Im Baltikum geht der Glaube verschiedene Wege

Es ist üblich, die drei kleinen Staaten Litauen, Lettland und Estland einfach "das Baltikum" zu nennen. Auch Reisebüros bieten oft eine "Reise ins Baltikum" an – und meinen damit eine Rundreise durch drei verschiedene Länder. Auf eine solche Reise begab sich nun auch Papst Franziskus vom 22. bis 25. September.

Papst Franziskus verlässt den Petersdom nach der Eröffnungsmesse für die Amazonas-Synode.
Bildrechte: dpa

"Diese drei Staaten sind ähnlich, aber auch ganz unterschiedlich", sagte der Papst im Flugzeug nach Litauen - der ersten Station seiner Reise - zu Journalisten. Und Recht hat er! Allein schon beim Glauben sind die Unterschiede im "Baltikum" groß.

Litauen – Hochburg der Katholiken

Berg der Kreuze in Šiauliai, Litauen
Auf dem Berg der Kreuze in Šiauliai verbinden die Litauer ihren katholischen Glauben mit der Erinneung an die Opfer der Fremdherrschaft über das Land. Bildrechte: IMAGO

Mein Land – Litauen – ist die Hochburg der Katholiken im Baltikum. Laut letzter Volkszählung aus dem Jahr 2011 sind 77 Prozent der Einwohner katholisch. Außerdem gibt es hier im Lande ca. fünf Prozent russisch-orthodoxe Einwohner und weniger als ein Prozent der Bevölkerung ist evangelischen Glaubens.

Ich bin theoretisch auch katholisch – getauft wurde ich aber erst spät, als ich sieben Jahre alt war und Litauen schon wieder unabhängig war. Denn während der sowjetischen Besatzung war Religion unerwünscht und viele Menschen wurden wegen ihres Glaubens verfolgt. Es gab aber viele treue Gläubige, die ungeachtet der Gefahr immer in die Kirche gegangen sind und ihre Kinder heimlich getauft haben.

So war es in der Familie meiner guter Freundin Raminta Mockaitienė. Ihre Familie ist in schlechten wie in guten Zeiten ihrem Glaube treu geblieben. Raminta praktiziert, anders als ich, die katholische Tradition weiterhin: Sie hat kirchlich geheiratet, ihre Kinder wurden getauft und sie geht öfter in die Kirche als nur zu Weihnachten und Ostern.

Besuch des Papstes – persönliches und nationales Ereignis

Auch die Visite des Papstes am 22. und 23. September war für Raminta ein Pflichtbesuch und zugleich eine große Freude. Raminta war mit ihrer Familie in der zweitgrößten Stadt Kaunas dabei und verkündete ihre Begeisterung darüber auf Facebook: "Papst. Segen. Was für ein wundervoller Augenblick!"

Raminta Mockaitienė
Raminta Mockaitienė - bei den Besuchen von Johannes Paul II. 1993 und Franziskus 2018 dabei Bildrechte: Raminta Mockaitienė

Bereits vor 25 Jahren, als der damalige Papst Johannes Paul II. Litauen besuchte, war sie dabei. Als kleines Mädchen sei sie geradezu überwältigt von der Anwesenheit des "göttlichen Vaters" gewesen, erzählte sie mir. Aber auch heute verspüre sie als praktizierende Katholikin noch eine ganz besondere Aufregung: "Wir warteten etwa 90 Minuten, bis wir das Papa-Mobil endlich zu sehen bekamen. Man konnte deutlich spüren, wie wichtig die Begegnung allen Anwesenden war – von jungen Familien mit Babys bis zu alten Menschen am Stock. Die allgemeine Stimmung war sehr andächtig und liebevoll – viele hatten sogar Tränen in den Augen. Nach seinem Segen hatte ich das Gefühl, wir alle sind ein Stück besser geworden. Es war ein toller Tag."

Das ganze Wochenende war der Papst das Hauptthema in Litauen. Jeder Schritt und Tritt wurde in Live-Übertragungen im öffentlichen rechtlichen Rundfunk und auf den Nachrichtenportalen gezeigt. Hunderttausende Menschen waren auch bei miesem Wetter in der Hauptstadt Vilnius und in Kaunas auf den Straßen und auf den Plätzen, an denen er im Papa-Mobil vorbeifuhr. Facebook füllte sich mit Bildern und Selfies von den kurzen Begegnungen – egal, wie weit weg oder wie kurz der Moment war.

