Patriarch Irinej I.
Irinej, Patriarch der serbisch-orthodoxen Kirchen mit Sitz in Belgrad Bildrechte: imago/Pixsell

Orthodoxe Kirchen auf dem Westbalkan - zerstritten und gespalten

Das Ökumenische Patriarchat von Konstantinopel hat sich im Oktober unter scharfem Protest des russischen Patriarchen dafür ausgesprochen, die ukrainische orthodoxe Kirche als eigenständig anzuerkennen. Diese Entscheidung hat Öl ins Feuer der zerstrittenen orthodoxen Kirchen auf dem westlichen Balkan gegossen.

von Andrej Ivanji

Patriarch Irinej I.
Irinej, Patriarch der serbisch-orthodoxen Kirchen mit Sitz in Belgrad Bildrechte: imago/Pixsell

Folgt auf die Abspaltung der orthodoxen Kirche der Ukraine auch das offizielle Schisma der serbisch-orthodoxen Kirche? Die Befürchtungen des serbischen Patriarchen Irinej scheinen groß zu sein. Denn unlängst geißelte das kirchliche Oberhaupt in Belgrad die Situation der serbisch-orthodoxen Kirche und der Serben im Nachbarland Montenegro. Bei aller Achtung für Montenegro, das früher ein unabhängiger Staat gewesen sei und dessen Bestehen jeder normale Serbe akzeptiere unterstütze, sei die schlechte Lage der orthodoxen Serben in Montenegro nicht nachvollziehbar.

Irinej verglich die heutige Situation der serbisch-orthodoxen Kirche und der Serben in Montenegro mit den damaligen Zuständen im faschistischen katholischen Kroatien bzw. während der Jahrhunderte dauernden osmanischen Besatzung Serbiens. Im faschistischen Kroatien (1941-1945) waren orthodoxe Serben systematisch hingerichtet und in Konzentrationslager eingesperrt worden. Unter osmanischer Herrschaft war das Pfählen von Christen bei lebendigem Leibe als Todesstrafe üblich. Kein Wunder, dass die Aussage des Patriarchen helle Empörung in Montenegro auslöste.

Zwei Völker, ein Glaube und eine Sprache

Der Frust des serbischen Patriarchen speist sich aus der jüngeren Geschichte. Nach dem Zerfall Jugoslawiens in den 1990er-Jahren spaltete sich auch die serbisch-orthodoxe Kirche mit Sitz in Belgrad, die sich erst 1920 nach dem Ersten Weltkrieg und der Gründung des Königreichs Jugoslawien vereinigt hatte. Die slawisch-orthodoxen jugoslawischen Teilrepubliken Mazedonien und Montenegro gründeten in den 1990ern ihre eigenen, bisher jedoch von niemandem anerkannten orthodoxen Kirchen. Besonders die Loslösung Montenegros aus der serbischen Kirche verstehen viele Serben nicht, denn die Montenegriner sind ihnen das slawisch-orthodoxe Brudervolk mit der gleichen, der serbischen Sprache.

Die sprachliche Gemeinsamkeit besteht bis heute: Nach Angaben der bisher letzten Volkszählung im Jahr 2011 leben in Montenegro 28,73 Prozent Serben. Doch 42,88 Prozent der Bürger Montenegros gaben an, die serbische Sprache zu sprechen und nur 36,97 Prozent die montenegrinische Sprache.

Macht, Eigentum und Einfluss

Nach der Spaltung der Kirche waren die Gläubigen verstört: In welcher orthodoxen Kirche sollten sie nun, um Gottes Willen, beten? Was den Glauben angeht, sollte ihnen das eigentlich egal sein. Denn im Gegensatz zur Spaltung der römisch-katholischen Kirche, die zum Dreißigjährigen Krieg führte, geht es im Streit der orthodoxen Kirchen nicht so sehr um Glaubensfragen,  Liturgie oder den Kanon, sondern viel mehr um Macht, Einfluss, Eigentum und Geld. Die aus serbischer Sicht "schismatische" montenegrinische orthodoxe Kirche beansprucht serbisch-orthodoxe Kirchengüter in Montenegro. Ähnlich ist es in Mazedonien. Profan ausgedrückt: Da geht es um Immobilien und Millionen.

Montenegrinische Kirche wirft serbischer Okkupation vor

In Montenegro gibt es 571 orthodoxe Kirchen und 60 Klöster. Aus Sicht der montenegrinischen orthodoxen Kirche waren die Eigentümer der meisten dieser Kirchengüter "Dörfer, Familien und Stämme", und die Klöster Eigentum des Staates Montenegro. "Seit 1996 hat sich das Patriarchat in Belgrad zwölf Quadratkilometer Kirchenland und die meisten Kirchen und Klöster gesetzwidrig angeeignet", meint deshalb der stellvertretende Ratspräsident der montenegrinischen orthodoxen Kirche, Stevo Vučinić. Nun würden die serbischen Priester auf Kirchengut "touristische Objekte" bauen und kommerziell ausbeuten. Vučinić bezeichnete die serbische orthodoxe Kirche in Montenegro als ein "Okkupationsgeschöpf".

