"Big Brother is watching you" in Vilnius

"Big Brother is watching you" in Vilnius. Könnte zumindest meinen, wer die Kameras an Ampelkreuzungen in der litauischen Hauptstadt erspäht. Doch bespitzelt wird hier niemand. Die Hightech-Linsen versuchen eher, Stimmungen zu erfassen. Alles für die Wissenschaft, heißt es bei den Stadtplanern von Vilnius, und für eine lebenswerte Stadt.

von Vytenė Stašaitytė

Video-Überwachungskamera
Stimmungsbaromter: Hightech-Kameras messen, wie gut oder schlecht die Laune der Menschen in Vilnius ist. Bildrechte: imago/Ralph Peters

Wann in Vilnius die Stimmung rockt, zeigt ROCK. Das System scannt mit Spezialkameras an sechs Ampelkreuzungen die vorübereilenden oder wartenden Menschen. Sie erkennen das Geschlecht und das ungefähre Alter. Und mit einem Blick auf Augen und Lippen messen die Geräte die Emotionen der Passanten. ROCK erkennt sieben emotionale Zustände: neutral, fröhlich, traurig, böse, angeekelt, erschrocken und überrascht. Dazu wird auch noch die Intensität der Emotion eingestuft. Gemessen werden auch Gesichtstemperatur, Atemgeschwindigkeit und Puls. Insgesamt ermittelt das System 21 Parameter von jedem Menschen, der sich in Sichtweite von ROCK befindet. Last but not least wird auch noch die Umgebung eingeschätzt: von Lufttemperatur über Windgeschwindigkeit und Feuchtigkeit bis zu magnetischen Strömungen.

Osteuropa

Vytene Stasaityte 1 min
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Do 20.12.2018 15:11Uhr 00:53 min

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Video

Wo sich die Menschen am wohlsten fühlen

ROCK steht für Regeneration and Optimisation of Cultural Heritage in Creative and Knowledge Cities (Regeneration und Optimierung des Kulturerbes in Kreativ- und Wissensstädten) und ist eigentlich der Name des EU-Förderprogramms, mit dem die Datenerhebung und Analyse gefördert wird. In der litauischen Hauptstadt arbeitet das System mit seinen Video- und Thermo-Kameras seit mehr als einem Jahr. Geleitet wird das Projekt vom Lehrstuhl für Baumanagement und Immobilien an der Technischen Gediminas-Universität Vilnius. Und die Stadtverwaltung nutzt die erfassten Daten bereits. So kann mit ihrer Hilfe beispielsweise analysiert werden, ob ein Stadtfest als gelungen gelten darf und an welchen Orten sich die Menschen wann am wohlsten fühlen. In Zukunft sollen die Analysen von ROCK bei der Stadtplanung helfen, aber auch von Unternehmen genutzt werden dürfen. Denn je besser die Laune der Menschen ist, desto mehr Geld geben sie aus. Das jedenfalls behauptet Projektleiter Artūras Kaklauskas.

Artūras Kaklauskas
Projektleiter Artūras Kaklauskas: Will, dass die Analysen von ROCK in die Stadtplanung einfließen. Bildrechte: Artūras Kaklauskas

Hochstimmung am Wochenende und an Feiertagen

Nach Analyse der bisher erhobenen Daten ergibt sich Kaklauskas zufolge in Vilnius ein ähnliches Stimmungsbild, wie man es aus anderen Städten dieser Welt kennt: "Die Welt-Tendenzen stimmen überein, wenn man sich die durchschnittlichen Tage anschaut. Danach fühlen sich die Menschen von sieben bis neun Uhr morgens am wohlsten, um die Mittagszeit steigt die Müdigkeit." Analysiere man den Wochenzyklus, dann zeige sich, dass die Menschen freitags und samstags am glücklichsten sind. Am Montag läge die Stimmung der meisten Menschen am Boden.

Die Beobachtungen von 2018 lassen auch den Schluss zu, dass die Menschen an  staatlichen Feiertagen viel besser gelaunt sind. Das zeigte sich beispielsweise am 16. Februar vergangenen Jahres. An diesem Tag feierten die Litauer den 100. Jahrestag der ersten Unabhängigkeit. Und obwohl das Wetter schlecht war, rockte Vilnius viel mehr als an jedem anderen durchschnittlichen Freitag, von anderen Wochentagen gar nicht zu sprechen. 

Straßen-Kamera Vilnius
Na, wie ist die Stimmung? Die ROCK-Kameras messen auch Gesichtstemperatur, Atemgeschwindigkeit und Puls. Bildrechte: Projekt ROCK

Gespeichert wird nicht

Auch wenn das Gerät sehr viele Infos sammelt, versichert Artūras Kaklauskas, dass keine Videos gespeichert werden. Das System bearbeitet die eingegangenen Daten von einer Stunde und gibt eine verallgemeinerte Bemerkung. "Nach einer Stunde kommt eine Summe der Informationen, aber keiner weiß genau, wer da über die Straße gelaufen ist. Es kann zum Beispiel rauskommen, dass da 40 Prozent Frauen waren, 20 Prozent der Menschen waren über 50 usw., aber keine persönlichen Daten", sagt Kaklauskas. Das Projekt sei mit den Auflagen der neuen Datenschutz-Grundverordnung der EU (DSGVO) vereinbar.

Straßen-Kamera Vilnius
Man darf auch mal bei rot über die Straßen gehen, wenn kein Polizist in der Nähe ist. Denn gespeichert werden die ROCK-Aufzeichnugen nicht. Bildrechte: Vytenė Stašaitytė

Andere europäische Großstädte lehnen ROCK ab

So sehen es aber nicht alle Städte, in denen das von EU-Geldern des Innovations-Programms "Horizon  2020" unterstützte Projekt durchgeführt werden sollte. In Athen, Liverpool, Lissabon, Bologna und Skopje beispielsweise stieß ROCK teils aus datenschutzrechtlichen, teils aus finanziellen Gründen auf Ablehnung. Kaklauskas hofft, dass sich das ändern wird. Denn aus seiner Sicht wäre es interessant, die Resultate der verschiedenen Länder und Städte zu vergleichen.

Vilnius will das Projekt fortführen

In Litauen wird das Projekt von der Regierung und der Stadtverwaltung unterstützt. Mehr noch. In der litauischen Hauptstadt soll ROCK auch Daten sammeln, wenn das EU-Projekt ausgelaufen sein wird. Die Uni arbeitet Hand in Hand mit der Stadt und hat die Geräte an Orten platziert, die sich die Stadtverwaltung gewünscht hat. Denn die Verantwortlichen dort haben längst erkannt, dass die Resultate bessere Ergebnisse liefern als Umfragen und so wertvoll auch für die Stadtplanung sein können. Im nächsten Schritt will die Stadtverwaltung die gemessene Stimmung visualisieren. Belie bte Straßen und Plätze sollen dann je nach vorherrschender Laune der Passanten in verschiedenen Farben leuchten.

Gerät am Domplatz.
Gewöhnungssache: Kaum jemand registriert die "Spionage-Kameras" an den Ampeln. Bildrechte: Vytenė Stašaitytė

Über dieses Thema berichtete MDR AKTUELL auch im TV: 16.03.2018 | 17:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 03. Januar 2019, 15:55 Uhr