Soldaten kämpfen
Kämpfe in Debalzewo, an der Grenze zwischen Luhansk und Donezk Bildrechte: IMAGO

Konflikte zwischen Donezk und Luhansk

Die beiden selbsternannten "Volksrepubliken" Donezk und Luhansk in der Ostukraine werden von Russland unterstützt. Beide gelten als Einheit. Doch zwischen den beiden separistischen "Republiken" schwelen große Konflikte.

von Denis Trubetskoy

Soldaten kämpfen
Kämpfe in Debalzewo, an der Grenze zwischen Luhansk und Donezk Bildrechte: IMAGO

Wenn im Donbass-Konflikt das Wort "Grenze" fällt, ist meist die Konfrontationslinie an der Front gemeint, die das von Kiew kontrollierte Gebiet von den prorussischen Separatisten trennt. Dort wird tatsächlich am meisten gekämpft – und dort gelingt es trotz diverser Verhandlungen nicht, die beiden Konfliktparteien auf Abstand zu halten. Weniger wird über die eigentliche Grenze zwischen der Ukraine und Russland gesprochen, zu der Kiew seit dem Beginn der Kampfhandlungen im Donbass allerdings keinen Zutritt mehr hat. Diese Grenze ist der Knackpunkt der diplomatischen Verhandlungen: Die Ukraine würde gern die Kontrolle über die dortigen Grenzpunkte vor der Austragung der vereinbarten Lokalwahlen im Donbass übernehmen, doch sowohl Moskau als auch der Westen sehen dafür keine Notwendigkeit.

Zwei selbsternannte "Volksrepubliken"

Dass es im Donbass allerdings eine dritte Grenze gibt, weiß kaum jemand. Doch es gibt sie tatsächlich: Die zwischen den selbsternannten "Volksrepubliken" Donezk und Luhansk. Eigentlich ist diese Grenze unsinnig, denn die prorussischen Separatisten treten bei den Minsker Friedensverhandlungen quasi gemeinsam auf und werden beide weitgehend von Russland unterstützt. Dass die "Volksrepubliken" allerdings relativ unabhängig voneinander existieren, ist keine Formalität, sondern Realität. "Es sind zwei Pseudostaaten, die ihre Innenpolitik soweit es geht selbst bestimmen", sagt ein Journalist aus Donezk, der aus Sicherheitsgründen nicht namentlich genannt werden möchte. "Bei den globalen Fragen spielt Moskau natürlich die Schlüsselrolle. Doch vor Ort setzen die Anführer der Volksrepubliken ihre eigenen Interessen durch."

Die Chefs der "Volksrepubliken" können sich nicht leiden

Igor Plotnizki bei Militärparade in Lugansk
Der Chef der "Volksrepublik Luhansk", Igor Plotnizkij, bei einer Militärparade in Luhansk Bildrechte: IMAGO

Und diese Interessen sind durchaus unterschiedlich. Es ist kein Geheimnis, dass Alexander Sachartschenko, Chef der "Volksrepublik Donezk", und Igor Plotnizkij, Chef der "Volksrepublik Luhansk", keine besonders guten Beziehungen zueinander haben. "Die können einander nicht leiden", sagt Alexander Chodakowskij, früherer Chef des Sicherheitsdienstes der "Volksrepublik Donezk", der sich nun aber in Opposition zum Präsidenten Sachartschenko befindet. "Diese Konfrontation zwischen den beiden blockiert jegliche Zusammenarbeit. Es ist mittlerweile leichter, die Grenze zu Russland zu überqueren, als die zwischen den 'Volksrepubliken'". Tatsächlich ist die Lage an der Grenze zwischen Donezk und Luhansk immer schwierig – ein wichtiger Grund dafür sind die Zollkontrollen, die seit 2015 unregelmäßig durchgeführt werden.

Zollkonflikt

Die Zollkontrolle zwischen den nicht anerkannten Republiken in der Nähe der Grenzstadt Debalzewe, die Ende 2015 vorerst eingeführt worden ist, war der Startschuss für den Konflikt zwischen Donezk und Luhansk. Im Mittelpunkt dieses Konfliktes steht die Logistik: Die "Volksrepublik Luhansk" hat mittlerweile keine ständige Auto- und Bahnverbindung in das von Kiew kontrollierte Gebiet. Konkret heißt das vor allem eines: Die Waren aus der Ukraine müssen über Donezk eingeführt werden, denn die "Volksrepublik Donezk" hat gleich mehrere passende Kontrollpunkte. Davon wollte die Führung in Donezk profitieren und verlangte Gebühren von Luhansk für die Abfertigung und den Transit dieser Waren.

Alexander Sachartschenko bei einer PK in Luchansk, 2015.
Alexander Sachartschenko, Chef der Volksrepublik Donezk Bildrechte: dpa

Der Zollkonflikt bleibt grundsätzlich ungelöst und eskalierte zuletzt im Januar 2017. Es ist allerdings nicht die einzige Ebene, auf der die Unterschiede zwischen den beiden "Volksrepubliken" deutlich werden. "Es ist offensichtlich, dass das Leben in der 'Volksrepublik Donezk' deutlich angenehmer ist, auch wenn dies angesichts der gesamten Lage komisch klingen mag", sagt der Journalist aus Donezk, der gute Kontakte zu den Sicherheitsbehörden der beider "Republiken" hat. Die Art und Weise wie Sachartschenko in Donezk und Plotnizkij in Luhansk regieren, ist auch unterschiedlich: Trotz des großen Konflikts mit Sachartschenko spielt sein größter Opponent Chodakowskij immer noch eine große Rolle, während in Luhansk die Konkurrenten und Ex-Verbündete Plotnizkijs von der Bühne verschwunden sind.

Komplizierte Lage in der Region

Unter anderem ist im letzten September Gennadij Zygankow, Ex-Premierminister der "Volksrepublik Luhansk", ums Leben gekommen, die genauen Umstände sind bis heute ungeklärt. Andere einflussreiche Personen wie Alexej Karjakin oder Larisa Ajrapetjan sind aus der "Volksrepublik" wegen der andauernden Ermittlungen geflohen. Es wird vermutet, dass Plotnizkij sich auf solche Art von seinen Konkurrenten befreit. Nach außen geben sich Sachartschenko und Plotnizkij aber noch einmal anders: Während der Chef der "Volksrepublik Donezk" immer die Kriegsrhetorik in Richtung Kiew wählt und die Wahrscheinlichkeit jedes Kompromisses verneint, ist Plotnizkij deutlich leiser – und äußerte sich mehrmals, er könne sich seine Region als Teil der föderalen Ukraine vorstellen.

Deutlich wird nach zweieinhalb Jahren der militärischen Auseinandersetzung rund um den Donbass vor allem eines: In Donezk und Luhansk haben sich Strukturen etabliert, die zwar von Moskau kontrolliert werden, jedoch vor Ort ihre Freiheiten bekommen und versuchen, ihre eigene Politik durchzusetzen. Dass die beiden "Volksrepubliken" keine guten Beziehungen haben, macht die Lage in der Region noch einmal komplizierter – auch für die Regierung in Kiew, die die Reintegration des Donbass in die Ukraine anstrebt.

Soldat in Debalzewe (Ukraine)
Soldat der "Volksrepublik Luhansk" an der Grenze bei Debalzewo Bildrechte: IMAGO

Zuletzt aktualisiert: 15. Dezember 2017, 14:07 Uhr

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