Der Rubel rollt trotz Sanktionen

Pünktlich zum dritten Russlandtag in Rostock blüht der Handel zwischen Deutschland und Russland. Doch das idyllische Bild trügt. Drohende US-Sanktionen bereiten Unternehmern zunehmend Kopfzerbrechen.

von Maxim Kireev

Eine Fahne für den Russlandtag weht 2014 vor dem Tagungsort des Russlandtags
Russlandtag: 850 deutsche und russische Gäste aus Wirtschaft und Politik treffen sich in Rostock Bildrechte: dpa

Sanktionen gegen Russland? Wenn in Rostock heute 850 deutsche und russische Gäste aus Wirtschaft und Politik zum Russlandtag zusammentreffen, dann könnte der Eindruck entstehen, dass der Rubel zwischen Moskau und Berlin so gut rollt wie lange nicht mehr. So werkeln derzeit bereits zwei Schiffsmannschaften vor der Ostseeküste unweit des mecklenburgischen Seebades Lubmin an der umstrittenen Pipeline Nord Stream 2. Diese soll noch mehr russisches Gas durch die Ostsee nach Deutschland pumpen. Pünktlich zum großen Wirtschaftstreffen freute sich zudem Russlands privater Gaskonzern Novatek über eine Genehmigung des Bundeskartellamts, die einem Joint Venture mit dem belgischen Unternehmen Fluxys den Weg frei macht. Beide planen in Rostock ein Flüssiggas-Terminal zu bauen.

Gleichzeitig schwärmt der Chef der Rostocker IHK Claus Ruhe Madsen davon, dass sein Bundesland dank der Veranstaltung bessere Chancen für die Zeit nach den Sanktionen habe als jene, die Russland den Rücken gekehrt hätten. Auf gute Geschäfte für Firmen aus Mecklenburg-Vorpommern hofft auch die Ministerpräsidentin des Landes, Manuela Schwesig, deren Landesregierung das Treffen mitorganisiert. "Wir wollen Unternehmen aus Deutschland und Russland zusammenführen und die wirtschaftlichen Kontakte zum beiderseitigen Vorteil weiter ausbauen", erklärte die SPD-Politikerin im Vorfeld. Einziger Wermutstropfen: Russlands Industrieminister Denis Manturow habe wegen eines kurzfristigen Regierungstermins seine Reise nach Deutschland absagen müssen.

Handel mit Russland steigt wieder

Tatsächlich scheinen die deutsch-russischen Wirtschaftsbeziehungen derzeit wieder an Fahrt aufzunehmen. Im zweiten Quartal 2018, so die neusten Daten des Bundesamtes für Statistik, legten die Ausfuhren nach Russland im Vergleich zum gleichen Zeitraum im Vorjahr um 5,7 Prozent zu. Andere Firmen aus Deutschland setzen auf Produktion vor Ort. So lässt Mercedes Benz derzeit eine Fabrik bei Moskau hochziehen, während der Chef von Volkswagen Russland in einem Interview mit der russischen Wirtschaftszeitung Wedomosti kürzlich Investitionen von 500 Millionen Euro in die Motorenfabrik in Kaluga in Aussicht stellte. Auch im Einzelhandel sprudeln Investitionen. So planen etwa die deutsche Supermarktkette Globus aber auch der Modehändler Tom Tailor ihre Präsenz in Russland auszuweiten.

Zwar mussten Einzelhändler wie Globus oder die Düsseldorfer Metro-Gruppe vor allem wegen der russischen Sanktionen, die die Einfuhr zahlreicher Lebensmittel aus der EU verbieten, ihr Sortiment gründlich umstellen. Und auch der Rubel büßte seit 2014 fast die Hälfte seiner Kaufkraft ein. Doch die Löhne in Russland steigen langsam wieder. Gleichzeitig haben sich deutsche Lebensmittelhersteller wie das Deutsche Milchkontor allmählich auf russische Gegensanktionen eingestellt und in Russland investiert. So kaufte DMK bereits 2016 Anteile an der russischen Käserei "Richart", seit einigen Monaten gehört sie ihr. Dort lässt DMK nun Käse für den russischen Markt herstellen, den das Unternehmen früher teils aus Deutschland und Holland lieferte.

Die positive Stimmung unter den deutschen Unternehmen kann auch Matthias Schepp, Leiter der deutschen Außenhandelskammer in Moskau, bestätigen. Nach seinen Worten spüren fast zwei Drittel der deutschen Unternehmen vor Ort, dass sich das Geschäftsklima gegenüber dem Vorjahr verbessert hat. "Deutsche Unternehmen machen in Russland gute Geschäfte und halten weiterhin am russischen Markt fest. Fast drei Viertel unserer Unternehmen gaben an, ihre Investitionen auf gleichem Niveau beizubehalten, ein Fünftel will sogar mehr investieren", sagt Schepp. Lediglich zehn Prozent möchten ihr Engagement zurückfahren.

