Polen: Wenn die Unabhängigkeit zum Politikum wird

In Polen wird am 11. November der Tag der Unabhängigkeit gefeiert. Es ist ein emotionsgeladener Gedenktag. 1918 wurde Polen zum freien Staat. Viele meiner Landsleute sehen sich auch heute nicht unabhängig.

von Monika Sieradzka

Polnische Patrioten demonstrieren zum Unabhängigkeitstag in Warschau 2 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Am 11. November wird Warschau wieder weiß-rot, wie jedes Jahr. Tausende von Menschen mit weiß-roten Nationalfahnen versammeln sich mitten im Zentrum vor dem Kulturpalast, dem Symbol der kommunistischen Unterdrückung. Hier startet der traditionelle Unabhängigkeitsmarsch der Nationalisten. Von Jahr zu Jahr werden auch in anderen polnischen Städten immer mehr Märsche und Kundgebungen organisiert. Das Unabhängigkeitsstreben ist in der polnischen Mentalität tief verankert. Deshalb ist dieser Feiertag besonders wichtig.

Immer unter Druck

Die Fremdherrschaft zieht sich wie ein roter Faden durch die polnische Geschichte. Im 19. Jahrhundert war das Land von Preußen, Österreich und Russland besetzt. Die wiedergewonnene Freiheit nach dem I. Weltkrieg dauerte knapp 21 Jahre, bis zur deutschen Besatzung. 1945 kam der Kommunismus. 1989 durften wir endlich aufatmen und nach dem EU-Beitritt 2004 standen die Grenzen offen. Doch für viele ist die Anpassung an EU-Regeln wieder eine Beschneidung der Souveränität. Die PiS-Regierung drückt dieses Gefühl deutlich aus, indem sie viele EU-Regeln ignoriert. "Wir werden von den Knien aufstehen", lautet eine berühmte Parole des PiS-Vorsitzenden Jaroslaw Kaczynski.

Die Liebe zur Freiheit

Wir Polen neigen ganz deutlich dazu, uns ständig unter Druck zu fühlen. Am Unabhängigkeitstag manifestieren die Nationalisten ihren Patriotismus und protestieren gegen die liberale Ideologie, die aus Europa kommt. Von der fühlen sie sich jetzt nämlich unterdrückt. Die liberale Opposition versammelt sich an dem Tag auch zu Kundgebungen. Sie ist auch unter Druck. Für sie bedeutet die Politik der konservativen PiS-Regierung eine Freiheitsberaubung, die gegen Demokratie verstößt.

Osteuropa soll Westeuropa retten

Demonstranten in Warschau
Demonstration am polnischen Unabhängigkeitstag 2016 in Warschau Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

An den Märschen der Nationalisten nehmen alleine in Warschau jedes Jahr Zigtausende Menschen teil. Dieses Jahr lautet die Hauptparole: "Wir wollen Gott". Die Worte knüpfen an ein in Polen bekanntes Kirchenlied an. "Wir Polen wollen an die Werte erinnern, die ein Fundament unserer Identität und unserer Nation sind. Die sind auch der Kern Europas und der lateinischen Zivilisation, die einer Destruktion unterliegt" - so die Erklärung der Organisatoren. Voriges Jahr lautete die Parole "Polen - ein Bollwerk Europas". Damit wollte man den "Verfall" des alten liberalen Westeuropa betonen.

Die Erneuerung, die Rettung, soll natürlich aus Osteuropa kommen. Es soll die Rückkehr der starken Nationalstaaten sein. Da sprechen die polnischen Nationalisten mit der gleichen Stimme wie die ungarische Jobbik-Partei, deren Mitglieder regelmäßig als Gäste beim Warschauer Unabhängigkeitsmarsch auftauchen.

Der Patriotismus wurde nationalistisch

Der Tag der Unabhängigkeit ist ein großes Festival des Patriotismus, der für die Polen aus historischen Gründen nach wie vor sehr wichtig bleibt, auch wenn es anderen altmodisch erscheinen mag. Aus meiner Sicht wurde diese polnische Nationaleigenschaft von den liberalen Regierungen total übersehen. Die Nationalisten wussten es gut auszunutzen und haben sich das ganze patriotische Vokabular einverleibt. Das führt dazu, dass jeder, der sich 2017 in Polen als Patriot bezeichnet, sofort als Nationalist gilt. Was ich sehr schade finde.

Über dieses Thema berichtete der MDR auch in der Heute im Osten-Reportage "Polulisten an die Macht" im TV: MDR | 06.08.2017 | 23:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 10. November 2017, 16:20 Uhr

Ein Angebot von

Unsere Ostbloggerin in Polen

Zurück zur Startseite