Kiew - Hauptstadt der Ukraine
Liebeserklärung in der Innenstadt von Kiew Bildrechte: IMAGO

Worüber lacht der Osten? Ukraine: Kiew lacht politisch

Haben die Ukrainer überhaupt etwas zu lachen? Ostblogger Denis Trubetskoy meint: Ja. Vor allem die chaotische innenpolitische Lage befeuert seit Jahren den Humor im Land.

von Denis Trubetskoy

Kiew - Hauptstadt der Ukraine
Liebeserklärung in der Innenstadt von Kiew Bildrechte: IMAGO

Zugegeben, viel zu lachen gibt es in der Ukraine mittlerweile nicht mehr. Zum einen muss der durchschnittliche Ukrainer mit umgerechnet 230 Euro Monatsgehalt irgendwie über die Runden kommen, zum anderen bietet die ohnehin schwierige politische Situation keinen Grund zum Optimismus. Letztlich ist es sogar egal, wie man zur Maidan-Revolution steht oder wie man Russlands Rolle bei der Annexion der Krim sowie im Donbass-Krieg bewertet. Was den Durchschnittsbürger wirklich bewegt, ist die extrem schwierige wirtschaftliche Lage und die endlose innenpolitischen Krise.

Politisches Chaos heizte Humor an

Doch die innenpolitischen Ereignisse sind wohl auch der Grund, warum die politische Satire in der Ukraine solche Erfolge feiert. Noch vor 2004 war das ukrainische Fernsehen definitiv kein Ort für den politischen Humor. Das hat sich – wie vieles in der Ukraine – mit der damaligen Orangen Revolution völlig verändert. Unter der Präsidentschaft von Wiktor Juschtschenko (2005-2010) gab es deutlich mehr Freiheit für die ukrainischen Medien, es waren aber vor allem auch die Jahre des politischen Chaos. Eine Parlamentskrise löste die andere ab, spontane Regierungswechsel waren die Regel statt die Ausnahme.

"Comedy Club" muss dreimal Sender wechseln

Doch wer sorgt in der Ukraine für politischen Humor? Begonnen hat alles mit dem "Comedy Club", einem ukrainischen Ableger der gleichnamigen russischen Sendung, dem 2006 der Durchbruch gelang. Die Inhalte in beiden Ländern ähnelten sich damals wenig. In der russischen Ausgabe ging es vor allem um Alltagshumor und selten um Politik, und falls doch, dann zumeist um Außenpolitik. Die Innenpolitik blieb für die meisten russischen Comedy-Sendungen - auch für den "Comedy Club" - ein Tabu.

Parodie auf Politiker machte Sendung beliebt

Viktor Janukowitsch
Wiktor Janukowitsch - früherer Premier der Ukraine Bildrechte: dpa

Im ukrainischen "Comedy Club" ging es hingegen fast ausschließlich um Innenpolitik. Besonders beliebt beim Publikum: Parodien auf prominente ukrainische Politiker wie Julia Timoschenko oder Wiktor Janukowitsch. Doch die politische Ausrichtung der Sendung war problematisch. Da in der Ukraine Medieneigentümer politische Interessen vertreten, musste der ukrainische "Comedy Club" dreimal in drei Jahren den Sender wechseln. Ende 2008 wurde die Sendung schlussendlich vom ukrainischen Fernsehrat verboten, mit der Begründung, dass sie gegen die öffentliche Moral verstoßen habe.

Erfolge für das "Abendquartal"

Doch die Satire-Welle, die mit dem "Comedy-Club" ins Rollen kam, war nicht mehr aufzuhalten. 2005 ging die Satire-Sendung "Wetschernij Kwartal" ("Das Abendquartal") auf Sendung. Mit ihren politischen und sozialen Themen ist sie eine der beliebtesten ukrainischen Fernsehsendungen. "Unser Erfolgsrezept ist, das politische Leben in der Ukraine so zu zeigen, wie es tatsächlich ist. Das kommt bei den Menschen unglaublich gut an", sagt Wolodymyr Selenskyj, Hauptproduzent und Darsteller in der Sendung.

Parodie in der ukrainischen Satire-Sendung Вечерний квартал (Abendquartal)
Parodie in der ukrainischen Satire-Sendung "Abendquartal" Bildrechte: Kvartal95

"Den Nerv der Menschen getroffen"

Ausschnitt aus ukrainischer Fernsehserie Sluga narodu (Der Diener des Volkes)
Sitzend: Hauptdarsteller bei "Der Diener des Volkes": Wolodymyr Selenskyj Bildrechte: Kvartal95

Seit 2015 tritt Selenskyj auch als Hauptdarsteller in der Fernsehserie "Sluga narodu" ("Der Diener des Volkes") auf. Dort verkörpert er den Geschichtslehrer Wasyl Goloborodko, der für das Präsidentschaftsamt kandidiert und die Wahlen überraschend gewinnt. Die Machterfahrungen von Goloborodko ähneln dem politischen Alltag der Ukraine ungemein. "Ich glaube, wir haben hier den Nerv der Menschen getroffen", glaubt Selenskyj.

Witze vergiften politisches Klima

Doch der Aufstieg des politischen Humors brachte auch Schwierigkeiten mit sich. Die Satire heizte den gesellschaftlichen Konflikt zwischen Ost- und Westukraine massiv an. Vor allem die heute umkämpfte Donbass-Region, die in den 1990er-Jahren mit einer hohen Kriminalitätsrate kämpfte, geriet unter satirischen Beschuss - sehr zum Leidwesen vieler Donbass-Bewohner. Vor Jahren machten Aufkleber die Runde, auf denen stand: "Pinkel nicht im Fahrstuhl, du bist schließlich kein Donezker!" oder "Du Donezker, mach das Münztelefon nicht kaputt, mit dem kannst du doch deine kriminellen Freunde anrufen". Ein schwarzer Humor wie dieser ist es, der das Klima in der Ukraine bis heute vergiftet.

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL auch im: Radio | 11.09.2017 | 17:52 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 18. Oktober 2017, 19:11 Uhr

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