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Tschechiens Präsident kritisiert Medien: "Öffentlich-rechtliches Fernsehen bietet einen Dreck an!"

Das öffentlich-rechtliche Fernsehen in Tschechien erlebt schwere Zeiten. Der Sender Česka Televize ist wiederholt vom Präsidenten Miloš Zeman kritisiert worden - zum Teil in wenig salonfähigen Worten. In dieser Atmosphäre wird eine parlamentarische Kommission den Jahresbericht des Fernsehens diskutieren. Tausende Menschen sind auf die Straße gegangen um das Fernsehen vor politischen Angriffen zu verteidigen.

von Helena Šulcová

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Begonnen hat alles mit einer kleinen Fehde zwischen zwei TV-Sendern. Jaromír Soukup, der Direktor und Eigentümer des Privatfernsehens Barrandov TV, wurde vom öffentlich-rechtlichen Fernsehen wegen seiner Nähe zum Staatspräsidenten Zeman kritisiert – und ging zum Gegenangriff über. In seiner Sendung übte er in den letzten Wochen wiederholt harsche Kritik an den Finanzen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens Česka Televize.

Jaromír Soukup
Jaromír Soukup vom privaten Sender Barrandov TV ätzt gegen das öffentlich-rechtliche Fernsehen ČT. Bildrechte: TV Barrandov (Screenshot)

Publikumswirksam verstreute er im TV-Studio Geldscheine im Wert von mehreren Millionen Kronen. "Es gibt so viel Ungerechtigkeit im Sender Česka Televize, dass man eine Serie darüber drehen könnte," sagte er zu den Zuschauern. "Der Sender gibt mehr aus, als er einnimmt. Wenn das jemand von Ihnen tun würde, würde bei Ihnen der Gerichtsvollzieher klopfen." Česka Televize will sich diese Kritik nicht gefallen lassen und bereitet rechtliche Schritte vor.

Präsident als Medienexperte

Der Medienunternehmer Soukup hat aber einen starken Verbündeten an seiner Seite: den tschechischen Präsidenten Miloš Zeman. Jeden Donnerstag tritt Zeman in der Prime-Time um 20 Uhr in Barrandov TV auf. Die Sendung "Die Woche mit dem Präsidenten" wird – wenig überraschend – von Soukup moderiert. Die beiden Herren geben sich bei verschiedenen Themen sehr harmonisch – in letzter Zeit auch oft bei der Kritik des öffentlich-rechtlichen Fernsehens.

Der Medienunternehmer und Moderator Soukup kritisiert dabei die Wirtschaftslage, der Präsident die Inhalte. So sagte der tschechische Präsident auch wörtlich in der Sendung:

Für 135 Kronen (5,40 Euro – Anm. der Red.) monatlich bietet das Fernsehen einen Dreck an. Gott sei Dank, dass ich umschalten kann, aber die anderen Sender wollen von mir keine Gebühren.

Miloš Zeman, Tschechischer Staatspräsident

Kritik bei jeder Gelegenheit

Milos Zeman gestikuliert beim TV-Duell mit seinem Konkurrenten Jiri Drahos.
Präsident Miloš Zeman ist ein gern gesehener Gast im tschechischen Privatsender Barrandov TV. Bildrechte: IMAGO

Auch bei der Inauguration seiner zweiten Amtszeit, die vor kurzem auf der Prager Burg stattfand, ging der Präsident in seiner Rede vor hochrangigen Gästen auf das öffentlich-rechtliche Fernsehen ein und kritisierte dessen angebliche Einseitigkeit. Dabei bezog sich Zeman auf eine Studie der Karlsuniversität in Prag, wonach die öffentlich-rechtlichen Medien die kleine Oppositionspartei TOP 09 in ihren Sendungen bevorzugen würden. TOP 09 besitzt nur sechs von den 200 Sitzen im tschechischen Abgeordnetenhaus.

Bekannt ist diese Partei für scharfe Kritik an Präsident Zeman und Regierungschef Babiš. Der Uni-Studie zufolge dominiert diese Partei in den Sendungen der öffentlich-rechtlichen Medien, was die Forscher unter anderem den persönlichen Vorlieben mancher Reporter zuschreiben. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen hat die Studie jedoch als irrelevant bezeichnet.

Demonstration am Wenzelsplatz 

Die öffentlich-rechtlichen Medien in Tschechien werden vom Radio- bzw. Fernseh-Rat kontrolliert. Der Jahresbericht der beiden Institutionen muss vom Parlament genehmigt werden. Nach der harschen Kritik des Präsidenten versammelten sich vergangene Woche 4.000 Menschen auf dem Prager Wenzelsplatz, um den Sender Česka Televize in Schutz zu nehmen. Die Veranstalter der Demo sagten:

Es scheint, dass der Präsident und seine Verbündeten bestimmen wollen, was Wahrheit und was Lüge ist, und kritische Stimmen nicht akzeptieren.

Auch Studenten und Schüler gingen auf die Straße 

Diesem Protest haben sich später auch Schüler und Studenten von mehr als 300 Schulen, Gymnasien und Universitäten im ganzen Land angeschlossen. Ein einstündiger Warnstreik fand an verschiedenen Orten statt, u.a. auch in dem symbolträchtigen Prager Stadtteil Albertov, wo sich Studenten zu Beginn der Samtenen Revolution in November 1989 versammelten.

Demonstration
Botschaft an den Tschechischen Präsidenten: "Wir geben Zeman unser Fernsehen nicht" Bildrechte: IMAGO

Wie geht es weiter?

In diesen Tagen beginnt das Parlament, die Jahresberichte des öffentlich-rechtlichen Fernsehens zu diskutieren. Wenn die Abgeordneten sie nicht genehmigen, könnte es zum Austausch des Fernsehrates und zur Abberufung des Intendanten kommen. Dies fordert Präsident Zeman - was er auch in seiner Sendung im privaten Barrandov TV verkündete. Der Frühling in Prag kann für das öffentlich-rechtliche Fernsehen noch sehr heiß werden.

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL auch im: TV | 02.03.2018 | 17:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 23. März 2018, 19:45 Uhr

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