"Pol 'and' Rock": Ein Musikfestival am Pranger

In Küstrin beginnt das alljährliche Musikfestival "Pol 'and' Rock", früher als "Haltestelle Woodstock" bekannt. Sein Gründer Jurek Owsiak, ein Liberaler und eine der bekanntesten Persönlichkeiten Polens, ist der regierenden PiS ein Dorn im Auge. Die Polizei hält das Festival für ein Sicherheitsrisiko. Doch die Veranstalter lassen sich nicht einschüchtern.

von Monika Sieradzka

Festivalbesucher sitzen 2011 in einem Plantschbecken im Schlamm
Unbeeindruckt von allen politischen Diskussionen: die Festivalteilnehmer haben Spaß. Bildrechte: IMAGO

Aus allen Ecken des Landes bringen Sonderzüge der polnischen Bahn Hunderttausende Jugendliche zu einem ehemaligen Truppenübungsplatz in Küstrin. Vom 2. bis 4. August  findet in der polnischen Grenzstadt zum 24. Mal das größte kostenlose Open-Air-Musikfestival Europas statt. Das Event wurde schon von Nobelpreisträgern und Politikern besucht.

Deutsch-polnische Zusammenarbeit beim Festival

2012 kamen die Staatspräsidenten Joachim Gauck und Bronislaw Komorowski nach Küstrin und freuten sich über dieses Symbol der deutsch-polnischen Freundschaft. Unter den ausländischen Fans sind die Deutschen seit Jahren die zahlenmäßig stärkste Gruppe. Und auch die Zusammenarbeit von Polizei und Feuerwehr beider Länder, die das Festival absichern, hat Tradition.  

Doch seitdem die nationalkonservative PiS an der Macht ist, wird die Zusammenarbeit eingeschränkt. Im vergangenen Jahr hatte Polen kurzfristig entschieden, keine deutschen Polizeibeamten auf dem Festival einzusetzen. Begründung: Man sei besorgt um die Sicherheit der deutschen Kollegen. In diesem Jahr dürfen 25 Polizisten aus Brandenburg ihre polnischen Kollegen wieder unterstützen.

Joachim Gauck, Jurek Owiak und Bronislaw Komorowski, 2012
Schulterschluss: 2012 kamen die Staatspräsidenten Joachim Gauck und Bronislaw Komorowski nach Küstrin. In der Mitte Festivalgründer .Jurek Owsiak Bildrechte: IMAGO

Deutsche Feuerwehr ist nicht willkommen

Deutsche Brandbekämpfer dürfen jedoch nicht dabei sein. Wie schon im letzten Jahr hat die polnische Feuerwehr keine deutschen Kollegen eingeladen. Man sei alleine in der Lage, für Sicherheit zu sorgen, rechtfertigt Dariusz Szymura, Pressesprecher der Lebuser Feuerwehr, den Ausschluss der deutschen Kollegen. Eine unverständliche Position, kritisiert Festivalsprecher Krzysztof Dobies. "Die Teilnahme der deutschen Feuerwehr halten wir für ein Symbol der Zusammenarbeit und der deutsch-polnischen Freundschaft."

Die Zusammenarbeit von freiwilligen Helfern aus Deutschland und Polen können die polnischen Behörden allerdings nicht verbieten. An der Grenze soll eine medizinische Hilfsstation mit Ärzten und Krankenschwestern aus beiden Ländern errichtet werden.

Eine junge Frau wird 2012 auf einem Festival-Gelände von Rettungssanitätern betreut.
Teamarbeit: Polnische und deutsche Einsatzkräfte helfen. Bildrechte: IMAGO

Stimmungsmache gegen das Festival

Für die Veranstalter ist die Stimmungsmache nichts Neues. "Wollt ihr wirklich, dass in Polen ein Festival mit muslimischen Immigranten stattfindet?" So lautete vor einem Jahr die Frage auf der Twitter-Seite der PiS-Regierung. Das war die Reaktion auf die Aussage des Festivalorganisators Jurek Owsiak, der meinte, dass die kostenlosen Konzerte auch eine tolle Sache für die in Frankfurt an der Oder lebenden Flüchtlinge sein könnten. Es war wie ein rotes Tuch für die polnische Regierung, die sich gegen die Aufnahme von Flüchtlingen wehrt.

