Apfelsaft in einem Karton
Massenabfertigung zum Spottpreis. Bildrechte: MDR/Maxim Kireev

Zweite Filiale in Zwickau Wer steckt hinter dem Russen-Supermarkt?

Eine russische Unternehmerfamilie will Lidl und Aldi mit Dumping-Preisen den Markt streitig machen. Nach Leipzig eröffnet am Freitag eine zweite Filiale in Zwickau. Doch wer steckt hinter der Discounter-Kette?

von Maxim Kireev

Apfelsaft in einem Karton
Massenabfertigung zum Spottpreis. Bildrechte: MDR/Maxim Kireev

Seit Monaten beschäftigt ein mysteriöser Investor aus Russland die deutsche Einzelhandelsbranche. Im Herbst 2018 verkündete die unbekannte russische Kette Torgservis einen kühnen Plan. Das Unternehmen erklärte, nicht nur etwa 100 Supermärkte in Deutschland eröffnen zu wollen. Die Russen wollen damit auch das längst ausgestorbene Konzept des nach unmoderner Lagerhalle aussehenden Lebensmitteldiscounts wiederbeleben, mit dem etwa Aldi vor Jahrzehnten zum Riesenkonzern aufstieg. Unter dem Namen Mere hat am 29. Januar bereits ein Markt in Leipzig eröffnet, ein zweiter folgt am Freitag in Zwickau. Geplant ist wohl demnächst auch eine Filiale in Chemnitz.

Familie Schneider aus Krasnojarsk führt das Unternehmen

In Russland ist Torgservis unter dem Namen Svetofor, was auf Deutsch Ampel bedeutet, vor allem in der Provinz längst ein bekannter Name. Das Familienunternehmen führt mittlerweile über 800 Supermärkte, deren Umsatz derzeit bei etwa einer Milliarde Euro im Jahr liegt. Das russische Handelsregister führt die Familie Schneider aus Krasnojarsk als Inhaber. Das Unternehmen gehört mehrheitlich Walentina Schneider und ihren Söhnen.

Fließband mit Verkäuferin
Arbeiter von angrenzenden Baustellen oder aus einem Gewerbegebiet gehören zum Klientel. Bildrechte: MDR/Maxim Kireev

Der deutsch klingende Name ist keine Seltenheit für die Region, schließlich wurden viele Wolgadeutsche der Sowjetunion mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs ins sibirische Krasnojarsk verbannt.

Unternehmen mit Gespür für die großen Deals

Bisher hatten die Schneiders einen guten unternehmerischen Riecher. In den 1990er Jahren verdienten sie ihr erstes Kapital mit dem Wodka-Handel, just als der Alkoholkonsum in Russland explosionsartig anstieg. Als in den 2000er Jahren bescheidener Wohlstand einkehrte, sattelten die Schneiders auf Bier um und nach der herben Wirtschaftskrise 2009 eröffneten sie die ersten Lebensmittelmärkte unter dem Namen Svetofor.

Die Idee: Nur das billigste ist billig genug!

Wer die Kette beliefern will, muss etwa ein Fünftel günstiger sein als die Konkurrenz am Markt. Werbung hält Torgservis für überflüssig. Zudem berichtet die Russland-Ausgabe des Wirtschaftsmagazins Forbes, mit Verweis auf Lieferanten, dass die Handelspreise von Torgservis mitunter nur 13 Prozent über dem Lieferantenpreis liegen. In anderen Ketten seien 50 bis 70 Prozent Aufschlag keine Seltenheit. Und in Sachen Standort zählt vor allem der günstige Mietpreis.

Eingang Supermarkt
Die unauffällige Tür neben der Einfahrt zum Parkhaus ist der Eingang zum Supermarkt Svetofor in Sankt-Petersburg. Bildrechte: MDR/Maxim Kireev

Deswegen muss man in Sankt-Petersburg, wo kürzlich die erste Svetofor-Filiale der Stadt eröffnet hat, den Weg an den Stadtrand nehmen. Hinter einer Tankstelle und einer Waschstraße versteckt sich der Supermarkt im Parkhaus eines angrenzenden Gewerbegebiets.

