Russland "Sinfonie von Kirche und Staat"

Am 5. Febraur 1918 wurden Kirche und Staat im Zuge der Oktoberrevolution getrennt. Wenig später begann eine gnadenlose Verfolgung der Christen durch den atheistischen Staat. Und wie steht es heute um das Verhältnis zwischen Kirche und Staat?

von Maxim Kireev

Manchmal parkt ein ganzer Tross schwarzer Geländewagen und Limousinen vor der Baustelle der Apostel Johannes Kirche im Norden Moskaus. Dann steigt in der jungen Frau, die ihren Namen nicht genannt wissen möchte, die Wut empor. Denn aus den teuren Autos steigen Priester der orthodoxen Kirche in schwarzen Kutten, um die Baustelle zu besichtigen. Was hier passiert, ist kennzeichnend für das Verhältnis zwischen Staat und Kirche im heutigen Russland - das glaubt jedenfalls eine junge Anwohnerin, mit der ich mich unterhalte. "Wir hatten über Monate dafür gekämpft, dass der schmale Parkstreifen zwischen unserem Viertel und dem Chimki-Stausee unberührt bleibt", erklärt die Moskauerin. Doch alles war vergeblich. "Vorletztes Jahr hatten wir uns mit Anwohnern im Park zu einer Demonstration gegen den Neubau der Kirche versammelt, plötzlich kamen aus dem Nichts kräftige Männer und drohten uns Prügel an, wenn wir nicht verschwinden, während die herbeigerufene Polizei tatenlos zuschaute", erinnert sich die Anwohnerin.

Zweckbündnis zwischen Kirche und Staat

Wladimir Putin und Kyrill II.
Wladimir Putin und Kyrill II. Bildrechte: IMAGO

Mittlerweile schaut die junge Frau von ihrem Haus aus auf einen Rohbau aus Beton, an dem man die Konturen eines orthodoxen Gotteshauses bereits erkennen kann. Wer sich im heutigen Russland mit der Kirche anlegt, das hat die Moskauerin inzwischen gelernt, der hat wenig Chancen. Denn genau ein Jahrhundert, nachdem die orthodoxe Kirche offiziell vom Staat getrennt wurde, ist die Beziehung zwischen Staat und Religion so eng wie lange nicht mehr. Das Staatsfernsehen überträgt nicht nur Wladimir Putins Kirchgang zum orthodoxen Weihnachtsfest, sondern auch die Ansprache von Patriarch Kirill II. Während sich der Staatspräsident als gläubiger Christ präsentiert und zum Fest der Taufe Jesu wie Zehntausende andere russische Christen in eisiges Wasser steigt, unterstützt das Kirchenoberhaupt die Außenpolitik des Kremls. Es ist ein Zweckbündnis, das Macht und Religion in Russland eingegangen sind. Während die Politik sich steigende Beliebtheitswerte verspricht, nutzten Kirchenfunktionäre ihre guten Beziehungen nach oben, um eigene Interessen, etwa den Neubau von Kirchen, auch gegen den Widerstand der Bevölkerung durchzusetzen.

Trennung von Kirche und Staat

Kurz nach der Oktoberrevolution 1917 sah die Situation noch ganz anders aus. Am 5. Februar 1918 verabschiedete die neue kommunistische Regierung das "Dekret über die Trennung der Kirche vom Staat". Darin wurde zwar freie Religionsausübung garantiert, aber den Religionsgemeinschaften das Recht zum Besitz abgesprochen. Zugleich stellte der Staat sämtliche Geldtransfers an die Kirche ein.

Schon Peter der Große hatte die Macht der Kirche einschränken wollen. Er verbot sie nicht, sondern machte die orthodoxe Kirche zum Teil des staatlichen Apparats. Sie verlor somit ihre Freiheit, die sie über all die Jahrhundert gehabt hatte. Der Herrscher, der Russland den Weg auf die Bühne der europäischen Großmächte bereitete, empfand die Kirche als rückwärtsgewandt. Und freilich auch als ein Hindernis für seinen absoluten Machtanspruch.

Religionsgemeinschaften wurden verfolgt

Doch statt Freiheit brachte die Loslösung vom Staat den Christen nur Gewalt und Terror. Tausende Priester und Kirchenfunktionäre wurden inhaftiert, erschossen oder starben im Gulag; Kirchen, wie etwa die Moskauer Christi Erlöser Kathedrale, wurden in die Luft gesprengt. "Das Dekret diente als Basis für die Verfolgung der orthodoxen Kirche", meint Georgij Mitrofanow, Professor an der Petersburger Geistlichen Akademie. Schließlich war es der Kirche von nun an auch verboten, über Eigentum zu verfügen. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg hörte die flächendeckende Verfolgung der Gläubigen auf. Dennoch ließen viele Eltern ihre Kinder nur heimlich taufen. 2016 erzählte Wladimir Putin, dass seine Mutter ihn heimlich taufen ließ, damit der Vater, der Mitglied der KPdSU war, nicht davon erfährt. Der Priester, der den künftigen Kremlherren taufte, war übrigens kein Geringerer als der Vater des heutigen Kirchenoberhaupts Kirill II.

"Sinfonie von Kirche und Staat"

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Christi Erlöser Kathedrale in Moskau Bildrechte: IMAGO

Heute erlebt die Kirche eine Renaissance. Nicht nur die Christi Erlöser Kathedrale wurde wieder errichtet. Im ganzen Land wurden in den letzten Jahren Hunderte neuer Kirchen gebaut und Klöster restauriert. Die Kirche verfügt über einen eigenen Fernsehsender, ihre Funktionäre sind oft gemeinsam mit den Mächtigen des Landes zu sehen. Vor wenigen Tagen sprach der Premier Dimitri Medwedjew in einem Grußwort zum neunten Amtsjubiläum des Patriarchen von "einer Sinfonie von Kirche und Staat, die es zu bewahren" gelte. Auch auf Gesetzesebene wurde dieser Status untermauert. So wurde vor vier Jahren ein Gesetz verabschiedet, welches die Gefühle der Gläubigen unter staatlichen Schutz stellt. Wer sie verletzt, dem drohen bis zu einem Jahr Gefängnis.

Kirche solle keine wichtige Rolle einnehmen

Tatsächlich jedoch scheint die öffentliche Stellung der Kirche mit ihrer gesellschaftlichen Rolle auseinanderzudriften. Zwar bezeichnen sich etwa 80 Prozent der Russen als orthodoxe Christen. In einer Umfrage des unabhängigen Lewada-Institus sagen aber zwei Drittel der Befragten, sie wünschen sich keinen Einfluss der Kirche auf staatliche Entscheidungen. Gleichzeitig sank die Zahl jener, die der orthodoxen Kirche eine "sehr wichtige Rolle" in ihrem Leben einräumen seit 2005 von elf auf sechs Prozent. Die junge Moskauerin, die sich gegen den Neubau der Kirche im Park vor ihrem Haus einsetzt, hat selbst kein Problem mit der Kirche an sich: "Ich finde es lediglich unverschämt, dass uns keiner gefragt hat, und dass wir uns einer Entscheidung beugen müssen, die die Kirche zusammen mit der Stadtregierung einfach beschlossen hat."

Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell auch im: TV | 04.05.2013 | 19:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 05. Februar 2018, 15:36 Uhr

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