über einer Tafel mit Liste von Speisen hängt ein Schild, dass die Küche geschlossen ist
Im Prager Lieblingscafé unserer Ostbloggerin gibt es nichts mehr aus der Küche Bildrechte: MDR/Sulcova

Tschechien Billigarbeit wird Wahlkampfthema

Die Wirtschaft in Tschechien boomt. Das Land hat mit rund vier Prozent die niedrigste Arbeitslosenquote der EU. Für die Unternehmen wird es immer schwieriger, Arbeitskräfte zu gewinnen. Trotzdem bleiben die Löhne relativ niedrig. Dies könnte nach Einschätzung unserer Ostbloggerin Ostbloggerin Helena Sulcova eines der wichtigsten Themen im beginnenden Wahlkampf werden. Denn die Tschechen schauen schon seit Jahren mit Neid auf die Einkommen ihrer deutschen Nachbarn.

von Helena Sulcova

über einer Tafel mit Liste von Speisen hängt ein Schild, dass die Küche geschlossen ist
Im Prager Lieblingscafé unserer Ostbloggerin gibt es nichts mehr aus der Küche Bildrechte: MDR/Sulcova

Mein Büro in Prag befindet sich nur wenige Gehminuten von der bekannten St.-Nikolaus-Kirche auf der Prager Kleinseite. Es ist eine sehr bekannte touristische Lage: eine Kneipe nach der anderen, Lebensmittelläden, Cafés, böhmischer Glasschmuck. Und fast in jedem Fenster prangt ein Aushang: Wir suchen Kellner! Wir suchen Verkäuferinnen! In meinem Lieblings-Café in der Karmelitská-Straße bekommt neuerdings kein Frühstück mehr, denn die Betreiber konnten keine Arbeitskraft für die Küche finden.

Wenig Arbeitslose und Wirtschaftsboom

Plakat
Auch Amazon sucht Mitarbeiter in Tschechien Bildrechte: MDR/Sulcova

Tschechien ist das Land mit der niedrigsten Arbeitslosigkeit in der Europäischen Union. Große Arbeitgeber wie zum Beispiel Amazon suchen Mitarbeiter inzwischen sogar über eine Werbekampagne. Und die tschechische Wirtschaft boomt weiter. Eine gute Zeit, das Augenmerk auf die Löhne im Land zu richten. Der Chef der tschechischen Gewerkschaften, Josef Středula, weist seit Langem darauf hin, dass die Löhne in Tschechien im Vergleich zum Westen zu niedrig sind. Er fordert ein Ende der Billigarbeit, und die Politik greift das Thema auf.

"Wir erklären der Billigarbeit den Krieg!" Mit diesem Slogan kämpfen zum Beispiel die Sozialdemokraten um Stimmen bei der Wahl zum Abgeordnetenhaus Ende Oktober. Auch die anderen Parteien versprechen den Menschen, dass mehr Geld in der Tasche bleiben soll. Entweder durch Lohnerhöhungen oder sinkende Steuern.

Lehrer, Krankenschwestern und Pfleger sind Billigkräfte

Mann auf Wahlplakat abgebildet
Die Sozialdemokraten machen Wahlkampf mit dem Thema Billigarbeit Bildrechte: MDR/Sulcova

Besonders schlecht bezahlt im Vergleich zu Deutschland sind die Lehrer. In staatlichen Schulen werden sie zwar nach Tarif entlohnt, doch ein durchschnittlicher tschechischer Lehrer verdient umgerechnet monatlich 1.100 Euro brutto - genau so viel beträgt auch der Durchschnittslohn im Land. Noch weniger bekommen die Krankenschwestern, und richtig Grund zum Klagen haben die Pflegekräfte. Oft kommen sie nur auf 700 Euro monatlich. Brutto! Regierungschef Bohuslav Sobotka versprach inzwischen, dass die Lehrer ab 1. November 15 Prozent mehr Geld bekommen und die Löhne für die anderen Staatsbediensteten um zehn Prozent steigen sollen.

Druck auf deutsche Firmen wächst

Eine Welle von Lohnerhöhungen könnte deutsche Firmen, die in Tschechien agieren, unter Druck setzen. Beide Länder pflegen vielfältige wirtschaftliche Beziehungen. So ist Deutschland der größte Export-Partner von Tschechien. Und deutsche Firmen haben in Tschechien Tausende Arbeitsplätze geschaffen. Zu den größten Investoren gehören Volkswagen, E.ON, Siemens, Bosch und RWE.

