Jahrestag "Samtene Revolution" Proteste damals, Proteste heute – Wende-Erinnerungen werden in Tschechien brandaktuell

Tschechien erinnert sich an das 29. Jubiläum der Samtenen Revolution. Am 17. November 1989 wurde auf der Nationalstraße in Prag mit polizeilichen Übergriffen auf friedlich demonstrierende Studenten das Ende des kommunistischen Regimes eingeläutet.

Von Helena Šulcová 

Im November 1989 war ich eine Schülerin der sechsten Klasse einer Grundschule in mährischen Prostějov (Deutsch: Proßnitz).  Am 17. November wusste man in meiner Stadt nur sehr wenig über das Geschehen in Prag.

Das Staatsfernsehen der kommunistischen Tschechoslowakei hat zwar über eine Demonstration in Prag berichtet, wie brutal aber die Polizei zu den Demonstranten war, erfuhr man an dem Tag nur vom Radio Freies Europa, das aus München sendete. Erst in den folgenden Tagen wurden Videoaufnahmen von der Prager Demonstration gezeigt, in Prostějov zum Beispiel hinter Schaufenstern verschiedener Geschäfte im Stadtzentrum. Ich weiß es aus Erzählungen meiner Mutter. 

Am 20. November versammelten sich erste Menschen im Stadtzentrum von Prostějov, um die Demonstranten in Prag zu unterstützen. Diese Versammlung wurde noch von StB- (Stasi) Spitzeln dokumentiert. Man wusste an dem Tag noch nicht, ob das kommunistische Regime am Ende ist oder noch nicht. 

Wende in der Schule 

Einige Wochen später haben wir auch in der Schule geradezu etwas Revolutioneres erlebt. Auf einmal brauchten wir unsere Lehrerin nicht mehr als "Genossin Lehrerin" anzusprechen, sondern durften "Frau Lehrerin" sagen. Stark wurde diskutiert, ob man noch Russisch unterrichten soll oder eher ab sofort eine westliche Fremdsprache. Die Russischlehrer haben schnell Deutsch und Englisch nachholen müssen, um es ab dem nächsten Schuljahr anstatt Russisch unterrichten zu können. Die Direktorin der Grundschule musste gehen.

29 Jahre danach 

29 Jahre später lebe ich in Prag - zwei Minuten zu Fuß von der Nationalstraße entfernt, wo sich der brutale Einsatz der kommunistischen Polizei am 17. November abgespielt hat. Traditionell gehe ich abends zur Narodní třída (Nationalstraße), zu der Gedenkstätte, genannt "Hände". Sie erinnert an die Demonstration am 17. November 1989, als die Demonstranten geschrieen haben "Wir haben leere Hände", womit sie sagen wollten , dass sie im Vergleich zur Polizei unbewaffnet sind. Bei der Gedenkstätte werden Kerzen angezündet und Kränze niedergelegt. 

Politische Krise 

Diesmal kann es an dem Ort ziemlich heiß werden. Tschechien steckt seit einer Woche wieder in einer politischen Krise. Grund dafür sind die neue Informationen des TV Senders SEZNAM TV im Fall Storchennest. In der Affäre geht es darum, dass das Firmenimperium Agrofert, dass dem Regierungschef Andrej Babiš gehört, knapp zwei Millionen Euro EU-Förderung erschwindelt haben soll. 

Tausende Demonstranten auf dem Wenzelsplatz in Prag fordern den Rücktritt von Ministerpräsident Andrej Babis
Tausende Demonstranten auf dem Wenzelsplatz in Prag fordern den Rücktritt von Ministerpräsident Andrej Babiš Bildrechte: imago/CTK Photo

Es ist nicht ausgeschlossen, dass auch am 17. November demonstriert wird. Babiš's Kritiker wollen ihm den Weg zu der 17. November-Gedenkstätte blockieren. Die Stimmung zu Babiš außerhalb von Prag ist anders. Ich war jetzt drei Tage in Mähren und da sagen die Menschen eher, wer weiß, wie das alles war.

Massive Veränderungen

Tschechien hat sich in den vergangenen 29 Jahren komplett verändert. Die Löhne sind massiv gestiegen. Im Jahr 1990 betrug der Durchschnittslohn im Land 3.200 Kronen, heute kommt man monatlich im Schnitt auf das Zehnfache (32.000 Kronen - umgerechnet 1.300 Euro). Tschechien hat die niedrigste Arbeitslosigkeit in der EU. Der Druck auf weitere Lohnerhöhungen ist massiv. Noch mehr sieht man die Entwicklung in der Hauptstadt. Prag hat sich aus einer grauen Stadt zu einer Weltmetropole westlicher Art entwickelt. Das bedeutet aber auch, dass das Leben in Prag teuer geworden ist. Zum Beispiel die Wohnungspreise sind heutzutage mit denen in Hamburg vergleichbar. 

Misstrauen 

Wenn ich die Stimmung in der Gesellschaft beschreiben sollte, aber nicht nach Sozialerhebungen, sondern nach Gesprächen mit Menschen zum Beispiel in meiner Heimatstadt Prostějov, würde ich das Wort "Misstrauen" benutzen. Misstrauen in die Arbeit der Polizei, der Medien und vor allem der Politik selbst. Was erneut am Fall Babiš deutlich wird. Das ist 29 Jahre nach der Wende kein gutes Zeichen.

Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell auch im TV: MDR | 17.11.2014 | 21:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 16. November 2018, 16:56 Uhr

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