Kuss
Zwei Liebende küssen sich auf einer Straße. Bildrechte: Colourbox.de

Studie: So leben Deutsche in Polen

Deutsche Männer heiraten gern polnische Frauen, umgekehrt passiert es selten – so die Ergebnisse einer Studie eines Warschauer Think Tanks, der das Leben der Deutschen in Polen unter die Lupe genommen hat.

von Monika Sieradzka

Kuss
Zwei Liebende küssen sich auf einer Straße. Bildrechte: Colourbox.de

Mathias Ebert war 25, als in Berlin die Mauer fiel. Er holte erst einmal sein Studium nach, das ihm als Sohn eines "Republikflüchtlings" in der DDR von den Behörden verweigert wurde. Im Anschluss ging er nicht wie viele andere Ostdeutsche ins westliche Ausland, sondern nach Polen, um dort zu jobben. Ebert hoffte, dass ihm sein Schulrussisch dabei helfen könnte. Dass ein Deutscher, der Russisch spricht, in Polen nicht gut ankommt, bekam Ebert schnell zu spüren.

"Für uns Ossis war alles, was östlich von uns lag, Osteuropa. Man hatte so gut wie keine Vorstellung von den einzelnen Ländern. Man wusste nicht mal richtig, inwieweit sie sich und ihre Sprachen voneinander unterscheiden", sagt der 53-Jährige, der mit Unterbrechungen mittlerweile 18 Jahre in Polen lebt.

In Polen heiraten

Mathias Ebert
Mathias Ebert lebt seit vielen Jahren in Polen Bildrechte: Privatarchiv

Ebert wohnt rund 40 Kilometer südlich von Warschau, organisiert Lieferungen von polnischen Äpfeln nach Deutschland und spricht fließend Polnisch. Seine Frau ist studierte Germanistin. Die siebenjährige Tochter Maria wächst zuhause zweisprachig auf.

Der Zugewanderte ist einer von rund 1.500 deutschen Männern, die mit einer polnischen Frau verheiratet sind und in Polen leben. Zwar werden jedes Jahr Hunderte von deutsch-polnischen Ehen geschlossen, doch die meisten Paare gehen nach Deutschland.

Sympathie für Polen

Insgesamt wiesen zu Jahresbeginn die polnischen Statistiken fast 24.000 zugezogene Deutsche im Land aus. Agnieszka Lada vom Institut für öffentliche Angelegenheiten (ISP) in Warschau geht von weitaus mehr Deutschen aus, die von den Behörden gar nicht erfasst würden. In ihrer Studie hat Lada das Leben der Einwanderer unter die Lupe genommen.

Sie wollte wissen, aus welchen Gründen Deutsche ins Nachbarland ziehen, inwieweit sie sich in Polen integrieren und welche Herausforderungen vor den deutsch-polnischen Beziehungen stehen. Befragt wurden deutsche Einwanderer, die bereits 2004 - im EU-Beitrittsjahr - nach Polen kamen und Zugezogene von 2015, um die Ansichten besser miteinander vergleichen zu können.

Die Wissenschaftlerin des Think Tanks fand heraus, dass Deutsche in Polen in der Regel sehr positiv über ihre Wahlheimat denken, oft viel positiver als die Polen selbst. In der Bereitschaft zu Überstunden gebe es deutliche Unterschiede. “Wenn es in der Firma wirklich brennt, ist der Pole bereit, die Großmutter für die Kinder zu organisieren und Überstunden zu machen. Der Deutsche würde sagen, dass die Familie wartet und nach Hause gehen”, wird ein deutscher Manager in der Studie zitiert.

Institut für öffentliche Angelegenheiten in Warschau Seit Jahren veröffentlicht das Institut deutsch-polnische Barometer. Migration gehört zu den Schwerpunkten des Think Tanks. Die hier zitierte Studie ist Teil eines breiter angelegten Projektes, das das Leben von Migranten aus verschiedenen Ländern in Polen untersucht. Die Ergebnisse über zugewanderte Deutsche wurden zuerst veröffentlicht.

Chaos und Fatalismus

Liest man die Studie, kommt man zum Schluss, dass Polen offenbar das richtige Land für ordnungsmüde Deutsche ist. So wird ein Befragter mit den Worten zitiert, dass es in Polen keine "Müllnazis" gebe, die kontrollieren würden, ob ein Joghurtbecher auch wirklich im richtigen Müllcontainer lande oder man nicht aus Versehen einen Aludeckel im Kompost entsorgt hat.

Doch gibt es auch andere Blicke auf Polen. So wundert sich Mathias Ebert über den polnischen Fatalismus. “Die Polen neigen dazu, sich immer die schwierigste Variante vorzustellen und zu sagen, dass es vielleicht doch nicht klappen wird”, meint er. Dennoch könnten sie aber bei der Lösungssuche schnell wieder umschalten. Und was das Meckern angeht, da seien die Deutschen nicht zu übertreffen.

Der polnische Sinn für Humor

Übersetzerin Sabine Leitner
Übersetzerin Sabine Leitner Bildrechte: Privatarchiv

Die studierte Slawistin Sabine Leitner schätzt an den Polen hingegen deren Humor. In Nordhessen aufgewachsen, lebt Leitner seit 13 Jahre in Polen und arbeitet in Warschau als Übersetzerin, Lektorin und Sprecherin. “Die Menschen hier haben Sinn für Situationskomik, es entstehen oft lustige Momente. Das macht das Leben leichter. Sie sind weniger verkrampft als meine Landsleute”, sagt sie.

Etwas typisch Polnisches sind für Leitner die traditionellen Sonntagsspaziergänge. "Man sieht viele elegant gekleidete Menschen, manche vielleicht von der Kirche kommend. Sonntag im Park – da sieht man die polnische Seele".

Sorge über deutsch-polnische Beziehungen

Sowohl Sabine Leitner als auch Mathias Ebert sehen die deutsch-polnische Beziehungen immer schwieriger werden. Dazu trage unter anderem die jüngste Diskussion über polnische Reparationsforderungen an Deutschland bei. "Man könne als Deutscher nicht mehr so frei von der Leber weg reden wie früher", sagt Mathias Ebert. Sabine Leitner weiß, dass die Polen eine starke Erinnerungskultur haben, doch sei die eher "defensiv" gewesen, während sie jetzt aggressiver wirke.

Auch Wissenschaftlerin Agnieszka Lada vom Institut für öffentliche Angelegenheiten (ISP) in Warschau weiß durch ihre Befragungen, dass die antideutschen Töne der polnischen Regierung den Zugewanderten zu schaffen machten. Dass es deswegen zu einer deutschen Abwanderungswelle aus Polen kommt, glaubt sie aber nicht.

Über dieses Thema berichtet MDR auch im: Fernsehen | 01.11.2015 | 15:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 24. Oktober 2017, 11:30 Uhr

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