Mann mit Bierflasche auf einer Parkbank in Wladiwostok, Russland.
Bildrechte: IMAGO

Billigfusel kostet Tausende Russen das Leben

Russland hat dem Alkoholismus seit Jahren den Kampf angesagt. Doch in Irkutsk starben im Dezember 2016 mehr als 50 Menschen an einer Alkoholvergiftung. Die Wirtschaftskrise hat längst vergessene Probleme wiederbelebt.

von Maxim Kireev

Mann mit Bierflasche auf einer Parkbank in Wladiwostok, Russland.
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In Irkutsk, einer Stadt mit 600.000 Einwohnern, herrscht seit Tagen Ausnahmezustand. Mehr als 50 Menschen starben, Dutzende liegen in den Krankenhäusern der Stadt am Baikalsee. Der Grund ist nicht etwa eine Naturkatastrophe oder ein Anschlag, sondern die größte Massenvergiftung mit Methanol in der jüngsten russischen Geschichte - die Wirtschaftskrise scheint längst vergessene Trinkgewohnheiten zu Tage zu fördern. Denn die Vergiftung wurde nicht durch gefälschten Billigwodka verursacht, sondern durch einen Badezusatz, der eigentlich nie zum Trinken gedacht war. Er enthielt das giftige Methanol, statt des auf der Zutatenliste vermerkten Ethanols, das in herkömmlichen Spirituosen enthalten ist.

Absurde Trinkgewohnheiten dank Planwirtschaft

Schon zu Sowjetzeiten, als Wodka oder Wein gelegentlich knapp wurden, griffen viele Süchtige auf alkoholhaltige Kosmetika, Reinigungsmittel oder Arzneien zurück. In seinem Buch "Moskau-Petuschki" beschrieb Wenedikt Jerofejew, wie sich die Säufer aus Rasierwasser, Deodorant und Bier ihre Cocktails mixten. Wegen der absurden Preispolitik waren alkoholhaltige Produkte oft deutlich billiger als der Alkohol selbst. 

Das Problem des Alkoholismus verschlimmerte sich ab 1991

Obdachloser in Sankt Petersburg trinkt aus einer Flasche.
Alkoholsüchtige in Sankt Petersburg Bildrechte: IMAGO

Mit dem Ende des planwirtschaftlichen Sozialismus gerieten solche Methoden in Vergessenheit, Alkohol war billig und überall erhältlich. Zwar musste niemand mehr auf abenteuerliche Mixturen zurückgreifen, das Problem des Alkoholismus verschlimmerte sich aber, bis Russland 2010 mit 18 Litern Alkoholkonsum pro Jahr und Bürger einen traurigen Höhepunkt erreicht hatte. In den vergangenen Jahren hat der Staat die Zügel in Sachen Alkohol angezogen. In den meisten Regionen wurden seitdem nächtliche Verkaufsverbote eingeführt. Auch wurden Einzelhändler verpflichtet, Wodka zu einem Mindestpreis von etwa drei Euro für eine 0,5 Liter Flasche zu verkaufen. Das Trinken in der Öffentlichkeit wird in den meisten Städten Russlands mit Geldstrafen geahndet.

Tatsächlich hatten diese Anstrengungen durchaus Erfolge. So sank der Alkoholkonsum nach Angaben des Gesundheitsministeriums von 18 Litern pro Kopf im Jahr 2010 auf 13,5 Liter im Jahr 2015. Zwar starben im Zeitraum Januar bis Oktober 2016 nach offiziellen Angaben fast 7.000 Menschen an Alkoholvergiftungen, doch auch diese Zahl war um knapp 1.000 Personen im Vergleich zum Vorjahr rückläufig.

Kampf gegen Alkohol auf wackeligen Füßen

Die Tragödie in Irkutsk zeigt jedoch, auf welch wackeligen Füßen diese Erfolge noch stehen. Weil sich die Russen wegen Inflation und Rubelverfall immer weniger leisten können, sparen sie, wo sie nur können. Das gilt insbesondere für die ohnehin Bedürftigen und Bewohner von Provinzstädten. Seit einiger Zeit erfreut sich deshalb bei Trinkern die "Hagedorn-Lotion" - eine Haut-Lotion - immer größerer Beliebtheit. Der Grund: Ihr Hauptbestandteil ist Ethanol. Weil sie jedoch nicht zum Trinken gedacht ist, gelten hier nicht die staatlichen Mindestpreise. Einziger Nachteil: Die Lotion ist lediglich in Apotheken erhältlich. Ein kleines Fläschchen kostet dafür mitunter weniger als 40 Cent. Der Löwenanteil der Käufer dieser kleinen Fläschchen bestand wohl aus Alkoholikern.

Produktion in einer Gartenlaube

Das Geschäft mit der "Hagedorn-Lotion" hat schließlich zwielichtige Geschäftsmänner auf den Plan gerufen. Kurzerhand wurde die Lotion von ihnen zu einer Art Badezusatz umfunktioniert. Die Produktion des vermeintlichen Badezusatzes erfolgte in einer Kleingartensiedlung, wie lokale Ermittler herausgefunden haben, und wurde "schwarz" an vielen Straßenkiosken vertrieben. Statt mit dem mehr oder weniger ungefährlichen Ethanol waren die Fläschchen jedoch mit dem hochgiftigen Methanol befüllt. Daran starben mehr als 50 Menschen.

Umgehend begann in Russland eine Diskussion, den Verkauf solcher Hagedorn-Produkte insgesamt zu verbieten. Zahlreiche Experten zweifeln jedoch daran, dass das Problem sich durch Verbote lösen lasse , schließlich handelte es sich auch bei dem tödlichen Badezusatz nicht um ein legal hergestelltes Produkt.

Geschäft in Russland.
Alkoholgeschäft in sibirischen Irkutsk Bildrechte: IMAGO

Zuletzt aktualisiert: 04. Januar 2017, 11:01 Uhr

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