Tomio Okamura spticht mit Journalisten.
Tschechischer Parlaments-Vize Tomio Okamura. Bildrechte: IMAGO

Tomio Okamura Roma-Genozid relativiert: Tschechiens Parlaments-Vize droht Absetzung

Das tschechische Parlament könnte seinen stellvertretenden Vorsitzenden Tomio Okamura abwählen. Grund dafür sind seine Äußerungen zum Roma-KZ in Lety. Die christdemokratische Fraktion im Parlament sucht nun nach Stimmen, um das Thema auf die Tagesordnung des Abgeordnetenhauses zu setzen. Im Konzentrationslager im südböhmischen Lety kamen 327 Menschen ums Leben.

von Helena Šulcová

Tomio Okamura spticht mit Journalisten.
Tschechischer Parlaments-Vize Tomio Okamura. Bildrechte: IMAGO

Tomio Okamura ist Chef der tschechischen Partei "Freiheit und direkte Demokratie" (SPD) und eine der umstrittensten Figuren der Polit-Szene im Land. Der Tscheche mit japanischen Wurzeln hat seine politische Karriere auf der Kritik am Islam und an den Roma aufgebaut. Immer wieder schafft es der Populist und Parlaments-Vize auf die Titelseiten. Im Zuge der Debatte über das "Holocaust-Gesetz" im Nachbarland Polen hatte er zuletzt das frühere Roma-Konzentrationslager Lety grob verniedlicht. So sagte er in einem Interview mit dem Online-Sender DVTV, dass KZ Lety sei "nicht einmal umzäunt gewesen, die Insassen hätten sich dort frei bewegen" können.

Die grausame Wahrheit sah jedoch anders aus: Das Lager war komplett von Stacheldraht umzäunt. Dort patrouillierten mit Pistolen bewaffnete Wärter der tschechischen Protektoratspolizei. Mehr als 300 Menschen starben im Lager an den Folgen von Unterernährung, körperlicher Schwerstarbeit und Seuchen. Die anderen wurden in NS-Vernichtungslager deportiert und umgebracht.

Noch weiter als Okamura ging sein Parteikollege Miroslav Rozner. Er sprach davon, dass das Lager in Lety ein "nicht existentes Pseudo-Konzentrationslager" war. Der Polizei liegen bereits mehrere Anzeigen gegen Okamura und Rozner vor.

Erinnert die Stimmung an die 1930er-Jahre? 

Die parlamentarische Fraktion der Christdemokraten (KDU-ČSL) sammelt jetzt Stimmen, um Okamura von seinem Posten als stellvertretenden Vorsitzenden des Abgeordnetenhauses abzuwählen. Falls sie genug Stimmen bekommen sollte, könnte das Parlament schon diese Woche über Okamuras Zukunft entscheiden. 

Fraktionschef Jan Bartošek (KDU-ČSL) kritisierte in einem Interview mit dem Portal Lidovky.cz Okamuras "Verachtung gegenüber den Menschen und ihren Familienangehörigen". Er fügte hinzu: "Es ist für mich wichtig, dass der Vertreter einer solchen politischen Meinung, nicht in einer so hohen Position ist". Auch von anderen Fraktionen wurden die Aussagen über das Lety-Lager kritisiert.

Protest gegen Äußerungen von Tomio Okamura.
Aktivisten protestieren gegen Äußerungen von Tomio Okamura. Bildrechte: IMAGO

Dass Okamura allerdings seine Führungsposition im Parlament verliert, ist unwahrscheinlich. Denn er hat seine Aussage bereits in Teilen zurückgenommen. Das reicht zum Beispiel der stärksten Kraft im Abgeordnetenhaus - der ANO-Bewegung - die Initiative zur Abberufung von Okamura nicht zu unterstützen. Bartošek findet es jedoch wichtig, das Thema im Plenum des Parlaments zu besprechen. "Holocaust-Leugnung ist sehr gefährlich, es erinnert in einer gewissen Weise an die 1930er-Jahre. Auch heute fängt man an, Menschen nach ethnischer Herkunft oder Lebensweise zu bewerten. Es ist für die weitere freie und demokratische Entwicklung in der Tschechischen Republik wichtig, diese Stimmungen von vornherein zu stoppen", so der Christdemokrat Bartošek. 

Historiker: Das Lager war die Vorbereitung auf die "endgültige Lösung der Zigeunerfrage" 

In dem unter deutscher Verantwortung eingerichteten Konzentrationslager Lety waren insgesamt 1308 Roma inhaftiert, darunter auch Frauen und Kinder. Die Internierung der Roma diente zur Vorbereitung auf die "endgültige Lösung der Zigeunerfrage" durch die Nazis, so der Historiker Roman Slačka gegenüber der Internetseite Romea.cz. Die Gefangenen in Lety wurden oft geschlagen und misshandelt. 327 Menschen kamen im Lager ums Leben, über 500 wurden nach Auschwitz verschleppt. 

Endlich eine Gedenkstätte in Lety? 

Seit den 1970er-Jahren stand am Ort des ehemaligen Roma-Lagers eine Schweinefarm, erst voriges Jahr hat die Regierung nach jahrelangen Verhandlungen die Farm aufgekauft. Sie wird jetzt abgerissen. Nun soll hier endlich eine würdige Gedenkstätte entstehen. Um den Ort kümmert sich seit Januar diesen Jahres das Museum für Roma-Kultur in Brünn. Die Direktorin des Museums Jana Horvátová sagte, dass das Museum nicht selber entscheiden wolle, wie die Gedenkstätte aussehen solle. Vielmehr sei sie an den Meinungen von "Überlebenden, Experten und der Öffentlichkeit interessiert", so Horvátová. Über die Gestaltung der Gedenkstätte soll Anfang März in einer Gesprächsrunde in Prag diskutiert werden.

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL auch im: TV | 16.12.2017 | 19:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 26. Februar 2018, 14:59 Uhr

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