Blaues Schild des Prager Hauptbahnhofs bei Nacht.
Nach Prag geht es auch für deutschen Rentner und Studenten künftig wesentlich preiswerter. Auch für sie gelten ab 1. September die neuen 75 Prozent-Rabatte. Bildrechte: dpa

Tschechien: Bahnfahren für Alte und Junge fast kostenlos

Seit 1. September können Rentner, Studenten und Kinder in Tschechien extrem preiswert mit Zügen und Bussen fahren. 75 Prozent Rabatt erhalten sie. Kritiker vermuten dahinter Wahlkampfgeschenke der Regierung.

Blaues Schild des Prager Hauptbahnhofs bei Nacht.
Nach Prag geht es auch für deutschen Rentner und Studenten künftig wesentlich preiswerter. Auch für sie gelten ab 1. September die neuen 75 Prozent-Rabatte. Bildrechte: dpa

Sind Sie über 65 und wollen Sie durch Tschechien reisen? Oder sind Sie ein Student unter 26 Jahren und wollen Sie das Nachbarland mit dem Zug oder Bus entdecken? Seit 1. September können Sie das richtig preiswert machen. Denn da trat für diese Altersgruppen ein neuer 75-Prozent-Rabatt in Kraft. Der gilt auch für ausländische Besucher des Landes.

Von Prag nach Aussig für 1,50 Euro

Kräftige Rabatte gibt es im tschechischen Fernverkehr schon lange. Kinder zwischen sechs und 15 Jahren zahlen schon vorher die Hälfte des Preises, Studenten bis 26 Jahren erhielten bislang 25 Prozent Ermäßigung. Die Rentner hatten jedoch bislang keinerlei Rabatt, es sei denn, sie besaßen eine Bahnkarte. Seit September gilt für alle automatisch ein Nachlass von 75 Prozent.

Fährt man zum Beispiel mit dem Zug von Prag nach Aussig, bezahlen Renter, Studenten und Kinder gerade einmal 38,75 Kronen, umgerechnet sind das etwa 1,50 Euro. Eine Fahrkarte für die 90 Kilometer lange Strecke Prag - Aussig wird also weniger kosten als die billigste Einzelfahrkarte für den Dresdner Nahverkehr. 

Purer Populismus?

Bis jetzt klingt das Ganze wie eine Verheißung aus dem Wunderland. Doch auch dafür muss jemand die Verkehrsunternehmen bezahlen. Die fehlenden Kosten übernimmt in diesem Fall der Staat. Jährlich sollen die Rabatte ihn circa 5,8 Milliarden Kronen kosten, rund 230 Millionen Euro.

Beschlossen hat die Regelung die Regierung der populistischen ANO-Bewegung. Regierungschef Andrej Babiš sage, er habe das Geld dafür an anderer Stelle eingespart. Doch aus der Opposition hagelt es Kritik. Die tschechische "Piratenpartei" spricht von "populistischen Geschenken", die Christdemokraten sagen, das Geld solle man lieber in die Wissenschaft investieren. 

"Geschenke" kurz vor Kommunalwahlen

Eigentlich sollten die Rabatte bereits ab dem 10. Juni gelten. Der Termin wurde aber offiziell auf Wunsch der Landkreise verschoben. Sie wollten die neuen Preisen erst in ihre eigenen Verkehrssysteme einpflegen. Manche Landkreise, wie zum Beispiel Aussig, wollen auch für den Nahverkehr ähnliche Rabatte einführen und erbaten sich dafür mehr Zeit.

Die Verschiebung auf den 1. September kommt der regierenden ANO-Bewegung durchaus zu Gute. Denn im September beginnt auch die heiße Wahlkampfphase vor den anstehenden Kommunal- und Senatswahlen Anfang Oktober. Dabei könnte die Partei einige wichtige Wahlkreise verlieren, etwa die Hauptstadt Prag. Die Wähler werden sich dann sicherlich noch gut an das Geschenk fünf Wochen zuvor erinnern, könnte man daher meinen.

Inspiration aus der Slowakei

Inspirieren lassen hat sich die tschechische Regierung dazu von der benachbarten Slowakei. Die damalige Regierung in Bratislava hatte schon 2015 beschlossen, dass die Rentner, Studenten und Kinder einen Rabatt bekommen. Dort sind es in der zweiten Klasse sogar 100 Prozent Rabatt.

Über eine Million der fünf Millionen Einwohner des Landes kann seitdem vollkommen kostenlos mit dem Zug fahren, brüstete sich der damalige slowakische Regierungschef Robert Fico. Das Ergebnis waren jedoch heillos überfüllte Züge. Oft mussten die Menschen dann teure 1. Klasse-Tickets kaufen, um überhaupt an ihr Ziel zu kommen.

Probleme schon am zweiten Tag

Die Verkehrsunternehmen in Tschechien wollen daher öffentlich lieber nicht spekulieren, welcher Einfluss der 75-Prozent-Rabatt haben kann. Sie rechnen aber damit, dass das Interesse am Reisen mit dem Zug oder dem Bus steigen wird. "Wir sind darauf vorbereitet", sagte ein Sprecherin der Tschechischen Bahn.

Den ersten Belastungstest musste die Bahn bereits am Sonntag bestehen. Da endeten in Tschechien die Sommerferien. Busse und Züge sind an diesem Tag sowieso schon überfüllt. Wenn dann noch die neuen Rabattnehmer dazukommen, droht der erste Kollaps bereits am zweiten Tag der Neuregelung. Und es könnte nicht der letzte sein.

Über dieses Thema berichtete MDR AKTUELL auch im: Radio | 27.06.2018 | 10:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 03. September 2018, 11:53 Uhr

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