Russland Mehr als Nord Stream: Russlands globale Gasprojekte

Die Kritik an Nord Stream 2 in Europa reißt nicht ab: EU und das amerikanische Repräsentantenhaus riefen dazu auf, den Bau zu stoppen. Dabei ist die Pipeline nicht das einzige umstrittene Projekt russischer Gaskonzerne.

von Maxim Kireev

Russland, Gasverdichterstation bei Anapa bei Krasnodar
In Krasnodar sind die ersten Bauabschnitte der Turkish Stream bereits fertiggestellt. Bildrechte: IMAGO

Nachdem die russische Küstenwache im November 2018 zwei ukrainische Schiffe in der Kertsch-Straße gekapert hat, bekräftigten auch die Ukraine und die baltischen Staaten ihre Kritik an der Erweiterung der bestehenden Ostsee-Pipeline. Gleichzeitig steuerte Gazprom 2018 auf ein erneutes Rekordjahr in Sachen Export nach Westeuropa hin. Lieferte der Staatskonzern 2017 192 Milliarden Kubikmeter Gas an europäische Kunden, sollen es nach Schätzungen des Unternehmens bereits mehr als 200 Milliarden Kubikmeter Gas werden. Die bestehenden Exportkapazitäten belaufen sich auf etwa 250 Milliarden. Gazproms Vize-Chef Alexander Medwedjew hätte gerne noch mehr, denn sein Konzern könne mit dem Bau neuer Pipelines den Export nach Europa theoretisch um bis zu 50 Prozent steigern.

Turkish Stream: zuerst die Türkei, dann Europa

Im Herbst 2018 meldete Gazprom die Fertigstellung des ersten Stranges der Seeleitung Turkish Stream. Dieser soll zunächst nur den türkischen Markt beliefern, doch schon bald will der Gasexporteur einen weiteren Strang verlegen, der auch Kunden in Europa versorgen soll. Zum Beispiel über eine mögliche neue Leitung von der Türkei über Bulgarien, Ungarn und Österreich. Insgesamt soll die Kapazität der beiden Röhren von Turkish Stream 35 Milliarden Kubikmetern im Jahr betragen.

Die Turkish Stream wie sie einmal verlaufen soll
So könnte die Turkish Stream einmal nach Bulgarien verlaufen. Bildrechte: Gazprom

Bulgarien in der Zwickmühle

Doch auch in Europas Süden läuft es nicht glatt für Gazprom. Zwar hat Bulgarien bereits erklärt, an einer neuen Leitung interessiert zu sein, die das EU-Land an Turkish Stream anschließt. Doch noch vor vier Jahren verweigerte Bulgarien Gazprom den Bau der Gasleitung South-Stream, die ursprünglich von der russischen Schwarzmeerküste nach Bulgarien führen sollte. Die Kritik der EU-Kommission war zu laut. Turkish Stream entstand damals als Ersatz für das gescheiterte South-Stream-Projekt. Wieder droht Ungemach aus Brüssel: Anfang Dezember erklärte der für Energiepolitik zuständige Vize-Präsident der EU-Kommission Maros Sefcovic, dass die EU eine Leitung durch Bulgarien nicht gutheißen würde, sollte es sich um eine bloße Transitpipeline für Turkish Stream handeln, und nicht um eine Leitung, die anderen Anbietern offen steht.

Der Vorsitzende von Gazprom Alexei Miller, Präsident Wladimir Putin und Vizepremier Zhang Gaoli bei einer Zeremonie in der Nähe des Dorfes Us Khatyn, die den Beginn des sibirischen Sibirien-Projekts markiert.
Festakt 2014 für die China-Russland Kooperation mit dem Vorsitzende von Gazprom Alexei Miller, Präsident Putin und dem damaligen chinesischen Vizepremier Zhang Gaoli. Bildrechte: imago/ITAR-TASS

Die Kraft Sibiriens: China als Großabnehmer

Der Widerstand in Teilen der EU gegen neue Leitungen aus Russland hat dazu beigetragen, dass Gazprom vor einigen Jahren China als neuen Großabnehmer für Gas aus Sibirien gewonnen hat. Kurz nach der Annexion der Krim und mitten in der Ukraine-Krise unterzeichnete Gazprom einen Vertrag mit China. Lieferungen im Umfang von jährlich 38 Milliarden Kubikmeter Gas über einen Zeitraum von 30 Jahren wurden vereinbart. Dafür baut Gazprom derzeit die Pipeline "Sila Sibiri", zu Deutsch Kraft Sibiriens. Ende 2018 soll die über 2000 Kilometer lange Leitung die chinesische Grenze erreichen. Ein Jahr später sollen die ersten Lieferungen beginnen.

