Mann vor Flagge
Unser Ostblogger Denis Trubetskoy ist russisch-sprachig aufgewachsen. Ukrainisch verwendet er trotzdem ganz selbstverständlich im Alltag. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Muttersprache Ukraine: Russisch ist auch unsere Sprache

Die offizielle Amtssprache der Ukraine ist Ukrainisch. Trotzdem ist das Russische aus dem Land nicht wegzudenken. Und man sollte Russisch nicht alleine Moskau überlassen, meint unser Ostblogger Denis Trubetskoy.

von Denis Trubetskoy

Mann vor Flagge
Unser Ostblogger Denis Trubetskoy ist russisch-sprachig aufgewachsen. Ukrainisch verwendet er trotzdem ganz selbstverständlich im Alltag. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ich bin auf der Krim-Halbinsel aufgewachsen, meine Muttersprache ist Russisch. Ukrainisch fand in meinem Leben erst durch den Ukrainischunterricht in der Schule statt. Heute aber macht es für mich keinen großen Unterschied, ob ich Russisch oder Ukrainisch spreche. Auch wenn ich im Alltag in Kiew eher Russisch spreche, weil in der Hauptstadt einfach noch Russisch überwiegt. Und hier kann das mit den Sprachen teilweise recht absurd werden: So spricht etwa mein Bekannter, der ausländischer Diplomat ist, sehr gut Ukrainisch. Klar, denkt man, dass er in der Ukraine etwa mit Kellnern auch Ukrainisch spricht. Doch obwohl er ganz klar als Ausländer erkennbar ist und obwohl es auch gar keine Selbstverständlichkeit ist, dass Ausländer gut Ukrainisch können, wird ihm viel öfter auf Russisch geantwortet.

Eine offizielle Sprache und trotzdem zweisprachig

Das zeigt: Auch wenn Ukrainisch die offizielle Sprache ist, unser Land ist eindeutig zweisprachig – dafür ist Russisch hier zu tief verwurzelt. Einerseits ist das der gezielten Russifizierung des heutigen ukrainischen Gebietes zu den Zeiten des Russischen Reiches zu verdanken, andererseits war die Entwicklung des Russischen in einzelnen Regionen des Landes allein durch die geografische Nähe zu Russland durchaus "natürlich".

Honig auf einem Marktstand in Kiew mit ukrainischer Beschilderung.
An diesem Honigstand auf einem Kiewer Markt sind die Schilder auf Ukrainisch geschrieben. Russisch wäre hier aber auch akzeptiert. Bildrechte: MDR/Datan-Grajewski

Vielmehr hat ein Teil der heutigen Ukraine nicht nur einfach Russisch gesprochen, sondern dessen Entwicklung massiv mitgeprägt. So stammt zum Beispiel eine Reihe der bekanntesten russischsprachigen Schriftsteller, dazu gehören etwa Nikolaj Gogol oder Michail Bulgakow, aus der Ukraine.

Russisch als Muttersprache in der Ukraine

Fast 30 Prozent der Ukrainer gaben 2001 bei der Volkszählung Russisch als ihre Muttersprache an. Dennoch hat die Sprache inzwischen keinen offiziellen Status in der Ukraine. Sie galt lediglich zwischen 2012 und 2018 einem zur Amtszeit des Ex-Präsidenten Wiktor Janukowitsch umstrittenen Gesetz zufolge als "Regionalsprache" in neun südöstlichen Regionen des Landes, darunter den mittlerweile von Russland annektierten Autonomen Republiken Krim und Sewastopol.