Serbisch-Orthodoxe Auferstehungskathedrale, Podgorica
Die serbisch-orthodoxe Auferstehungskirche in Podgorica, der Hauptstadt von Montenegro Bildrechte: IMAGO/imageBROKER

Aus der Sicht Belgrads sieht das natürlich ganz anders aus. Die verzwickten Eigentumsfragen der beiden orthodoxen Kirchen sollte ein entsprechendes Gesetz in Montenegro lösen. Doch darauf wartet man seit Jahren, für Politiker ist das ein Wespennest, in das sie nicht hineinstechen wollen. Also wurde die sogenannte Venedig-Kommission (Europäische Kommission für Demokratie durch Recht) eingeschaltet.

Moskau vs. Konstantinopel

Angesichts dieses Konflikts gleicht die Entscheidung des ökumenischen Patriarchs von Konstantinopel, die ukrainische Kirche aus dem Moskauer Patriarchat zu entlassen, dem sprichwörtlichen Gießen von Öl ins Feuer. Aus Protest kündigte die russisch-orthodoxe Kirche wenige Tage später die eucharistische Gemeinschaft mit der Kirche von Konstantinopel auf.

Serben und Russen

Im Streit zwischen Moskau und Konstantinopel hielt die serbisch-orthodoxe Kirche sofort zu Mütterchen Russland. In einer Vollversammlung entschieden die serbisch-orthodoxe Bischöfe, den Kiewer Patriarchen Filaret ebenfalls nicht anzuerkennen und die liturgische und kanonische Gemeinschaft mit den Anhängern der ukrainisch-orthodoxen Kirche nicht zu akzeptieren.

Die serbisch-orthodoxe Kirche bedauere, dass Konstantinopel die "Führer von schismatischen Gruppen" rehabilitiert habe, hieß es. Die Kirchenführung in Belgrad schlug außerdem die Einberufung eines übergreifenden orthodoxen Konzils vor, um die Frage der vollständigen Autonomie von orthodoxen Kirchen zu klären.

Belgrad vs. Podgorica und Skopje

Die Haltung der serbisch-orthodoxen Kirche ist nachvollziehbar. In der Entscheidung des Patriarchen von Konstantinopel zur ukrainisch-orthodoxen Kirche wittert die Heilige Synode in Belgrad einen Präzedenzfall, der die eigene Kirchenpolitik auf dem Westbalkan durcheinander bringen könnte, denn sie schließt eine Anerkennung der nach Eigenständigkeit strebenden orthodoxen Kirchen in Montenegro und Mazedonien aus.

In diesem Konflikt hält der Patriarch von Moskau und ganz Russland, Kyrill I., zu Belgrad. Die Interessen der russischen-orthodoxen Kirche in der Ukraine und der serbischen auf dem gebeit des ehemaligen Jugoslawien sind ähnlich. Doch nun besteht die Befürchtung in Belgrad, dass der ökumenische Patriarch von Konstantinopel, Bartholomäus I., seine Meinung auch über die bisher von niemandem anerkannten orthodoxen Kirchen in Montenegro und Mazedonien ändern könnte.

Gespannt wartet man außerdem auf die Reaktion der bulgarischen und der griechischen orthodoxen Kirche, die sich bisher nicht geäußert haben, zu wem sie stehen.

Orthodoxe Kirche Die orthodoxe Kirche ist mit rund 350 Millionen Menschen die drittgrößte Gemeinschaft von gläubigen Christen. Die Kirchen trennten sich im Jahr 1054: Im Westen von Europa blieb die römisch-katholische Kirche, die Kirche im Osten von Europa nannte sich die Orthodoxe Kirche. Sie verwendete im Gottesdienst oft Griechisch oder Russisch, später in Bulgarien Bulgarisch, in Serbien Serbisch und im 20. Jahrhundert in den autokephalen (eigenständigen), von niemanden anerkannten, ukrainischen, mazedonischen und montenegrinischen orthodoxen Kirche eben Ukrainisch, Mazedonisch und seit einigen Jahren Montenegrinisch, als Montenegro die eigene Variante von Serbisch als selbstständige Sprache festlegte.

Ökumenischer Patriarch von Konstantinopel Der Ökumenische Patriarch von Konstantinopel (griechisch Οικουμενικός Πατριάρχης Κωνσταντινουπόλεως) hat eine Doppelrolle innerhalb der orthodoxen Kirche: Zum einen ist er das Oberhaupt der orthodoxen Kirche von Konstantinopel, zum anderen steht er den Bischöfen der gesamten orthodoxen Christenheit als "primus inter pares" vor, als "Erster unter Gleichen", wie der Papst in den ersten Jahrhunderten der Kirche.


Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell auch im Radio: 16.10.2018 | 05:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 23. November 2018, 17:16 Uhr

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