Chinas Vizepremier Zhang Gaoli unterschreibt auf einem Pipeline-Rohr.
Chinas ehemaliger Vizepremier Zhang Gaoli unterschreibt 2014 auf einem Pipeline-Rohr. Bildrechte: imago/ITAR-TASS

Ein weiteres Großprojekt für die Region ist die Gasverarbeitungs-Anlage Amur GPZ, die ebenfalls von Gazprom gebaut wird. Produziert werden sollen Helium und andere Gasprodukte für Kunden in China. Kosten für beide Projekte: etwa 35 Milliarden Euro.

Zusätzlich führt Russland Gespräche über eine zweite Leitung, die jährlich bis zu 30 Milliarden Kubikmeter Gas aus Westsibirien über die Altai-Region nach China transportieren könnte. Noch gibt es jedoch keine festen Verträge. Auch wenn Russland sich dadurch einen neuen Absatzmarkt erschließt, hagelt es Kritik wegen der hohen Investitionskosten. So warf der ehemalige Chefanalyst der Sberbank, Alexander Fak, Gazprom in einer offiziellen Analyse der Bank vor, nicht im Interesse des Konzerns, sondern im Interesse von Baukonzernen und Röhrenlieferanten zu agieren. Ein Vorwurf, den man im Kreml nicht gern hört, denn Fak musste kurz darauf seinen Posten räumen.

Gasleitungen
Russland erobert den Chinesischen Markt mit Energielieferungen. Bildrechte: Gazprom

Russland als Newcomer im Flüssiggas

Zuspruch erntet hingegen ein Großprojekt, dass Russland innerhalb weniger Jahre vom Außenseiter zum wichtigen Spieler auf dem Weltmarkt für Flüssiggas katapultiert hat. Ein Grund: Der Gaskonzern Novatek befindet sich in privater Hand. Der andere Grund: Novatek schaffte es Russlands größte LNG-Anlage auf der Jamal-Halbinsel in Nordsibirien ein Jahr vor dem geplanten Termin fertigzustellen. Die Produktion in der Anlage läuft bereits. Frankreich und China mischen mit:  Anteilseigner zu jeweils 20 Prozent  sind der französische Energiekonzern Total und der chinesische  Energiekonzerne CNPC,  9.9 Prozent hält der chinesische Seidenstraßen-Fonds. Insgesamt belaufen sich die Investitionskosten auf umgerechnet etwa 23 Milliarden Euro.

Eine Anlage für verflüssigtes Erdgas in Sabetta.
Russlands größte LNG-Anlage auf der Jamal-Halbinsel gebaut von Novatek. Bildrechte: imago/ITAR-TASS

Energie für Asien

Nach Novateks Angaben sind fast 90 Prozent der jährlich produzierten 16 Millionen Tonnen Flüssiggas für Abnehmer in Asien gedacht. Weil die Anlage jedoch vorzeitig fertiggestellt wurde, fließt russisches Flüssiggas vorübergehend vor allem nach Europa, wo die Preise für Flüssiggas zuletzt angezogen haben. Nach Angaben des Branchendienstes ICIS kamen im November 17 Prozent aller europäischen Flüssiggas-Importe aus Russland. Die vertraglich zugesicherten Lieferungen nach Asien sollen erst 2019 beginnen. Schon jetzt plant Novatek bereits eine zweite noch größere Flüssiggas-Anlage in der Region zu errichten. Der Bau der geplanten Produktionsstätte Arctic LNG soll Anfang der 2020er-Jahre beginnen und mit 18 Millionen Tonnen jährlicher Leistung das Volumen des Jamal-Projekts übersteigen.

Über dieses Thema berichtete der MDR auch im TV: MDR aktuell | 07.02.2019 | 19:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 08. Februar 2019, 11:33 Uhr

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