Neues Gesetz schreibt Ukrainisch vor

Das Kiewer Parlament
Das Ukrainische Parlament in Kiew während der Verabschiedung des neuen Sprachgesetzes im April 2019. Bildrechte: IMAGO/ITAR-TASS

In diesem April hat aber das ukrainische Parlament das neue Sprachgesetz verabschiedet, das Ukrainisch zur alleinigen Sprache im öffentlichen Raum des Landes macht. Zwar ist es nicht so, als wäre die Nutzung des Russischen und anderer Sprachen der nationalen Minderheiten in irgendeiner Form verboten – es soll bald ein weiteres Gesetz her, das diese angeblich schützen wird. Das Gesetz reguliert außerdem die private Kommunikation nicht, sorgt jedoch dafür, dass nicht nur auf staatlicher Ebene, sondern zum Beispiel auch im Kunst- oder Medienbereich Ukrainisch verpflichtend wird. Die Auflage einer Zeitung oder eines Buches etwa auf Russisch oder in anderen Sprachen können maximal genauso groß sein wie Ukrainisch, keinesfalls größer, die kulturellen Events sollen ebenfalls in der Amtssprache ausgetragen werden, im Fernsehen müssen russischsprachige Sendungen auf Ukrainisch vertont werden. Unterricht auf Russisch wird theoretisch lediglich im Kindergarten und in den ersten Schulklassen möglich sein.

Neuer Präsident Selenskyj spricht selbst nicht perfekt Ukrainisich

Das Gesetz tritt Mitte Juli in Kraft. Die meisten Regelungen werden aber mit Übergangsfristen umgesetzt. Bemerkenswert ist dennoch, dass das ukrainische Parlament dieses Gesetz nur wenige Tage nach dem souveränen Wahlsieg des Ex-Komikers Wolodymyr Selenskyj, eines russischen Muttersprachlers, der das Ukrainische nicht perfekt beherrscht, angenommen wurde. "Ukrainisch ist die einzige Amtssprache des Landes, hier kann es keine Kompromisse geben", kommentiert Selenskyj, der eine tiefe Analyse des Gesetzes verspricht. "Wir müssen aber solche Entscheidungen treffen, die das Volk vereinen und nicht umgekehrt."

Ukrainisch als Fallstrick für Politiker

Wolodymyr Selenskyj, designierter Präsident der Ukraine, spricht am 04.05.2019 vor dem Parlamentsgebäude Werchowna Rada mit Journalisten.
Der Präsident Wolodymyr Selenskyj spricht von Haus aus eigentlich Russisch. Bei Auftritten aber verwendet er ausschließlich Ukrainsich. Und das eher holprig, findet unser Ostblogger Denis Trubetskoy. Bildrechte: dpa

Vor Selenskyj haben bereits die Präsidenten Leonid Kutschma und Wiktor Janukowitsch erstmal mit dem Ukrainischen gehadert. In einem Land, in dem man selbst im ukrainischsprachigen Westen nicht ganz an Russisch vorbeikommt, ist das wenig überraschend. Und jedoch überlegen sich nicht nur Nationalisten, die Russisch per se schlecht finden, was man mit der tatsächlichen Zweisprachigkeit machen soll. Spätestens seit der Annexion der Krim 2014, die von Moskau mit dem Schutz der russischsprachigen Bevölkerung der Halbinsel begründet wurde, fordern viele die Abkehr vom Russischen. Nach dem Motto: Wo Russisch gesprochen wird, kommen bald russische Panzer.

Russisch nicht alleine Moskau überlassen

Es gibt hier in der Ukraine aber auch genug Stimmen, die meinen, man darf Russisch nicht allein Moskau überlassen. Und wenn ich mir die Situation in Kiew anschaue, schließe ich mich eher dieser Haltung an. Es gibt einfach zu viele Menschen, die Russisch nicht aus politischen Gründen benutzen, sondern nur deswegen, weil es für sie völlig natürlich ist. Diesen Teil der ukrainischen Kultur einfach so abzugeben, wäre einfach zu schade, auch wenn die Entwicklung des Ukrainischen in einem souveränen Land natürlich Vorrang haben muss.

Unser Ostblogger in der Ukraine

Dieses Thema im Programm MDR AKTUELL RADIO | 25. April 2019 | 15:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 06. Juni 2019, 14:05 Uhr

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