Litauen Vor russischem Manöver wird auch Humor zu Dynamit

In jüngster Zeit vergeht selten ein Tag, an dem in den litauischen Medien nicht über das bevorstehende russische Großmanöver "Sapad 2017" berichtet wird. Auch die Stimmung in den sozialen Netzwerken ist aufgeheizt – Witze über die übertriebene Angst kommen derzeit gar nicht gut an. Was ist da los?

von Vytenė Stašaitytė

Vom 14. bis 20. September führt Russland gemeinsam mit Belarus Militärübungen an der Grenze zu den baltischen Staaten durch. Russischen Angaben zufolge sollen 12.700 Soldaten am Manöver unter dem Titel "Westen" teilnehmen.

Damit muss die russische Regierung keine internationale Beobachtung zulassen, wie sie die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) für Militärübungen ab 13.000 Teilnehmer vorschreibt. Deutschlands Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen erwartet jedoch eine Teilnehmerzahl von mehr als 100.000 Soldaten, wie sie am 7. September auf einem Treffen der EU-Verteidigungsminister in Tallinn in Estland sagte.

Suwalki-Lücke als Einfallstor?

Seit Monaten reden Staatschefs und Kriegsexperten in Europa von der Gefahr, dass Moskaus Truppen über Belarus die EU-Grenze nach Litauen überschreiten könnten. Je näher das Manöver rückt, desto öfter wird analysiert, wie gut die NATO vorbereitet ist, die sogenannte Suwalki-Lücke – den ca. 100 km schmalen Landkorridor zwischen Polen und Litauen – zu verteidigen, damit das Baltikum nicht nochmal vom Rest Europas abgegrenzt wird. Zur Ostsee hin wird die Suwalki-Lücke von der russischen Enklave Kaliningrad begrenzt – auf der anderen Seite liegt Belarus, auch bekannt als Weißrussland.

Karte Suwalki-Lücke
Die Suwalki-Lücke gilt als Achillesferse des Baltikums Bildrechte: curious/MDR.DE

Für Satire-Lied als Feinde beschimpft

Das Manöver und eine Bedrohung durch Russland sind in Litauen ernste Themen. Die Stimmung ist angespannt, Humor wird nicht geduldet. Das haben zwei bekannte litauische Sänger hautnah zu spüren bekommen. Stanislavas Stavickis Stano und Deivydas Zvonkus veröffentlichten Ende August auf ihrem Youtube-Kanal das Lied "Russen greifen wieder an". Darin spotten sie, dass in Litauen alles Mögliche mit der Gefahr aus Russland verbunden wird. Obwohl sie das Video mit Bildern betrunkener russischer Soldaten und anderer Trunkenbolde gestalteten, mussten sie heftige Kritik einstecken.  

Der Kommunikationsexperte Arijus Katauskas empfahl den beiden Satire-Sängern auf Facebook, als Duett unter dem Namen "Nützliche Idioten" durch Georgien und die Ukraine zu touren. Wenn man schon kein Gehirn habe, müsse man wenigstens harte Eier haben, schimpft Katauskas weiter. Daher würden diese Spaßvögelchen lieber hier in Litauen spotten, vor "Sapad 2017".

Sänger warnen vor Hysterie

Stano und Zvonkus verteidigten sich, dass sie die Probleme mit Russland ernst nähmen, aber ein überspitztes Schüren von Angst auch Spott verdiene:

Wir lachen nicht über die Gefahr durch Russland, denn sie ist real und verständlich. Aber wir verspotten die unter Politikern, öffentlichen Personen und Medien grassierende Angewohnheit, für alles mögliche Pech den historischen Feind verantwortlich zu machen.

Stanislavas Stavickis Stano und Deivydas Zvonkus auf ihrem Youtube-Kanal
Die beiden litauischen Sänger und Satiriker Deivydas Zvonkus (l.) und Stanislavas Stavickis Stano (r.).
Deivydas Zvonkus (l.) und Stanislavas Stavickis Stano (r.) Bildrechte: Stanislavas Stavickis Facebook

Weiter schreiben sie: "Unsere Position Russland gegenüber ist eindeutig: Das ist ein uns feindlich gesinntes Land. Aber wenn man so viel darüber schreit, stumpft die Aufmerksamkeit dem echten Problem gegenüber ab. Unsere Parodie verspottet die übertriebene Hysterie in den Medien. Wir werden jetzt verurteilt, weil wir nicht dem dominierenden Kanon des Patriotismus entsprechen." Die zugespitzte Aufmerksamkeit für ihr Lied werten sie als Beweis, dass sie ein aktuelles Thema angesprochen haben

Es gibt aber auch ein paar Verteidiger, die die Verurteilung in den sozialen Netzwerken für maßlos übertrieben halten. So schreibt der Schriftsteller und Kolumnist Arkadijus Vinokuras auf Facebook: "(…) ich unterstütze ihr Lied, weil ich das Recht auf Ironie und Kritik für beide Seiten unterstütze. Wenn die 'Hurra-Patrioten' Ironie verbieten, ist die Demokratie verloren."

Angst vor dem Krieg wächst

Was sagen die Menschen auf den Straßen zum Thema? Als ich eine Videoumfrage in Vilnius machte, hatte ich Schwierigkeiten wie nie zuvor, Menschen zu finden, die sich zum Manöver und der Gefahr äußern, weil sie von "Sapad 2017" angeblich nichts gehört hatten oder mit ihrer Meinung nicht öffentlich in Erscheinung treten wollten – auch nicht auf einer deutschen Website.

Eine befragte Rentnerin wiederum zeigte sich sehr besorgt: "Ich habe Angst vor einem Krieg. Ich befürchte, dass während der Militärmanöver die Soldaten über die EU-Grenze nach Litauen kommen. Als meine Eltern noch ganz jung waren lebten sie in Tauragė (deutsch: Tauroggen), an der Grenze zum damaligen Deutschland. Und als der Zweite Weltkrieg ausgebrochen war, haben sie als einige der ersten die Grausamkeiten des Krieges hautnah erlebt. Ich wünsche mir, dass unsere Generation und unsere Kinder und Enkel das nie erleben müssen."

Ein Student ist dagegen nicht beunruhigt: "Von den Militärübungen habe ich gehört, aber ich bin absolut entspannt, weil wir Mitglied der NATO sind. Ich sehe keine Gefahr. Es wird bestimmt alles gut werden." Ein älterer Mann sieht das ähnlich: "Wir brauchen nichts zu fürchten. Das ist doch alles ganz normal. Schon über drei Jahre hören wir über die Gefahr des Krieges, als würden uns die Russen ständig angreifen. Das stimmt aber nicht, wir sollten keine Angst haben."

Eine vom lettischen Umfrageinstitut SKDS in Litauen, Lettland und Estland im Juli veröffentlichte Umfrage ergab, dass die Angst vor einem Krieg im Baltikum gestiegen ist, besonders in Litauen. Unsicher fühlen sich deshalb 68 Prozent der Befragten. In Lettland äußerten 62 Prozent diese Ängste, am wenigstens beunruhigt sind die Menschen in Estland mit 45 Prozent.

Litauische Studentin 3 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Fr 08.09.2017 11:00Uhr 03:26 min

https://www.mdr.de/nachrichten/osteuropa/ostblogger/video-136232.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video

(zuerst veröffentlicht am 07.09.2017)

Über dieses Thema berichtete HEUTE IM OSTEN auch bei MDR Aktuell im: TV | 28.07.2017 | 17:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 14. September 2017, 17:04 Uhr

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