Oliver Stones Interview mit Russlands Präsident Putin

Was treibt Russlands Präsidenten an? US-Regisseur Oliver Stone hatte eine großartige Gelegenheit, das zu verstehen. Doch er ließ seine Chance ungenutzt.

von Maxim Kireev

Fast 19 Stunden Ausgangsmaterial hatte der berühmte amerikanische Regisseur mit dem mächtigsten Mann Russlands gedreht. Etwa vier Stunden davon hat Oliver Stone für seinen Film "The Putin Interviews" ausgewählt, den kürzlich in den USA und auch in Russland Millionen Zuschauer zur besten Sendezeit sahen. Am Ende war es allerdings eine kleine Sequenz, nur wenige Minuten lang, die für den größten Wirbel sorgte. Stone und Putin reden gerade über Syrien, als der russische Präsident plötzlich ein Smartphone in die Hand bekommt. Dem sichtlich interessierten Amerikaner zeigt der Russe eine Nachtsichtaufnahme. Darauf zu sehen sind Menschen, die als helle Figuren quer über den Schirm rennen. Plötzlich werden sie von Explosionen erfasst. "Das ist die Arbeit unserer Luftwaffe", erklärt der Präsident trocken. Der Pilot, so ein russischer Funkspruch auf der Aufnahme, wolle noch einen zweiten Anlauf nehmen.

Ein Fake-Video?

Die Männer sollen IS-Terroristen sein, schwer bewaffnet. Das Video zeige, wie russische Hubschrauber die Kämpfer präzise vernichten. Einziges Problem: Das stimmt so nicht. Russische Journalisten hatten nur wenige Stunden gebraucht, um das Original des Videos zu finden. Es handelt sich um Aufnahmen, gemacht aus amerikanischen Hubschraubern in Afghanistan vor einigen Jahren, unterlegt mit dem Funkverkehr ukrainischer Kampfpiloten. Putin hatte sich offenbar von seinen Helfern ein Fake-Video, das seit Längerem bei Youtube kursiert, unterschieben lassen.

Kritische Nachfragen – Fehlanzeige

Oliver Stone, US-amerikanischer Regisseur, Drehbuchautor und Produzent
US-Regisseur Stone unterlässt es, kritisch bei Putin nachzufragen Bildrechte: IMAGO

Der Fauxpas ist zwar eine mehr oder weniger unbedeutende Episode des Films. Tatsächlich fasst sie jedoch perfekt zusammen, was Stones Film über Putin ausmacht. Der Präsident darf in völliger Abwesenheit kritischer Nachfragen seine Sicht der Dinge darstellen, egal ob sie stimmt oder nicht. Dass Politiker weltweit darin geübt sind, den Zuhörern ihre eigene Version der Realität zu verkaufen, ist nichts Außergewöhnliches. Doch spätestens nach dem Video fragt man sich, ob Putin wirklich das glaubt, was er sagt - oder ob er sich nicht doch von seinem Umfeld über den tatsächlichen Stand der Dinge täuschen lässt bzw. die Zuhörer absichtlich täuschen will.

Zum Balljungen degradiert

Stone hätte als einer der wenigen Journalisten in seinen ellenlangen Gesprächen die Chance gehabt, hinter die Kulissen von Putins Weltbild zu blicken. Stattdessen hat Putin den Amerikaner, der in seiner Karriere bereits Jassir Arafat, Fidel Castro und Hugo Chavez ausführlich interviewte, zu einem Balljungen degradiert, der ihm die Fragen wie Tennisbälle serviert. Stellenweise überkommt den Zuschauer das Gefühl, Putin könne es kaum abwarten, bis sein Gegenüber die Frage endlich zu Ende führt, damit er dem westlichen Zuschauer in Person von Oliver Stone endlich die Welt erklären kann ...

Wenige Neuigkeiten

Tatsächlich hat der Film wenig Neues zu bieten. Die einzige wirkliche News in dem Vierteiler besteht darin, dass der 64-jährige Wladimir Putin tatsächlich Großvater ist. Ein Umstand, den Putin russischen Journalisten bisher nicht verraten wollte. Überhaupt sind Berichte über Putins Familie oder sein Privatleben in Russland tabu. Ansonsten folgt Putin in seiner Darstellung der Realität, die seine Staatsmedien seit Jahren schon zeichnen. Putin trägt seine politischen Vorlieben nur noch etwas offener als sonst zur Schau. Stalin, so der Präsident, werde zu sehr dämonisiert, während er selbst kein großer Fan der sowjetischen Reformer Chruschtschow und Gorbatschow sei. Letzterer habe sich von der NATO in Sachen Osterweiterung übers Ohr hauen lassen, und den Zerfall der Sowjetunion mitverschuldet, der das Land in Armut und Chaos stürzte.

Und dann kam er, Putin. Unter seiner Herrschaft habe Russland mit dem Wiederaufbau begonnen, die Armut bekämpft, das demographische Problem gelöst und seine militärische Schlagkraft zurückerlangt. Der Westen wiederum habe sein Land, so der Präsident, weiter eingekreist, mit Militärbasen und den Plänen einer Raketenabwehr, die noch George W. Bush Anfang der 2000er Jahre in Umlauf brachte. Der vorläufige Höhepunkt westlicher Angriffe sei die Ukraine-Krise, wo der Westen, sprich die USA und ihre Vasallen, die nationalistische Opposition beim gewaltsamen Staatsstreich unterstützten.

Fallende Einschaltquoten

Stone widerspricht nicht. Wenn man es wohlwollend auslegt, könnte der Autor es darauf anlegen, Putin die Selbstentlarvung zu überlassen, statt mit dem Interviewpartner zu streiten. Doch das Problem ist wohl, dass Stone auf Putin hereinfällt. Er bezeichnet ihn als ausgezeichneten CEO, der das "Unternehmen Russland" erfolgreich leite. Putin dürften solche Vergleiche schmecken. Leider verspielt der Regisseur die Chance zu hinterfragen, wie viel von Putins Weltbild wirklich Überzeugung ist, und wie viel ein Fake und blanke Propaganda, wie das Video aus Syrien. Das übrigens sei echt, beteuert der Kreml nach wie vor und stamme aus einem Bericht des Verteidigungsministeriums. Für die russischen Zuschauer, die die Propaganda nun schon auswendig kennen dürften, wurde der Film deshalb von Folge zu Folge langweiliger. Hatten bei Folge eins noch 6,5 Millionen Zuschauer zur besten Sendezeit eingeschaltet, schrumpfte diese Zahl zur letzten Folge trotz massiver Werbung im Fernsehen auf knapp fünf Millionen, was einer Einschaltquote von 7,3 Prozent entspricht.

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL auch im TV: MDR | 30.06.2017 | 17:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 27. Juni 2017, 15:34 Uhr