"Grüne Woche": Russland ist zurück

Als Russland 2014 im Gegenzug zu den Sanktionen des Westens ein Einfuhrverbot für Agrarprodukte aus der EU erließ, klingelten die Kassen der russischen Agrarbetriebe. Doch Russlands Bauern brauchen den Weltmarkt, soll das Wachstum nicht ins Stocken geraten. Der Agrarsektor ist inwzischen einer von Russlands Exportmeistern.

von Maxim Kireev

Das große Schmollen ist vorbei

Nach zwei Jahren kehrt Russland auf die "Internationale Grüne Woche" zurück. Deutschlands größte Landwirtschaftsausstellung hat am Freitag in Berlin begonnen. Noch 2015 stellte der größte Flächenstaat der Welt auch den größten ausländischen Stand auf der Messe. Seitdem blieb das Land jedoch der Grünen Woche fern.

Grüne Woche zuletzt ohne Russland

Grüne Woche 2 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Offizieller Grund: Der Landwirtschaftsminister Alexander Tkatschow bekam vor zwei Jahren kein Visum für Deutschland, weil die EU gegen ihn im Zuge der Ukraine-Krise ein Einreiseverbot verhängt hatte. 2014 war Tkatschow noch Gouverneur der südrussischen Region Krasnodar, die an den Osten der Ukraine und die Krim grenzt. Der Politiker soll zumindest bei der Annexion der Krim eine aktive Rolle gespielt haben.

Gleichzeitig passte Russlands Fernbleiben auch zur Wirtschaftspolitik des Landes. Als Antwort auf wirtschaftliche Sanktionen, Einreiseverbote und Einfrieren von Konten seitens einer Reihe westlicher Staaten im Jahr 2014 erließ Russland wenig später Visasperren und Einreisverbote und untersagte den Import von Milch-, Fleisch- und zahlreichen anderen Agrarprodukten aus der EU und den USA. So sanken zwischen 2013 und 2016 nach Berechnungen des Wiener Instituts für Wirtschaftsorschung die Ausfuhren von Lebensmitteln aus der EU nach Russland um fast ein Viertel.

Russland braucht den Weltmarkt

Dass Russland in diesem Jahr wieder mit von der Partie ist, liegt nicht nur daran, dass Landwirtschaftsminister Tkatschow dank Sondergenehmigungen und trotz weiter bestehender Sanktionen wieder nach Deutschland reisen kann. So geschehen etwa im vergangenen Jahr, als der russische Politiker grünes Licht von der Bundesregierung für seinen Besuch beim Landwirtschaftsgipfel der G20 in Berlin bekam. Vielmehr ist Russlands Rückkehr nach Berlin auch ein Zeichen dafür, dass Russland den Weltmarkt braucht.

So wird die 1.000 Quadratmeter große Ausstellung vom "Russian Export Center" organisiert, einer staatlichen Agentur, die ins Leben gerufen wurde, um russische Exporte zu fördern. In Berlin will Russland vor allem Delikatessen aus Rentierfleisch, sibirischen Fischarten oder naturbelassene Süßigkeiten aus Beeren und Pinienkernen sowie Wein aus Südrussland präsentieren. Eine schöne Kulisse für jene Branchen, die zu den wirklichen Exportmeistern der russischen Agrarindustrie gehören und die ohne Expansion auf den Weltmarkt nicht mehr auskommen.

Die Grüne Woche in Berlin hat ihre Tore geöffnet. Russland präsentiert einen Stand mit dem Hinweis auf den Schutz der indigen Bevölkerung
Auf der "Grünen Woche" 2015: Russland präsentiert einen Stand mit dem Hinweis auf den Schutz der indigenen Bevölkerung. Bildrechte: IMAGO

Russland steigert Export - Agrarsektor bringt mehr als Rüstungsexporte

So hat Russland in den vergangenen Jahren den Export von Weizen massiv gesteigert. Für das laufende Jahr soll das Land erstmals zum größten Weizenlieferanten der Welt werden, mit 30 bis 32 Millionen Tonnen. Auch bei Öl, Zucker und Soja legte das Land zu. Insgesamt schätzt das russische Landwirtschaftsministerium die eigenen Lebensmittelexporte auf knapp 20 Milliarden US-Dollar, umgerechnet mehr als 16 Milliarden Euro. Das ist zwar immer noch weniger, als Russland im Gegenzug für den Import von Lebensmitteln bezahlt hat, aber schon deutlich mehr als das, was das Land mit dem Verkauf von Waffen verdient hat. 2017 lagen die Rüstungsexporte nach offiziellen Angaben bei etwa 16 Milliarden Dollar (13 Milliarden Euro).

Wir sind nun in der Lage, den Binnenmarkt mit unseren Produkten zu sättigen und fangen an, Außenmärkte aktiv zu erobern.

Alexander Tkatschow russischer Landwirtschaftsminister

Lukrative Märkte gesucht

Ganz so rosig sieht die Situation jedoch nicht aus, denn in Wahrheit kann Russland nur in einigen Bereichen, etwa bei der Hühner- und Schweinezucht sich selbst versorgen. Und ausgerechnet hier stößt das Land auf verschlossene Türen auf den Weltmärkten. "Obwohl wir mehr ins Ausland verkaufen, bleiben die lukrativsten Märkte, wie zum Beispiel der chinesische, für uns verschlossen", klagt etwa Jurij Kowlaew vom russischen Schweinezüchterverband.

Noch wichtiger: Ins Gespräch kommen

Und so glauben die meisten Branchenkenner, dass es dieses Jahr weniger um die Lebensmittel gehen wird, mit denen Russland sich als Landwirtschaftsmarke präsentieren will, sondern darum, mit Branchen- und Regierungsvertretern anderer Länder ins Gespräch zu kommen. "Wir werden keine eigenen Produkte auf den Ständen zeigen", heißt es zum Beispiel aus dem Landwirtschaftsministerium der russischen Region Saratow, die eine eigene Delegation nach Berlin entsendet hat. Viel wichtiger sei dagegen die Teilnahme an einer Diskussion des deutsch-russischen Agrardialogs zu Wachstumsperspektiven und der globalen Ernährungssicherung. Dort könnte es etwa um Investitionen deutscher Lebensmittelhersteller in die Produktion in Russland gehen. Ein Thema, das für Russlands Agrarfunktionäre nicht weniger interessant sein dürfte als die Exportaussichten.

Über dieses Thema berichtet HEUTE IM OSTEN auch im TV: MDR Aktuell | 19.01.2017 | 17:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 22. Januar 2018, 08:29 Uhr

Zurück zur Startseite