Kolinda Grabar Kitarovic mit Kindern um sich.
Kroatiens Präsidentin Kolinda Graber-Kitarović beim Besuch einer Kindereinrichtung Bildrechte: IMAGO

Kroatien und Serbien: Wie Schokolade Nationalismus aufflammen lassen kann

Was fällt einem zu Schokolade ein? Süßigkeit, Geschenk, Geburtstag. Aber auch Massenmord, ethnische Säuberung und Kriegsverbrechen? In Serbien und Kroatien wird Schokolade seit Wochen in Verbindung zum Krieg gebracht.

von Andrej Ivanji

Kolinda Grabar Kitarovic mit Kindern um sich.
Kroatiens Präsidentin Kolinda Graber-Kitarović beim Besuch einer Kindereinrichtung Bildrechte: IMAGO

Jedes Jahr, wenn in Kroatien der "Tag der Befreiung" gefeiert wird, klingen in Serbien die Trauerglocken. Während man in Zagreb vom heldenhaften Kampf gegen "serbische Besatzer" spricht, gedenkt man in Belgrad der Opfer der "ethnischen Säuberung". Über zwei Jahrzehnte nach Kriegsende sind die Beziehungen zwischen den zwei Ländern immer noch derart vom Krieg belastet, dass selbst Schokolade zum politischen Skandal werden kann. Die "Schokolade-Affäre", die sich zunächst wie ein Witz anhörte, führte zu einem neuen Tiefpunkt der Beziehungen zwischen Belgrad und Zagreb.

Serbische Schokolade für kroatische Kinder?

Serbische Schokolade in einem Supermarktregal
Kroatische Schokolade in einem Belgrader Supermarkt Bildrechte: Andrej Ivanji

Alles begann, als die kroatische Präsidentin Kolinda Graber-Kitarović einen Kindergarten in der Küstenstadt Dubrovnik besuchte. Begleitet von Kameras verteilte sie Kindern Geschenkpäckchen. Die Stimmung war betont locker. Eine Werbekampagne eben, typisch für hohe Politiker, die sich mit den "Menschen im Land" zeigen wollen. Doch dann ging plötzlich alles schief. In den Päckchen wurde serbische Schokolade entdeckt. Einige Eltern schrien auf: Was sucht serbische Schokolade in Geschenkpäckchen für kroatische Kinder!? Man protestierte, man regte sich auf, man erinnerte empört an die "serbische Okkupation und von Serben verübte Kriegsverbrechen", an den Beschuss von Dubrovnik.

Sie sei "sehr unangenehm überrascht", rechtfertigte sich die Präsidentin, die ohnehin mit schlechten Umfragewerten zu kämpfen hat. Es werde "nie wieder geschehen", beteuerte sie und versprach eine Untersuchung des Vorfalls, als ob es sich bei der Schokolade in den Päckchen um eine subversive Tätigkeit gehandelt hätte.

Empörung in Serbien

Blumen-Denkmal an der Gedenkstätte Jasenovac
Mahnmal auf dem Gelände des in dem von der kroatischen faschistischen Organisation "Ustascha" geführten Konzentrationslagers Jasenovac, in dem mehr als 30.000 Serben starben. Bildrechte: IMAGO

Auf die Reaktion von Präsidentin Kitarović  folgte die Gegenreaktion aus Belgrad. Wenn für Kroaten serbische Schokolade umstritten sei, dann seien "für sie sicher auch Serben umstritten“, erklärte Außenminister Ivica Dačić. Frau Kitarović habe kein Problem, sich "vor Fahnen und Gedenkstätten der Ustascha ablichten zu lassen", dafür habe sie aber ein Problem mit in Serbien hergestellter Schokolade, sagte Serbiens Arbeitsminister Aleksandar Vulin. Serbiens Ministerpräsident Aleksandar Vučić meinte zynisch, er schaue nicht auf die ethnische Herkunft von Schokolade.

Während manche Politiker die Gelegenheit wahrnahmen, um wieder einmal Öl aufs entflammte Feuer zu gießen, konnte man in Geschäftskreisen in beiden Ländern hören, dass es für alle am besten wäre, wenn "Politiker einige Jahre lang die Klappe halten würden".

Gleich nach der Schokoladen-Affäre blockierte EU-Mitglied Kroatien die Eröffnung von Gesprächen über "Kapitel 26 (Bildung und Kultur)" zwischen EU und dem EU-Beitrittskandidaten Serbien. Kroatien beanstandete die Schulbücher für die kroatische Minderheit in Serbien. Und wieder folgten blanke Empörung und kämpferische Töne aus Belgrad.

Zwei historische Wahrheiten

Kolinda Grabar-Kitarovic und Aleksandar Vucic schütteln am Geburtshaus von Milutin Milankovic die Hände.
Seltene Harmonie: Serbiens Ministerpräsident Aleksandar Vučić und Kroatiens Präsidentin Kolinda Graber-Kitarović weihen 2016 eine Porträtbüste des in Dalj, Kroatien, geborenen Geophysikers und Mathematikers Milutin Milanković ein. Bildrechte: IMAGO

Serben und Kroaten haben verschiedene historische Wahrheiten. Aus serbischer Sicht mussten sich die in Kroatien lebenden Serben zu Beginn des jugoslawischen Krieges gegen aufkommenden kroatischen Faschismus verteidigen, aus kroatischer Sicht führte Belgrad einen Besatzungskrieg im Sinne großserbischer Ideen. Während am 5. August Kroaten die Befreiung, den Siegestag, feiern, klingen in Serbien die Trauerglocken, man gedenkt der Opfer, spricht von "ethnischer Säuberung". Rund 200.000 Serben sind Anfang August 1995 binnen weniger Tagen vor der Militäraktion "Oluja" (Sturm) aus Kroatien geflüchtet. Man beschuldigt sich gegenseitig, Kriegsverbrechen begangen zu haben, kehrt die eigenen unter den Tisch. Vergangenheitsbewältigung gibt es auf beiden Seiten nur in Ansätzen. Ähnlich verhält es sich in Bosnien und Herzegowina und im Kosovo.

Nicht aufgearbeitete Geschichte

Der Krieg zwischen Serbien und Kroatien wurde vor mehr als zwanzig Jahren beendet. Serben machen inzwischen wieder Urlaub in Kroatien, kroatische Firmen Geschäfte in Serbien. Kroatische Bands spielen in Serbien, serbische in Kroatien. Es gibt wieder binationale Ehen. Die Lage scheint sich zu normalisieren. Doch bei jedem Fußball-, jedem Basketballspiel kommt der Nationalismus zum Kochen. Wie brüchig die Beziehungen sind, wie leicht man die unaufgearbeitete Geschichte missbrauchen, vom europäischen Kurs entgleisen kann, zeigt die "bittere Schokolade" in Dubrovnik.

(Zuerst veröffentlicht am 21.12.2016)

Zuletzt aktualisiert: 21. November 2017, 15:31 Uhr

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