Ein T-34 Panzer im Museum Danzig
Ein sowjetischer T-34 Panzer im Museum des Zweiten Weltkriegs in Danzig. Die eigentlichen Kampfhandlungen und Heldentaten polnischer Soldaten kommen der polnischen Regierung zu kurz. Bildrechte: IMAGO

Danziger Museumsstreit vor Gericht: Opfer oder Helden?

Vor einem Jahr eröffnete das Danziger Museum des Zweiten Weltkriegs. Schon im Vorfeld gab es Streit um das Projekt und seine Geschichtsdarstellung. Nun klagt der Ex-Direktor des Museums gegen seinen Nachfolger.

von Monika Sieradzka

Ein T-34 Panzer im Museum Danzig
Ein sowjetischer T-34 Panzer im Museum des Zweiten Weltkriegs in Danzig. Die eigentlichen Kampfhandlungen und Heldentaten polnischer Soldaten kommen der polnischen Regierung zu kurz. Bildrechte: IMAGO

Ursprünglich sollte das Museum des Zweiten Weltkriegs in Danzig, der größte Museumsneubau Polens seit 1989, den Krieg aus verschiedenen Perspektiven darstellen. So zeigte die 2017 Ausstellung, die am 23. April 2017 eröffnet wurde, anfangs den Kampf anderer Staaten gegen Nazideutschland und die Leiden der Zivilbevölkerung. Das Leid des Einzelnen sollte so in den Mittelpunkt rücken, erklärten der Geschichtsprofessor Paweł Machcewicz und seine drei Mitarbeiter, die die Ausstellung fast ein Jahrzehnt lang konzipiert hatten.

Gericht als "letzte Instanz"

Doch das Ergebnis entsprach nicht der Geschichtsauffassung der regierenden PiS-Partei, die polnische Heldentaten in den Vordergrund stellen wollte. Die Ausstellung betone das "menschliche Unglück" der Zivilisten zu sehr, urteilten mehrere Gutachten, die 2016 auf Wunsch des Kulturministeriums entstanden sind. Dagegen fehle die Darstellung der "Abhärtung des Menschen" durch den Krieg.

Im März 2017 wurde der Direktor und Ausstellungsmacher Paweł Machcewicz dann auf Betreiben der Regierung abgesetzt und die Ausstellung im Sinne der PiS-Geschichtspolitik verändert. Das ging Machcewicz viel zu weit. Deshalb klagt er nun gegen das Museum, weil es seine Autorenrechte an dem "Werk" durch die Änderungen verletzt hätte.

Geschichtsklitterung der Regierung?

Für die Eingriffe in das Gesamtkonzept des Museums fordern Ex-Direktor Paweł Machcewicz und die drei anderen Macher der Ausstellung eine öffentliche Entschuldigung und die Entschädigung in der Höhe von 10.000 Zloty, rund 2.500 Euro. Das Geld solle an eine soziale Stiftung gehen.

Vor allem wollen sie durch das Verfahren aber noch einmal öffentlich darauf hinweisen, wie massiv die Regierung das Museum für politische Zwecke instrumentalisiert, um die Geschichte Polens während des Zweiten Weltkriegs in ihrem Sinne neu zu interpretieren. "Das Gericht ist die letzte Instanz, in der man die Integrität der Ausstellung verteidigen kann", sagt der Historiker.

Kernelemente der Ausstellung entfernt

Den Ausschlag für die Klage gab der Umstand, dass die neue Museumsleitung einen Film aus der Ausstellung entfernen ließ. Er hatte die Flüchtlingsbewegungen in Europa als Folge der Kriege in der Ostukraine und in Syrien dargestellt. An seiner Stelle wird jetzt der Trickfilm "Die Unbesiegten" gezeigt, der polnische Heldentaten während des zweiten Weltkriegs zeigt.

Die Botschaft sei, "dass wir die Tapfersten waren und von anderen verraten wurden, und dann haben wir noch alleine den Kommunismus gestürzt“, kritisiert Machcewicz. Auch das widerspreche der Urpsrungsidee, erklärt der Historiker: "Es war die universelle Botschaft des Museums, das der Hang zum Krieg in uns wohnt und dass auch heute Kriege um uns herum herrschen. Mit diesem Eindruck hat der Besucher das Museum verlassen."

