Nationalistischer Trash in Belgrad: Die Kneipe "Pawel Kortschagin"

In der Belgrader Kneipe "Pawel Kortschagin" kann man jeden Sonntag Spezialitäten aus Ländern essen, die das Kosovo nicht anerkannt haben. Dem Geschäft tut der kulinarische Patriotismus gut.

Bilder hängen an einer Wand. Weinflaschen stehen auf einem Regal.
"Kein Unfug!", droht der Sowjetsoldat dem Kapitalisten. Wandgestaltung im "Pawel Kortschagin". Bildrechte: MDR/Andrej Ivanji

So viel Politik und Geschichte in einer Kneipe. An den Wänden prangen Fotos und Gemälde von Tito und Lenin, jugoslawische Fahnen mit dem roten Stern, Symbole der jugoslawischen sozialistischen Selbstverwaltung. Das Ambiente ist "jugonostalgisch". Als "Jugonostalgiker" werden Menschen bezeichnet, die Jugoslawien nachtrauern - den guten, alten Zeiten der "Brüderlichkeit und Einigkeit".

Die meisten Besucher der Kneipe sind jedoch jung, kurz vor oder nach 1991 geboren, als der jugoslawische Bürgerkrieg begann. Sie haben Geschichten von Tito und Jugoslawien gehört. Eigene Erinnerungen an den großen, sozialistischen Vielvölkerstaat haben sie nicht. Und Pawel Kortschagin kennt auch kaum jemand. Der Held des Romans "Wie der Stahl gehärtet wurde" von Nikolai Ostrowski ist ihnen unbekannt. Das Buch, einst Pflichtliteratur an  jugoslawischen Schulen, vergessen.

Menschen stehen vor einem Gebäude.
Zweite Reihe: Das "Pawel Kortschagin" findet man in einem Hinterhof der serbischen Hauptstadt. Bildrechte: MDR/Andrej Ivanji

Jugoslawische Symbole und serbische Volksmusik

"Ich hatte keine Ahnung wer Pawel Kortschagin war, ich musste googeln", sagt beispielsweise Nevena Milojević (27). Sie hat Vergleichende Literatur in Belgrad studiert und arbeitet in einem Verlag. Die junge Frau findet, das "Kortschagin" sei ein "typisches Belgrader Hipster-Lokal". Sie und ihre Freunde gingen gern in die Kneipe, weil es da "auch mal wild zugeht" und Volksmusik live gespielt werde, und nicht wegen der Inneneinrichtung, auch wenn die "schon cool ist".

Die vorwiegend jungen Besucher der Kneipe verbindet nichts mit Titos Jugoslawien. Ihre Kindheit wurde vom aggressiven Nationalismus, dem internationalem Wirtschaftsembargo gegen Serbien, einer Hyperinflation, den Luftangriffen der Nato gekennzeichnet. Sie sind mit der Kosovo-Legende großgeworden, Geschichten über die "Wiege des Serbentums", mit Helden wie dem serbischen Fürsten Lazar, der bei der Schlacht auf dem Amselfeld gegen das Osmanische Reich 1389 gefallen war. Zwischen dem "irdischen und himmlischen Reich" entschied er sich der Legende nach für das himmlische. Die folgenden fünf Jahrhunderte war Serbien von den Osmanen besetzt.

Bilder hängen an einer Wand. Bierflaschen stehen vor einem Fenster.
Typisches Hipster-Lokal? Bier, Warnschilder, Gruppenfoto mit der Flagge des russischen Präsidenten. Bildrechte: MDR/Andrej Ivanji

Kosovo für immer und ewig

Weil das Kosovo für die Serben identitätsstiftend ist, hat sich der Eigentümer der Kneipe "Pawel Kortschagin", Vojin Cucić, etwas Neues einfallen lassen: Seit über einem Jahr werden dort jeden Sonntag kulinarische Spezialitäten aus rund 90 Ländern serviert, die die Unabhängigkeit des Kosovo nicht anerkannt haben. Gerade erst war die Republik Kongo dran. Es ist eine Geste des "patriotischen Realismus", die dem serbischen Zeitgeist viel mehr entspricht, als der sozialistische Realismus aus dem Kortschagin stammt.

Serbien erkennt die Unabhängigkeit des Kosovo nicht an, die 2008 ausgerufen wurde. Aus serbischer Sicht ist das Kosovo seine "südliche Provinz" mit den ältesten serbisch-orthodoxen Klöstern und wird das für immer und ewig bleiben. Nach den Luftangriffen der Nato 1999 wurden serbische Streitkräfte gezwungen, sich aus dem Kosovo zurückzuziehen. Mit der Unterstützung Russlands blockiert Serbien heute die Aufnahme des Kosovo in internationale Organisationen. Als "freundschaftlich" betrachtet man diejenigen Staaten, die ebenso handeln.

"Wir haben das Schöne mit dem Nützlichen verbunden", erklärt Vojin Cucić seine patriotische Speisekarte. So hätten die Besucher die Gelegenheit etwas Neues zu kosten und gleichzeitig ihren "patriotischen Geist" zu demonstrieren.

Bild hängt an einer Wand.
Klare Ansage: "Jede Woche stellen wir euch Spezialitäten aus Ländern vor, die das Kosovo nicht anerkannt haben." Bildrechte: MDR/Andrej Ivanji

Das Verbinden des Widersprüchlichen

Ob wegen der originellen Inneneinrichtung oder dem kulinarischen, patriotischen Flair – das Geschäft läuft gut. Die widersprüchlichen Symbole scheinen niemanden zu stören: Tito, unter dem Slowenen, Kroaten, Serben, Mazedonier, Albaner, Katholiken, Orthodoxe und Muslime, die "Völker und Völkerschaften", in einem sozialistische Staat gelebt haben, und der kulinarische Kampf für die "Wiege des Serbentums", der an den auf den Kopf gedrehten Patriotismus und den jugoslawischen Bürgerkrieg erinnert - den Kampf für das Kosovo von Slobodan Milošević.

"Der serbische Turbo-Nationalismus, vermischt mit jugoslawischer Wehmut und der Trash-Kultur, alles an einem Ort", findet Kneipenbesucherin Nevena Milojević. Als ob die Kneipe die heutige serbische Gesellschaft symbolisieren würde.

Um alles noch ein wenig wirrer zu machen, wird im "Pawel Kortschagin" kein serbisches Bier serviert, sondern Laško pivo, ein slowenisches Bier vom Fass. Slowenien war die erste Teilrepublik Jugoslawiens, die nach dem Entfesseln des serbischen Nationalismus Ende der 1980er-Jahre die Sezession angestrebt hatte. Diesem Beispiel folgten später Kroatien, Bosnien, Mazedonien, Montenegro und letztendlich die autonome serbische Provinz Kosovo. Serbische "Patrioten" boykottierten deshalb Anfang der 1990er-Jahre Produkte aus Slowenien.

Bilder hängen an einer Wand.
Stalin, Engels, Lenin - und die jugoslawische Flagge: die vorwiegend jungen Gäste scheinen das Ambiente zu mögen. Bildrechte: MDR/Andrej Ivanji

Über dieses Thema berichtete MDR AKTUELL auch im TV: 31.08.2018 | 19:30 Uhr

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