Ein rot-blauer Zug steht in einem Bahnhof.
"Kosovo ist Serbien", steht in 21 Sprachen auf dem serbischen Zug, der in den Kosovo fahren sollte. Bildrechte: IMAGO

Wieder Säbelrasseln zwischen Serbien und Kosovo

Statt über Versöhnung redet man über Krieg: Die Beziehungen zwischen Serbien und dem Kosovo sind so angespannt, wie schon lange nicht mehr. Dafür sorgte auch ein serbischer Zug, der nicht in den Kosovo fahren durfte.

von Andrej Ivanji

Ein rot-blauer Zug steht in einem Bahnhof.
"Kosovo ist Serbien", steht in 21 Sprachen auf dem serbischen Zug, der in den Kosovo fahren sollte. Bildrechte: IMAGO

"Wir wollen keinen Krieg, aber wenn es sein muss, werden wir auch die Armee (ins Kosovo - Anm. des Autors) schicken, um Serben vor potentiellem Morden zu bewahren. Wenn sie (die Albaner - Anm. des Autors) Serben umbringen, schicken wir die Armee. Wir werden alle hingehen, auch ich werde hingehen, es wäre für mich nicht das erste Mal", erklärte Tomislav Nikolic, der in den 1990er-Jahren als Freiwilliger in den Krieg zog, um für das Serbentum zu kämpfen. Was bewegt den heutigen serbischen Präsidenten, fast achtzehn Jahre nach Kriegsende wieder mit dem Säbel zu rasseln? Ein Zug! Ein serbischer Zug, den die kosovarische Regierung nicht ins Kosovo lassen wollte.

"Kosovo ist Serbien"

Erstmals nach 1999 hätte nämlich in der zweiten Januarwoche 2017 ein Zug von Belgrad in die ethnisch geteilte Stadt Kosovska Mitrovica fahren sollen. Die liegt im mehrheitlich von Serben bewohnten Norden des Kosovo. Doch nicht irgendein Zug war das, sondern ein brandneuer russischer Zug, innen mit Motiven serbisch-orthodoxer Heiliger und orthodoxer Klöster aus dem Kosovo geschmückt - die Waggons von außen in serbischen Nationalfarben bemalt und in 21 Sprachen mit dem Leitmotiv der serbischen Kosovo-Politik beschriftet: "Kosovo ist Serbien."

"Serbische Provokation"

Ein uniformierte Zugbegleiterin steht in einem Zugabteil.
Der Zug, innen ausgeschmückt mit Darstellungen serbisch-orthodoxer Heiliger Bildrechte: IMAGO

Für Prishtina stellte ein derart ausstaffierter Zug nichts anderes dar als eine serbische Provokation. Ein Zug, eingewickelt in serbische nationalistische Parolen, verletze die Verfassung des Kosovo und dürfe nicht einreisen, erklärte der Präsident des Kosovo, Hashim Thaci. Der kommandierte einst die so genannte "Kosovo-Befreiungsarmee" (UCK), die in den 1990er-Jahren den bewaffneten Aufstand für die Unabhängigkeit des Kosovo anführte. Bald verbreiteten sich in Serbien Gerüchte, dass die Eisenbahngleise im Kosovo vermint seien, dass der Lokführer des fraglichen Zuges verhaftet werden soll und dass schließlich Prishtina Sondereinheiten der Polizei beauftragt habe, den Zug aufzuhalten. Serbiens starker Mann höchstpersönlich, Ministerpräsident Aleksandar Vucic, beorderte danach den Zug, der schon fast das Kosovo erreicht hatte, zurück nach Belgrad, um, wie er sagte, "Menschenopfer zu vermeiden". Er werde sich auf die "Kriegsspiele" des Kosovo nicht einlassen, erklärte er, Prishtina habe Ausschreitungen größeren Ausmaßes geplant. Serbische Politiker konnten in dem bemalten Zug beim besten Willen keine Provokation erkennen und warfen Prishtina stattdessen vor, die "Bewegungsfreiheit" für Serben einschränken zu wollen.

Unbeglichene Rechnungen

Die "Zugaffäre"zeigte wieder einmal, wie angespannt die Beziehungen zwischen Belgrad und Prishtina sind, wie leicht es ist, nationalistische Geister aus der Flasche zu lassen und  unbeglichene historische Rechnungen ins Spiel zu bringen. Die Nato beendete 1999 mit dreimonatigen Luftangriffen auf Serbien den Krieg im Kosovo, serbische Streitkräfte zogen sich aus der südlichen serbischen Provinz zurück, die unter ein UNO-Protektorat gestellt wurde. Im Jahr 2008 rief das Kosovo die Unabhängigkeit aus, die nur fünf EU-Staaten bisher nicht anerkannt haben. In der serbischen Verfassung ist dagegen sinngemäß festgeschrieben (und serbische Politiker wiederholen es bei jeder Gelegenheit): 'Wir werden nie und nimmer und unter gar keinen Umständen die widerrechtliche Unabhängigkeit des Kosovo anerkennen.' Unterstützt von der Veto-Macht Russland, verhindert Serbien wo es nur kann die Vollendung der kosovarischen Unabhängigkeit.

Osteuropa

Mann vor einem Bücherregal 1 min
Bildrechte: Andrej Ivanji

Ohne Willen zur Aussöhnung

Belgrad und Prishtina werfen sich gegenseitig die schlimmsten Kriegsverbrechen und ethnische Säuberung vor. Erst neulich wurde der Ex-Premier des Kosovo, Ramush Haradinaj, in Frankreich aufgrund eines internationalen serbischen Haftbefehls festgenommen, demzufolge ihm Kriegsverbrechen angelastet werden. Die serbische Boulevardpresse stellte Haradinaj als einen Massenmörder dar, der persönlich Serben hingerichtet hätte. "Er schlachtete und tötete serbische Kinder", schrieb etwa die Tageszeitung "Kurir". Belgrad fordert von Frankreich die Auslieferung Haradinajs. Prishtina zeigte sich empört und sprach auch in diesem Fall von einer "Provokation".

Eine "Normalisierung der Beziehungen" zwischen Belgrad und Prishtina im Rahmen des Verhandlungsprozesses unter der Obhut der EU ist eine Forderung Brüssels für den Fortschritt der serbischen EU-Beitrittsverhandlungen. Doch, ganz im Gegenteil, die Beziehungen erreichen einen neuen Tiefpunkt. Auf beiden Seiten fehlt der Wille zur Versöhnung.

(Zuerst veröffentlicht am 20.01.2017)

Zuletzt aktualisiert: 20. Januar 2017, 10:44 Uhr

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