Eine rote Plane weist auf den neueröffneten Supermarkt hin. Statt bunter Waren dominiert im Inneren das Braun der Pappkartons, in denen sich die angebotenen Waren und Lebensmittel stapeln. In vielen Gängen zwischen den Kartons reicht der Platz nicht einmal für einen Einkaufswagen. Nudeln und Chips, Buchweizen oder Nüsse sind meist in schlichte, durchsichtige Pakete aus Plastik verpackt.

Einkaufswagen und daneben Menschen
Rentner gehören zum Kundenstamm. Bei leichtverderblichen Lebensmitteln sind Käufer oft skeptisch. Bildrechte: MDR/Maxim Kireev

Von den Marken im Angebot haben die meisten Besucher ohnehin nichts gehört. Das Abteil für Fleisch- und Milchprodukte erinnert eher an einen Großraumkühlschrank einer Fleischerei. Eine Männerstimme aus den Lautsprechern erklärt den Kunden derweil, dass Svetofor nicht mit Zwischändlern arbeite und deswegen 20 Prozent unter den marktüblichen Preisen verkaufe.

Misstrauen gegenüber Dumping-Preisen

Rentnerin Zoja Nenkova begutachtet eine Plastiktüte mit drei gefrorenen Seelachsen und sucht nach dem Verpackungsdatum. "Irgendwie traue ich dem ganzen noch nicht so recht", lacht sie. In ihrem Einkaufwagen liegen Tassen, eine Salatschüssel, Kekse, Nudeln, Konserven, Waschpulver und Reinigungsmittel. "Bei den verderblichen Sachen bin ich mir nicht sicher, ob das alles gut ist, aber der Rest ist wirklich günstig", sagt Nenkova.

Ein junges Paar begutachtet derweil das Regal mit Würstchen. Doch der Preis lässt sich leider nicht herausfinden. "Günstig, aber nicht kostenlos", blafft eine Angestellte auf die Frage des Pärchens. "Irgendwas unter 100 Rubel" Das wären weniger als 1,30 Euro für ein Kilo Wurst. Pavel und seine Freundin Marina riskieren es und nehmen die Packung mit. Pavel hat besonders der 30-Euro-Schnapsbrenner für Daheim beeindruckt.

Wir wohnen hier im Neubau nebenan und wollten gucken, was hier los ist. 90 Prozent ist natürlich kompletter Schrott, aber man findet schon auch mal was passables.

Pavel

Inwieweit die Läden in Deutschland ihren russischen Prototypen entsprechen werden, ist derweil noch unklar. Zumindest der Geschäftsführer der deutschen Tochter Andrej Ganus, glaubt man den russischen Handelsregistern, hat bereits Erfahrung als Leiter der Niederlassung im Südrussischen gesammelt. Über ihre konkreten Pläne für Deutschland hält sich die Familie Schneider, wie auch zu ihren anderen Geschäftsaktivitäten, bedeckt.

Minianlage zum Schnappsbrennen
Wer auf gekaufte Qualität nicht vertraut, kann sich gleich eine ganze Mini-Schnapsbrennerei mitnehmen zum Schnäppchenpreis. Bildrechte: MDR/Maxim Kireev

Mit der Presse wollen die Unternehmer aus Krasnojarsk nicht sprechen. Zumindest was die Scheu vor der Öffentlichkeit angeht, scheinen die Russen ihren Vorbildern von Aldi, der seit jeher als einer der verschlossensten Handelskonzerne gilt, ebenbürtig zu sein.

Über dieses Thema berichtet der MDR auch im TV: MDR SACHSENSPIEGEL | 29.01.2019 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 17. Mai 2019, 11:45 Uhr