichen Gesellschaften aus Russland nur zwei ausländische Fluglinien nennenswerte Bestellungen aufgegeben haben, wurden bisher gerade ein Mal 150 Exemplare gebaut.

Über dieses Thema berichtet MDR auch im: TV | 19.10.2017 | 17:29 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 27. Oktober 2017, 16:17 Uhr

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