Die polnische Polizei stufte das Musikfest daraufhin als eine Veranstaltung "mit erhöhtem Risiko" ein, die die Gefahr von "Terroranschlägen", "Panik, ausgelöst durch Fehlalarm", "Prügeleien" und "Raubdelikten" mit sich bringe. Das gilt auch in diesem Jahr. Die Veranstalter haben ein entsprechendes Schreiben von der polnischen Polizei bekommen.

Wir bauen keine Zäune

"Dieses erhöhte Risiko, von dem die Polizei spricht, gibt es nicht", sagt Festival-Sprecher Krzysztof Dobies. Man habe nicht vor, Künstler und Fans durch einen Zaun vor der Bühne voneinander zu trennen, auch wenn das die Polizei verlange. Im vergangenen Jahr waren die Zäune selbst zur Gefahr für die Fans geworden und mussten wieder abgebaut werden. 

Wegen des "erhöhten Risikos" sorgen in diesem Jahr 1.550 Polizisten für die Sicherheit der Festivalbesucher. 300 mehr als in der Zeit, als die Behörden noch kein "erhöhtes Risiko" ausgemacht hatten. Dazu kommen 1.700 Ordnungskräfte, 300 Ärzte und medizinische Helfer, die vom Veranstalter gestellt werden. Fast alles Freiwillige, an denen es beim "Pol 'and' Rock" nie gefehlt hat. Auch dank Jurek Owsiak, einem der bekanntesten Menschen in Polen.

Jerzy Owsiak, 2017
Bekannt und populär in Polen: Festivalgründer Jurek Owsiak. Bildrechte: IMAGO

Das Festival bleibt populär

Owsiak ist als Moderator von Rocksendungen im Rundfunk populär geworden, doch seit langem leitet er die größte polnische NGO "Großes Orchester der Weihnachtshilfe". Sie versorgt aus Geldspenden die meistens schlecht ausgestatteten polnischen Krankenhäuser mit medizinischen Geräten. Seine Wohltätigkeitsaktionen und das Engagement vieler Menschen, das der Liberale und PiS-Kritiker Owsiak in Gang setzt, ist den Nationalkonservativen und der katholischen Kirche ein Dorn im Auge. Doch Stimmungsmache gegen das Festival scheint dem guten Image der Veranstaltung nicht zu schaden. Im Gegenteil. Laut Umfragen wollen 80 Prozent der Einwohner von Küstrin, dass das Festival weiter stattfindet.

Logo des Festivals Haltestelle Woodstock, 2012
Vorbei: "Haltestelle Woodstock" darf sich das Festival in Küstrin nicht mehr nennen. Bildrechte: IMAGO

"Pol 'and' Rock" statt "Haltestelle Woodstock"

Die Fans werden sich jetzt nur an den neuen Namen gewöhnen müssen. Denn die Amerikaner wollen den traditionsreichen Namen "Woodstock", der mit dem Festival von 1969 in den USA verknüft ist, nun nicht mehr mit den Polen teilen. Mit dem neuen Namen, der sowohl den "Rock" als auch "Polen" beinhaltet, soll ein neues Wahrzeichen Polens entstehen. So die Hoffnung der Organisatoren. "Liebe, Freundschaft, Musik" bleiben nach wie vor das Motto des Musikfestes.

Große leere Bühne
"Pol 'and' Rock": Die Fans werden sich an diesen Namen gewöhnen müssen. Bildrechte: https://www.facebook.com/PolAndRockFestivalEN/

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL auch im: TV | 03.08.2018 | 17:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 01. August 2018, 16:56 Uhr

Zurück zur Startseite