Kinder und Soldaten in historischen Uniformen posieren fröhlich vor der Kamera.
Polnischer Verteidigungsminister Antoni Macierewicz inmitten von Gedenkläufern. Bildrechte: Polnisches Verteidigungsministerium

Kult um "Verstoßene Soldaten" in Polen

Am 1. März ist in Polen der Nationale Gedenktag für die "Verstoßenen Soldaten" - für Partisanenkämpfer, die einst gegen das kommunistische Regime kämpften. Ein Stück Geschichte, das in Polen zum Kult stilisiert wird. Die PiS-Regierung hat großes Interesse daran.

von Monika Sieradzka

Kinder und Soldaten in historischen Uniformen posieren fröhlich vor der Kamera.
Polnischer Verteidigungsminister Antoni Macierewicz inmitten von Gedenkläufern. Bildrechte: Polnisches Verteidigungsministerium

Der 96-jährige Jan Podhorski ist über den neuen Partisanenkult positiv überrascht. Er selbst wurde im vorigen Jahr für seinen Kampf gegen die Sowjets vom polnischen Präsidenten Andrzej Duda zum General (a.D.) ernannt. Er hofft, dass "die auf dem roten Teller servierte Freiheit" ein Ende hat. Für Podhorski war Polen seit dem Ende des Zweiten Weltkrieg kein freies Land. Die "Freiheit", die 1945 mit den Sowjets kam, bedeutete für ihn eine neue Besatzung. Die Zeit nach 1989 war für ihn nur ein fauler Kompromiss zwischen Postkommunistischen und Reformkräften.

Ein kontroverses Stück Geschichte

Auch der 22-jährige Mateusz Plawski, der an der Warschauer Universität Sicherheitspolitik studiert, hat einen solchen Blick auf die Geschichte. Er wundert sich nicht, dass vor 1989 Partisanen wie Jan Podhorski von der Staatsführung als "Banditen" geächtet waren und als "Verstoßene Soldaten" galten. Dass man sie aber auch in den vergangenen Jahren negativ darzustellen versuchte, sei schockierend, meint er: "Ihre ganze Lebenshaltung, ihr kompromissloser Kampf schien offenbar vielen Menschen unbequem. Die Liberalen, die gegen Nationalismus sind, hielten sie für bedrohlich." Plawski geht da ganz anders vor: Für Mittwochabend hat er einen Gedenkmarsch zu Ehren der Partisanen mitorganisiert.

Verstoßene Soldaten werden polnische Widerstandskämpfer von antikommunistischen Untergrundorganisationen genannt, die von Mitte der 1940er-Jahre bis 1963 in Polen gegen das pro-sowjetische kommunistische Regime kämpften.

Das Interesse für Geschichte wecken

Studenten klären in Warschau Passanten über Partisanen auf.
Alexandra Konwerska und Dawid Helsner teilen Flyer aus. Bildrechte: MDR/Monika Sieradzka

Hilfe bekommt Plawski von seinen Kommilitionen. Sie verteilen Flyer über die einst geächteten Partisanen auf den Straßen von Warschau. Alexandra Konwerska  und Dawid Helsner tragen Uniformen aus dem Zweiten Weltkrieg und wollen die Passanten über die Partisanen aufklären. Doch viele seien gar nicht interessiert, klagt Alexandra. "Das Schlimme ist, dass sich viele Polen für ihre heldenhafte Geschichte gar nicht interessieren", sagt sie. Ihr Kommilitone Dawid erklärt es damit, dass viele Polen mental noch im Kommunismus verwurzelt seien. Doch die Waffenrepliken, die sie dabei haben, wecken Interesse - besonders bei jungen Männern.

Der Kampf wird heroisiert

Die Studentenaktion ist am heutigen Nationalen Gedenktag für die "Verstoßenen Soldaten" nur eine von vielen in Polen. In vielen Städten bauen Studenten Zeltlager der Partisanen nach, in denen man die Atmosphäre der damaligen Zeit erleben kann. Auch gibt es Gedenkläufe. Die Strecke ist oft 1.963 Meter lang. Die Länge steht symbolisch für das Jahr 1963 – als der letzte aktive antikommunistische Partisan vom kommunistischen Geheimdienst getötet worden war.

Der Warschauer Geschichtsprofessor Wlodzimierz Borodziej sieht den Partisanenkult kritisch. Für ihn ist das "reine Manipulation der Politik". Nicht nur die Partisanen hätten sich den Kommunisten widersetzt, sondern ebenso viele andere Polen – wenn auch nicht mit der Waffe in der Hand. Der neue Kult um die Partisanen aber habe "einen fatalen Einfluss auf die Mentalität der jungen Polen", so der Zeithistoriker, der auch als einer von zwei Direktoren dem Imre-Kertész-Kolleg an der Universität Jena vorsteht.

Soldaten 3 min
Bildrechte: MDR/Katrin Materna

Der Kampf als Spiel

Institut  für Nationales Gedenken, hier kann man die Befreiung von Partisanen nachspielen
Im Institut für Nationales Gedenken kann man die Befreiung von Partisanen nachspielen Bildrechte: MDR/Monika Sieradzka

Im Institut für Nationales Gedenken in Warschau teilt man die Bedenken von Borodziej nicht. Über die "Verstoßenen Soldaten" aufzuklären, ist eine der Hauptaufgaben der staatlich finanzierten Institution. In einem Raum im Haus kann man die Befreiung von Partisanen aus dem kommunistischen Gefängnis nachspielen – mit Hilfe von Waffenattrappen. "So werden die jungen Menschen hoffentlich inspiriert, noch mehr über dieses Stück Geschichte zu erfahren", sagt Karol Madaj, der den Raum konzipiert hat.

Die umstrittene Geschichtspolitik der PiS

Studenten klären in Warschau Passanten über Partisanen auf.
Studenten klären über Partisanenkampf in Warschau auf Bildrechte: MDR/Monika Sieradzka

Ein Thema sind die "Verstoßenen Soldaten" auch für hochrangige PiS-Politiker. Regierungschefin Beata Szydlo kam am Mittwoch zu einer Gedenkveranstaltung für die Partisanen. PiS-Senator Jan Zaryn freut sich darüber. Er hatte die Partisanen zur Würdigung in dieser Woche auch ins Parlament geladen. Dass sie für andere zum Vorbild würden, sei nur allzu verständlich, da in vergangenen Jahren "das Polentum in den Medien verspottet wurde", meint Zaryn. Und die Nation bräuchte schließlich ihre Helden.

Gegen Helden hat auch der Historiker Wlodzimierz Borodziej nichts. Doch will er nicht akzeptieren, dass die aktuelle Geschichtspolitik versucht, den Polen einzureden, dass sie etwas Besonderes seien. Auch gehe es der PiS-Partei um nichts Anderes, als alles zu diffamieren, was in den letzten 27 Jahren in Polen geschehen ist.


Über dieses Thema berichtete der MDR auch in diesen Sendungen: Heute im Osten - Reportage | 22.04.2017 | 18:00 Uhr
MDR Aktuell im TV | 21.04.2017 | 17:45 Uhr
MDR Aktuell im Radio | 07.04.2017 | 04:23 Uhr

(Zuerst veröffentlich am 01.03.2017)

Zuletzt aktualisiert: 01. März 2018, 11:44 Uhr

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