Vor Beginn des 3. Russlandtages sitzt Manuela Schwesig (SPD), Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern, mit Vasily Sergeevich Osmakov, stellvertretender Minister für Industrie und Handel der Russischen Föderation, in einem Strandkorb.
Entspannt für die Pressefotografen: Manuela Schwesig, Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern, mit Vasily Sergeevich Osmakov, stellvertretender Minister für Industrie und Handel der Russischen Föderation. Bildrechte: dpa

Kritik wegen Nähe zu Gazprom

Angesichts dieser guten Wirtschaftsbeziehungen nimmt Ministerpräsidentin Schwesig Kritik an ihrem russlandfreundlichen Wirtschaftskurs in Kauf. Zu den Sponsoren des Russlandtags zählt etwa die Gazprom-Tochter Nordstream, die die Veranstaltung mit 10.000 Euro sponsert. So kritisierte die aus Mecklenburg-Vorpommern stammende Bundestagsabgeordnete der Grünen, Claudia Müller, im Tagesspiegel, die Veranstaltung zeigt die viel zu große Nähe der SPD zu dem Projekt Nord Stream 2. Schwesig ihrerseits verweist darauf, dass sie bei ihrer Reise nach Sankt-Petersburg und in die umliegende Region gesehen habe, dass die Wirtschaft in beiden Ländern Interesse daran habe, die Beziehungen auszubauen.

Wie lange die gute Stimmung anhält, und ob sich die Veranstaltung tatsächlich für die deutschen Unternehmen auszahlt, bleibt allerdings fraglich. Zwar haben sich wohl die meisten Unternehmen auf europäische Sanktionen im Zuge der Krim-Annexion und auf die russischen Gegensanktionen im Agrarbereich eingestellt. Als deutlich problematischer als die Strafmaßnahmen der EU gelten derzeit die immer umfangreicher werdenden US-Sanktionen.

US-Präsident Donald Trump spricht bei Kabinettssitzung im Weißen Haus
Kompromisslos: US-Präsident Trump pocht auf die Einhaltung der Sanktionen gegen Russland. Bildrechte: dpa

US-Sanktionen bedrohen Aufschwung

So hatten die USA nicht nur die Finanzierungfrist für Russlands staatliche Banken von bis dato 90 auf 14 Tage verschärft, sondern auch Geschäfte mit russischen Oligarchen, wie etwa dem russischen Aluminiumkönig Oleg Deripaska, sanktioniert. Die Aktien seines Konzerns Rusal brachen daraufhin um bis zu 50 Prozent ein und erholten sich seit dem nur langsam. Derweil wird in Washington über eine Ausweitung der Sanktionen, insbesondere wegen der mutmaßlichen Vergiftung des ehemaligen russischen Agenten Sergei Skripal, diskutiert. Wirtschaftsexperten befürchten, dass vor allem Geschäfte mit Energiekonzernen und staatlichen Finanzinstituten weiter erschwert werden könnten.

Auch deutsche und europäische Unternehmen müssen sich an US-Sanktionen halten, wenn sie empfindliche Strafen vermeiden wollen. Deswegen bezeichnet die deutsch-russische Außenhandelskammer in Moskau die US-Sanktionen derzeit auch als "größten Hemmschuh" für die deutschen Unternehmen. Schon jetzt seien Schäden durch zurückgezogene Aufträge, eingestellte Projekte und die infolge der US-Sanktionen eingesetzte Rubelabwertung entstanden. Der langfristige Schaden kann der Außenhandelskammer Russland zufolge sogar in die Milliarden gehe. Jüngst hatte die russische Ratingagentur AKRA ein alarmierendes Szenario vorgestellt. Demnach könnte die Wirtschaft im schlimmsten Fall, etwa wenn die neuen Sanktionen der USA besonders hart ausfallen und auch den Handel mit russischen Staatsanleihen untersagen, wieder in die Rezession rutschen. Dann droht 2019 ein Minus von 2,5 Prozent. Das Moskauer Wirtschaftsministerium rechnet derweil für das kommende Jahr mit einem leichten Plus von 1,3 Prozent. 


Über dieses Thema berichtete MDR AKTUELL auch im: TV | 17.08.2018 | 17:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 17. Oktober 2018, 14:26 Uhr

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