Ein extra Feiertag in Lettland

Dom St. Marien gesehen aus dem Kreuzgang
St. Marien in Riga ist die Kathedralkirche der Evangelisch-Lutherischen Kirche Lettlands Bildrechte: IMAGO

Am Montag, den 24. September, reiste Papst Franziskus nach Lettland, wo ca. jeder dritte Einwohner Protestant ist, weitere 25 Prozent der Bevölkerung sind katholisch und etwa 20 Prozent russisch-orthodox.

Die Zahlen sprechen für sich und keiner zeigte sich überrascht, dass Papst Franziskus seine Reise in Litauen startete und hier am längsten blieb. Nach der Visite in Lettland kam er sogar zurück nach Vilnius zum Übernachten, weil von allen drei baltischen Staaten nur in Litauen eine Apostolische Nuntiatur (diplomatische Vertretung des Vatikans - Anm. d. Red.) ist.

Menschenmenge vor einer Kirche
Die weiße Basilika von Aglona ist ein internationaler Pilgerort und das geistige Zentrum der lettischen Katholiken. Zehntausende kamen hierher, um Papst Franziskus zu sehen. Bildrechte: IMAGO

Nichtsdestotrotz wurde auch in Lettland die Papstvisite groß gefeiert. Die Letten bekamen aus diesem Anlass sogar einen einmaligen Feiertag geschenkt. Das stieß allerdings nicht überall auf Zustimmung. Die Kolumnistin der Tageszeitung "Latvijas Avize" hatte schon vorab kritisiert: "Muss sich ein säkularer Staat finanziell an der Organisation des wichtigsten Ereignisses einer Konfession beteiligen? Ist die Bedeutung des Besuches nicht übertrieben? Aus katholischer Sicht, nein. Aber dahinter steckt ja auch eine politische Dimension. Die Entscheidung des Parlaments, den 24. September im ganzen Land zu einem Feiertag zu erklären, ist fragwürdig", schreibt sie im Kommentar, der auf der europäische Debattenplattform "Eurotopics" zitiert wurde.

Estland - eine der am wenigsten gläubigen Gesellschaften

Alexander-Newski-Kathedrale Tallinn
Die Alexander-Newski-Kathedrale in Tallinn: Das Gotteshaus der Orthodoxen mit den Zwiebeltürmen ist Pflicht bei einer Stadtbesichtigung. Bildrechte: imago/Rainer Weisflog

Doch am Papst kommt offenbar niemand vorbei. Auch in den estnischen Medien konnte ich die Live-Übertragungen vom Papstbesuch sehen. Der Stippvisite wurde also auch hier große Aufmerksamkeit geschenkt, obwohl die estnische Gesellschaft eine der am wenigsten gläubigen auf der Welt ist. In Estland sind insgesamt nur ca. 30 Prozent der Menschen überhaupt gläubig und nur 0,4 Prozent katholisch. Letztere sind gerade einmal rund 5.000 Menschen. Die größte Religionsgruppe stellen die Russisch-orthodoxen Gläubigen mit 16 Prozent. Zehn Prozent der Bevölkerung sind Protestanten.

Ursachen in der Geschichte

Die religiösen Unterschiede zwischen Litauen, Lettland und Estland haben ihre Wurzeln in der Geschichte.

Litauen gilt als das im Mittelalter zuletzt christianisierte Land in Europa. In den Zeiten des gemeinsamen Königreiches mit Polen wurde der Katholizismus praktiziert und dabei blieb es.

Lettland und Estland waren viel mehr von dem Deutschen Orden und Skandinavien beeinflusst, daher wurden sie eher protestantisch. Die Orthodoxen sind in Lettland und Estland stärker, weil dort auch viel mehr Russen leben als in Litauen.

Während der sowjetischen Besatzung gab es unterschiedliche Entwicklung im Glauben in allen drei Ländern. In Litauen war die Neugeburt des Glaubens besonders groß, als der Besatzer endlich weg war, in Lettland und Estland weniger. Aber eines hatten alle drei "Schwestern" gleich – den großen Wunsch und den Glauben an die Freiheit. Deshalb ist die Rundreise des Papstes zum Anlass des 100. Jubiläums der ersten Unabhängigkeit auch ein ganz besonderes Geschenk an alle drei Länder.

Über dieses Thema berichtet MDR Aktuell auch im Radio: 25.09.2018 | 11:38 Uhr

Ein Angebot von

Zurück zur Startseite