Deutsche Gewerkschaften sollen helfen

"Die Löhne in der Tschechischen Republik können nicht langfristig hinter den deutschen Löhnen bleiben. In manchen Firmen bekommen die Arbeitnehmer für die gleiche Arbeit in Tschechien bis zu 20 Prozent weniger Geld als der deutsche Mindestlohn," sagte der Gewerkschafter Stredula. Nun hat er einen starken Verbündeten gefunden – den DGB-Vorsitzenden Reiner Hoffmann. Nächste Woche kommt er nach Prag zu einem Treffen der tschechischen Gewerkschaften. Das Anliegen der tschechischen Arbeitnehmervertreter: Die deutschen Gewerkschaften sollen Druck auf die Firmenzentralen in Deutschland machen, die Löhne in Staaten wie Tschechien zu erhöhen.

Arbeitnehmer sitzen am längeren Hebel - vorerst

Aber der Druck kommt auch von den Arbeitnehmern, die immer häufiger nicht bereit sind, für die derzeit üblichen Löhne zu arbeiten, so dass die Firmen ihnen mehr bieten müssen. Zwei Drittel der deutschen Unternehmen in Tschechien haben nach Angaben der Deutsch-Tschechischen Industrie- und Handelskammer ein Problem mit der Suche nach qualifizierten Arbeitern.

Und auch mein Lieblingscafé auf der Prager Kleinseite wird wahrscheinlich bald ein paar Kronen drauf legen müssen, um wieder eine Aushilfe für die Küche zu finden. Eine Entwicklung, die die Arbeitnehmer freuen dürfte - für die Wirtschaft aber mit der Zeit auch gefährlich werden könnte. "Wenn wir zu teuer sind, flüchten die Firmen woanders hin", warnt bereits jetzt der tschechische Ökonom David Marek.

In Tschechien fehlt es an Arbeitskräften

Ob Gastronomie, kleine Einzelhänder oder Handelsriesen wie Amazon, in Tschechien werden händeringend Arbeitskräfte gesucht. Ob der Mangel zu höheren Löhnen führt? Die Politik hat das Thema jedenfalls für sich entdeckt.

Mann auf Wahlplakat abgebildet
"Wir erklären der Billigarbeit den Krieg," verspricht der Außenminister und Spitzenkandidat der tschechischen Sozialdemokraten, Lubomír Zaorálek. Bildrechte: MDR/Sulcova
Mann auf Wahlplakat abgebildet
"Wir erklären der Billigarbeit den Krieg," verspricht der Außenminister und Spitzenkandidat der tschechischen Sozialdemokraten, Lubomír Zaorálek. Bildrechte: MDR/Sulcova
Wahlplakat
Niedrige Steuern und höhere Löhne bietet der Parteivorsitzende und Spitzenkandidat der oppositionellen Bürgerpartei (ODS), Petr Fiala, an. Bildrechte: ODS
Wahlplakat
Auch die oppositionelle Partei TOP 09 hat die Löhne im Wahlprogramm. Ihr Motto: Europäisches Wachstum, europäische Löhne. Bildrechte: TOP09.cz
über einer Tafel mit Liste von Speisen hängt ein Schild, dass die Küche geschlossen ist
Die Küche ist geschlossen! Dieses Café auf der Prager Kleinseite kann seit Wochen keine Arbeitskraft für die Küche finden. Bildrechte: MDR/Sulcova
Stellenanzeige in einem Prager Jazzklub
Auch dieser Jazzclub sucht dringend eine Aushilfe für die Küche. Bildrechte: MDR/Helena Sulcova
Stellenangebot im Schauafenster eines tschechischen Lebensmittelladens
Aktuell gibt es auf dem tschechischen Arbeitsmarkt 180.000 freie Stellen. Dieser Prager Lebensmittelladen sucht Verkäuferinnen und Verkäufer. Bildrechte: MDR/Helena Sulcova
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Große Firmen wie Amazon suchen neue Mitarbeiter über Werbekampagnen.

(Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell auch im TV | 22.07.2017 | 19:30 Uhr.)
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Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell auch im: TV | 22.07.2017 | 19:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 07. September 2017, 08:49 Uhr

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