Preisverleihung für Menschenrechte Sacharow-Preis für Filmemacher Senzow: Die letzte Hoffnung?

Die Cousine des in Russland inhaftierten ukrainischen Filmregisseur Senzow hat in Straßburg den Sacharow-Preis für ihn entgegengenommen. Zuletzt schien Senzows Freilassung wenig realistisch. Kann der Preis nun etwas ändern?

Von Denis Trubetskoy

Oleg Sentsov
Bildrechte: imago/ITAR-TASS

Das Europäische Parlament in Straßburg hat am 12. Dezember zum 31. Mal den mit 50.000 Euro dotierten Sacharow-Preis für geistige Freiheit verliehen. Der Preis konnte in diesem Jahr nicht persönlich vom Preisträger entgegen genommen werden. Der ukrainische Filmemacher Oleh Senzow ist seit mehr als drei Jahren in russischer Haft. Wegen eines angeblich geplanten Terroranschlags auf die Krim-Halbinsel wurde er zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt. Der 42-Jährige verbüßt diese Strafe derzeit in einer Strafkolonie in der russischen Kleinstadt Labytnangi am Polarkreis.

Andrej Sacharow, 1987
Dissident und Friedensnobelpreisträger Andrej Sacharow Bildrechte: IMAGO

Der Sacharow-Preis für Menschenrechte wurde vom Europäischen Parlament gegründet und wird oft auch als EU-Menschenrechtspreis bezeichnet. Der Preis ist nach dem sowjetischen Physiker und Dissidenten Andrej Sacharow benannt. Preisträger waren bereits viele berühmte Personen und Organisationen. Unter anderem der frühere südafrikanischen ANC-Führer Nelson Mandela und 2017 die demokratischen Opposition in Venezuela.

Senzow – der Querulant

Oleh Senzow
Senzow im Hungerstreik Bildrechte: IMAGO

Der ursprünglich von der Krim stammende Senzow ist ein bekannter Gegner der russischen Annexion. 2018 hat Senzow vor allem mit seinem 145-tägigen Hungerstreik weltweit für Schlagzeilen gesorgt. Der Streik begann im Mai exakt einen Monat vor Beginn der Fußball-WM in Russland: Der Regisseur forderte seine Freilassung aus russischer Haft und die weiterer 70 politischer Gefangener aus der Ukraine. Mittlerweile kommen noch 24 ukrainische Marinesoldaten dazu, die nach dem Vorfall vor der Straße von Kertsch Ende November von russischen Militärs festgenommen wurden. Senzow beendete den Hungerstreik erst als man ihm mit Zwangsernährung drohte. Sein Protest gehört zu den Hauptgründen, warum das Europäische Parlament sich letztlich für die Verleihung des Preises an Senzow entschied.

Senzow ist zu einem Symbol des Kampfes für die Freilassung von politischen Gefangenen in Russland geworden

Jury Sacharow-Preis

Gefangenenaustausch bleibt in weiter Ferne

Dennoch, die durchschlagende Wirkung des Hungerstreiks bleibt aus. Um den Gefangenenaustausch zwischen Moskau und Kiew ist es still geworden, die Verhandlungen zwischen den Menschenrechts-Beauftragten der beiden Länder haben nachgelassen. Die Wahrscheinlichkeit, dass Senzow und andere Ukrainer in russischer Haft bald in ihre Heimat zurückkehren dürfen, ist derzeit eher klein.

Flashmob für Senzow

Mit einem Flashmob #LetSentsovGetSakharov in den sozialen Medien forderten Abgeordnete des EU-Parlaments, dass Senzow den Preis entgegennehmen darf. Eine Reise von Senzow zur Preisverleihung nach Straßburg wurde jedoch nicht gestattet. Stellvertretend nahm den hochdotierten Preis seine Cousine Natalja Kaplan vor Ort entgegen.

Demonstrierende halten vor dem Generalkonsulat von Russland ein Banner mit der Aufschrift: 'Befreit Senzow'.
Demonstrationen für die Freilassung von Senzow Bildrechte: dpa

"Wir werden diese 50.000 Euro auf ein Bankkonto bis zur Olehs Freilassung hinterlegen", sagt die seit einigen Jahren in der Ukraine lebende russische Staatsbürgerin Kaplan, die derzeit übrigens Probleme hat, ihre ukrainische Aufenthaltsgenehmigung zu verlängern. „Im Fall der Fälle bekommen seine beiden Kinder das Geld. Ich würde es mir aber wünschen, dass Oleh freikommt und selbst entscheidet, was er mit der Summe macht.“

Frau mit kurzem schwarzen Haar
Nahm den Preis für Ihren Cousin Oleh Senzow entgegen: Natlaja Kaplan. Bildrechte: EU/Genevieve Engel

Wenig Hoffnung auf Freilassung

Senzows Anwalt Dmitrij Dinse berichtet der Regisseur habe wenig Hoffnung auf Freilassung. "Ich glaube das aber nicht, auch wenn wir uns in einer Sackgasse befinden. Er ist aber sehr stark, um nicht einzubrechen und hat den Preis sehr verdient", so der Anwalt. Im politischen Kiew hofft man nun, dass die Verleihung des Sacharow-Preises an Senzow erneut den Druck auf Russland erhöht, ukrainische Gefangene freizulassen. Allerdings ist die Aufmerksamkeit in Sachen Senzow auch in der Ukraine seit der Beendigung seines Hungerstreiks etwas zurückgegangen.

Kein Ton vom Kreml zur Preisverleihnug

Oleg Senzow
Senzow in Gefangenschaft Bildrechte: imago/ITAR-TASS

Im russischen Menschenrechtsrat wurde die Entscheidung des Europaparlaments als "politische Machenschaft" bezeichnet. Der Kreml kommentierte die Verleihung an den inhaftierten Ukrainer jedoch nicht. Klar ist trotzdem, dass sich die Begeisterung in Moskau in Grenzen hält.

Nach dem Hungerstreik befand sich Senzow einige Monate in der medizinischen Einheit der Labytnangi-Strafkolonie. Den russischen Behörden zufolge ist Senzows Gesundheitszustand zufriedenstellend. Auch der russische Regisseur Askold Kurow äußerte sich zuletzt positiv zur Gesundheitsentwicklung des Ukrainers: „Er sieht auf jeden Fall besser als zur Zeit des Hungerstreiks aus und nimmt zu.“ Doch Senzows Anwalt Dinse warnt: „Herz, Leber und Niere haben sich durch den Hungerstreik organisch verändert, deswegen kann man keine sichere Prognose über seinen Gesundheitszustand geben.“ Auch deswegen fordert er die frühestmögliche Freilassung Senzows, die aber nicht in Sicht ist.

Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell auch im TV : 25.10.2018 | 21:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 14. Dezember 2018, 16:04 Uhr

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