Modeausstellung in Prag von Designern Hana Podolská.
Bildrechte: Helena Šulcová

Tschechien Hut ab! 100 Jahre Tschechoslowakei

Tschechien feiert das 100-jährige Jubiläum der Gründung der Tschechoslowakei. Nach dem Zerfall der Österreich-Ungarischen Monarchie wurde die eigenständige Republik am 28. Oktober 1918 gegründet.

von Helena Šulcová

Modeausstellung in Prag von Designern Hana Podolská.
Bildrechte: Helena Šulcová

Der 28. Oktober 1918 hat für unseren östlichen Nachbarn eine große Bedeutung. An diesem Tag zerfiel für die Tschechen und Slowaken die unbeliebte Österreichisch-Ungarische Doppelmonarchie. "Tschechoslowakisches Volk! Dein uralter Traum ist Wirklichkeit geworden." So begann ein Manifest, das am 28. Oktober 1918 in Prag vorgetragen wurde. Die Republik wurde gegründet.

Helena Sulcova steht am Ufer der Moldau in Prag 1 min
Ostbloggerin Helena Sulcova Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Fr 26.10.2018 13:30Uhr 00:33 min

https://www.mdr.de/nachrichten/osteuropa/ostblogger/video-243558.html

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Reiche Erste Republik?

Die sogenannte Erste Republik (1918-1938) - also die Zeit nach der Österreichisch-Ungarischen Monarchie - gilt bis heute als Lichtpunkt der tschechoslowakischen Geschichte. Das Land gehörte damals zu den reichsten Staaten der Welt. Grund dafür war die Industrie, die in der Zeit der Monarchie vor allem in den böhmischen Ländern aufgebaut wurde.

Nach dem Zerfall der Monarchie verblieben in der Tschechoslowakei nach Einschätzungen rund 70 bis 80 Prozent des gesamten Industriepotentials: von Glasindustrie über die Rüstungsindustrie, Autos, Maschinen oder chemische Industrie an der Grenze zu Sachsen. Die Tschechoslowakische Wirtschaft war stärker als die finnische oder irische.

Im Jahr 1928 näherte sich die Leistung der tschechoslowakischen Wirtschaft sogar Norwegen an. Diese Zahlen gehen aus einer Studie der Universität im niederländischen Groningen hervor, auf die sich die tschechische Tageszeitung "Hospodářské noviny" beruft.

Traumland oder ein Mythos?

Die harten Fakten spiegeln das wirkliche Leben im Land nicht. Auch wenn die Tschechoslowakei ein reicher Staat gewesen sei, gab es damals riesige regionale Unterschiede. Das Leben in der reichen Hauptstadt Prag war anders als in armen und unterentwickelten Gebieten in der Slowakei oder Transkarpatien. Es gab kaum eine Mittelklasse.

Meine 93-jährige Oma (geboren 1925) erinnert sich immer zurück an das "schwere" Leben in der Ersten Republik. Sie lebte in einer 1-Zimmer Wohnung unweit von Brünn und teilte sie mit drei Geschwistern, ihren Eltern und Großeltern: alle in einem Raum. Dies war nichts Außergewöhnliches. Nach statistischen Angaben aus der Ersten Republik, lebten 50 Prozent aller Familien in einem Raum, fast 40 Prozent der Menschen hatten nicht einmal ein eigenes Bett.

Starke Demokratie

Man beschreibt die Erste Republik als Traumland. Der erste Präsident der Tschechoslowakei, Tomáš Garrigue Masaryk, wird bis heute als "Präsident - der Befreier" oder sogar "Väterchen" genannt. Verstärkt wird das sicherlich auch dadurch, dass die Erste Republik zudem sehr demokratisch war. Nach der Ersten Republik gab es den Zweiten Weltkrieg und danach kam die kommunistische Diktatur. Aus dieser Perspektive gesehen, war die Erste Republik wirklich ein Traumland.

Mode der ersten Republik

Was man heute auf jeden Fall bewundern sollte aus der damaligen Zeit, ist die Mode. Die bekannteste Designerin der ersten Republik, Hana Podolská, gilt bis heute als Symbol der Eleganz. Die tschechische "Coco Chanel" beeinflusste mit ihren Kreationen im Palais Lucerna am Wenzelsplatz die Mode der ersten Republik. 

Modeausstellung in Prag von Designern Hana Podolská
Modeausstellung in Prag von Designern Hana Podolská, der tschechischen "Coco Chanel". Bildrechte: Helena Šulcová

Aus Anlass der tschechoslowakischen Staatsgründung vor 100 Jahren wird die Modeschöpferin Hana Podolská im Prager Kunstgewerbe-Museum in diesen Tagen mit einer Ausstellung gewürdigt.

Modeausstellung in Prag von Designern Hana Podolská
Der Hosenanzg für Frauen: Jumpsuit. Bildrechte: Helena Šulcová

Die Ausstellung zeigt, was für die Mode der ersten Republik typisch war. Trendige "Jumpsuits" gab es schon damals. Frauen haben in ihrem Kleiderschrank männliche Accessoires gesammelt, wie Sakkos, Hosen, Hosenröcke. Das war ein erstes Zeichen der Emanzipation, denn ohne Hut und Handschuhe verließen die Frauen ihr Haus damals nie.

Aber die Mode aus der ersten Republik konnte sich nur die wohlhabendere Schicht in Prag und Brünn leisten. Die meisten Frauen hatten nicht das Geld für ein Kleid aus dem Modesalon und haben zu Hause ihre alten Kleider umgenäht.

Wichtigster Feiertag

Obwohl die Tschechoslowakei seit 25 Jahren nicht mehr existiert, ist der 28. Oktober, also der Tag ihrer Gründung, bis heute der wichtigste Staatsfeiertag - aber nur für die Tschechen. Die Slowaken feiern erst zwei Tage später den Tag der "Deklaration des slowakischen Volkes", auch bekannt als "Martiner Deklaration".

Am 30. Oktober 1918 wurde in der slowakischen Stadt St. Martin in der Turz die "Deklaration" zum Beitritt der Slowakei in den gemeinsamen Staat mit den Tschechen unterzeichnet. Zugleich unterstreicht dieser Tag die eigenständige slowakische Identiät, die dem zweiten Landesteil der Tschechoslowakei bis heute besonders wichtig ist.

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Über dieses Thema berichtete MDR AKTUELL auch im TV: MDR | 26.10.2018 | 17:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 26. Oktober 2018, 16:51 Uhr