Tschechischer Skiort Harrachov
Ortsschild des tschechischen Harrachov, das an der polnischen Grenze liegt. Bildrechte: imago/GEPA

Tschechien Skisprungschanzen in Harrachov völlig marode

Im weltberühmten Skigebiet Harrachov sind alle fünf Sprungschanzen wegen ihres erbärmlichen Zustands gesperrt worden. Das stellt den Ort vor ein riesiges Problem. Dass dort eines Tages wieder eine WM ausgetragen wird, scheint derzeit absolut utopisch.

von Helena Šulcová

Tschechischer Skiort Harrachov
Ortsschild des tschechischen Harrachov, das an der polnischen Grenze liegt. Bildrechte: imago/GEPA

Der frühere tschechische Skispringer Jakub Janda klagt in letzter Zeit über durchwachte Nächte. "Ich habe bemerkt, dass ich manchmal die ganze Nacht an die Zimmerdecke schaue", gestand er vor ein paar Tagen bei einer Pressekonferenz. Grund sind die Sprungschanzen in tschechischen Harrachov, die man wegen ihres erbärmlichen Zustandes schließen musste.

Janda, einstiger Gewinner der Vierschanzentournee, leitet seit ein paar Monaten die Abteilung Skispringen im tschechischen Skiverband. Er muss für die tschechischen Skispringer alternative Trainingsorte finden. Doch die fünf gesperrten Schanzen sind nicht so einfach zu ersetzen.

Frappierende Mängel 

Ski Jumping World Cup Harrachov
Ein Bild von 2010: Skisprung-Weltcup in Harrachov. Er wurde seit den 1980er Jahren immer wieder dort ausgetragen. Bildrechte: dpa

Die Schanzen in Harrachov, einem Dorf an der tschechisch-polnischen Grenze, waren stets gute Werbung fürs Land. Die heutige Anlage am Nordhang des Berges Čertová Hora (zu deutsch Teufelsberg) gibt es seit 1979. Seither war sie Austragungsort von zahlreichen Skisprung-Weltcups und Skiflug–Weltmeisterschaften. Die letzte WM auf der Anlage gab es 2014. Der deutsche Skispringer Severin Freund stand damals auf dem Siegertreppchen. Noch im gleichen Jahr musste die Schanze (HS 205 Meter) gesperrt werden. 

Im Mai wurden auch die kleineren Skisprungschanzen dicht gemacht – nach einem Beschluss des Tschechischen Olympischen Komitees (ČOV). In einer Bestandsaufnahme hieß es, die Mängel seien frappierend, die Anlauftürme marode und löchrig. Zudem könnten die Bretter jederzeit brechen.

Investitionen reichten nicht aus

Die Bürgermeisterin von Harrachov, Eva Zbrojová, hat lange Zeit noch um die kleineren Schanzen gekämpft. "Nun aber war der Zustand der Schanzen lebensgefährlich", sagte sie der Zeitung "Lidové noviny". Ihre Verwaltung investierte jährlich rund 15.500 Euro in den Erhalt der Schanzen, ein Prozent des Rathaussäckels des 1.500 Einwohner zählenden Dorfes.

In den vergangenen Jahren hatten zudem der Skiverband und das Tschechische Olympische Komitee (ČOV) mit Investitionen versucht, das Areal zu retten. Rund 17 Millionen Kronen – umgerechnet rund 655.000 Euro – wurden in die Anlage gepumpt, jedoch vergeblich. "Das langsame Sterben des Areals haben wir damit nur um vier Jahre verlängert", sagt der Generalsekretär des ČOV, Petr Graclík. 

Anlage in Harrachov Die Riesenschanze von Harrachov stand bereits in den 1980er-Jahren stark in der Kritik. Die Skispringer erreichten darauf eine Höhe von bis zu zwölf Metern über den Grund, ein viel zu gefährlicher so genannter Luftstand für die Sportler. Es gab zahlreiche Stürze, wie der von DDR-Skispringer Jens Weißflog bei der Skiflug-WM 1983. Der Ski-Weltverband (FIS) ließ die Schanze sperren. Sie wurde umgebaut. Fachleute erkannten durch die Schanze, dass ein maximaler Luftstand von fünf Metern für die Springer viel sicherer ist und dennoch große Weiten möglich sind.

Regierung hat noch keine Entscheidung getroffen

Die Kosten für eine Sanierung der Schanzen werden auf umgerechnet rund 20 Millionen Euro geschätzt – eine unbezahlbare Summe für die Sportverbände. Vor Monaten kam die tschechische Regierung zu einer Sondersitzung in der Region zusammen. Premier Andrej Babiš interessierte sich für das Schicksal des Areals. Ob die Sanierung aber aus staatlichen Mitteln gezahlt werden wird, ist noch unklar. 

Traum von WM in Harrachov ausgeträumt 

Arbeiter reinigen 2013 den Anlauf der Skisprungschanze in Harrachov.
Arbeiter reinigen 2013 den Anlauf einer Skisprungschanze in Harrachov. Bildrechte: dpa

Den Leiter der Skisprung-Abteilung des tschechischen Skiverbandes, Jakub Janda, erwarten also weitere schlaflose Nächte. Vor allem die jungen Sportler aus Nordböhmen haben bis auf die Skisprungschanze in Liberec derzeit keinen Trainingsort. "Wenn wir die Anlage in Harrachov nicht reparieren und zumindest die kleinen Schanzen wieder öffnen können, zerstören wir eine ganze Generation von Skispringern", sagte Jakub Janda den tschechischen Medien. 

Er hofft, dass die kleinen Schanzen in zwei Jahren wieder in Betrieb gehen. Wieder von einer Skisprung-WM in Harrachov zu träumen, wagt keiner in Tschechien. Es würde schon reichen, wenn auf den Schanzen wieder trainiert werden könnte. 

Über dieses Thema berichtete der MDR auch im Fernsehen: Sport im Osten | 26.05.2018 | 23:20 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 07. Dezember 2018, 12:58 Uhr