Außerdem wurde ein sowjetisches Kinderbrettspiel aus den 1930er Jahren entfernt, das die Mechanismen der totalitären Propaganda illustriert hat. An seiner Stelle ist jetzt eine Pistole zu sehen. Das widerspreche laut Machcewicz dem ursprüngliche Ansatz, immer zwei Dimensionen totalitärer Systeme zu zeigen: Terror und die Propaganda. Die Änderungen zeigten, "wie die polnische Rechte den Kommunismus sehen will, also alleine als Terror, ohne aufzuzeigen, wie Ideologie und Propaganda die Massen verführt haben", so Paweł Machcewicz.

Polnische Geschichte im Vordergrund

Die Korrekturen des neuen Museumsdirektor Karol Nawrocki, seit April 2017 im Amt,  betreffen auch die inhaltlichen Schwerpunkte. So treten Einzelbiografien besonders heldenhafter Polen an die Stelle universeller Darstellungen. So wird das Leben der Krankenschwester Irena Sendler besonders beleuchtet, die über 2.000 jüdischen Kinder aus dem Warschauer Ghetto gerettet hat.

Denkmal des Warschauer Aufstandes von 1944 in Warschau
Der erfolglose Aufstand der Heimatarmee, die größtenteils aus jugendlichen Freiwillige bestand, gegen die deutschen Besatzer gehört heute zu den Nationalmythen Polens. Bildrechte: IMAGO

Dasselbe gilt für den polnischen Offizier Witold Pilecki, der sich freiwillig in das KZ Auschwitz einschleusen ließ, um Informationen über die Verbrechen der Nazis zu sammeln. 1948 wurde er von der 1945 an die macht gekommenen kommunistischen Führung des Landes für seine Mitgliedschaft in der polnischen Heimatarmee zu Tode verurteilt. Jene Untergrundarmee war es, die 1944 in Warschau den Aufstand gegen die deutschen Besatzer wagte und deren Kämpfer heute als Nationalhelden verehrt werden.

Auch einige Zahlen sollen korrigiert werden. Bislang wird die Zahl der Kämpfer der polnischen Heimatarmee auf 40.000 geschätzt. Die neue Museumsleitung spricht nun von 350.000 Partisanenkämpfern. Auch eine Auflistung der Opfer aller beteiligten Länder soll korrigiert werden. Darauf werden deutsche Soldaten neben Zivilisten in einer separaten Tabelle als "Kriegsopfer" aufgeführt. Auf der künftigen Tafel werden nur noch die Zahlen der Gesamtbevölkerung vor und nach dem Kriege stehen. 

Keine Angst vor dem Gerichtsprozess

Der Museumsstreit hat sich nach dem Regierungsantritt durch die nationalkonservative PiS im November 2015 zugespitzt. Angestoßen wurde die knapp 14 Millionen Euro Ausstellung noch unter dem liberalen Premierministers Donald Tusk und war der PiS schon während der Oppositionszeit ein Dorn im Auge. "Die Erziehung junger Polen darf sich nicht auf das Gefühl der Scham stützen, wie das heute der Fall ist, sondern auf ein Gefühl von Würde und Stolz", erklärt der PiS-Vorsitzende Jarosław Kaczyński seitdem mehrach.

In diesem Sinne will der Museumsdirektor Karol Nawrocki auch den Zweiten Weltkrieg darstellen. Der bevorstehende Gerichtsprozess bereitet ihm keine Sorgen. Dem polnischen Portal "dorzeczy.pl" sagte er:

Wenn das Gericht urteilt, dass ich als Direktor einer polnischen Kulturinstitution ein Verbrechen begehe, indem ich der Welt und den Polen polnische Helden und polnische Geschichte zeige, dann bin ich bereit, alle rechtlichen Konsequenzen zu tragen.

Über dieses Thema berichtete HEUTE IM OSTEN auch im TV in: TV | 02.02.2018 | 17:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 02. Februar 2018, 15:01 Uhr

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