Wolodymyr Wjatrowytsch, Direktor des ukrainischen Instituts für Nationale Erinnerung
Wolodymyr Wjatrowytsch, Direktor des ukrainischen Instituts für Nationale Erinnerung. Bildrechte: IMAGO

Ukraine Streit um 9. Mai: Der Kampf des ukrainischen "Geschichtsministers"

Seit der Maidan-Revolution dient das ukrainische "Institut für Nationale Erinnerung" als eine Art "Geschichtsministerium". Sein Direktor Wolodymyr Wjatrowytsch ist ein umstrittener Historiker. Er will unter anderem den Tag des Sieges abschaffen.

von Denis Trubetskoy

Wolodymyr Wjatrowytsch, Direktor des ukrainischen Instituts für Nationale Erinnerung
Wolodymyr Wjatrowytsch, Direktor des ukrainischen Instituts für Nationale Erinnerung. Bildrechte: IMAGO

Eigentlich könnte sich Wolodymyr Wjatrowytsch, Direktor des ukrainischen Instituts für Nationale Erinnerung, in diesen Tagen zufrieden zurücklehnen. Schließlich hat sein Institut, das in der Ukraine oft als Geschichtsministerium bezeichnet wird, das Mammutprojekt "Dekommunisierung" durchgesetzt und de facto abgeschlossen: Sowjet-Denkmäler und sowjetische Stadt- und Straßennamen wurden aus dem öffentlichen Raum verbannt. Doch gerade der 9. Mai ärgert den Historiker gewaltig, denn in den ehemaligen Sowjetrepubliken wird an diesem Tag der Sieg über Hitler-Deutschland gefeiert.

Der 9. Mai bleibt gesetzlicher Feiertag

Poroshenko bei einer Zeremonie am 9. Mai 2018 in Gedenken an den Sieg über Nazi-Deutschland
Poroshenko bei einer Zeremonie am 9. Mai 2018 in Gedenken an den Sieg über Nazi-Deutschland. Bildrechte: IMAGO

In der Ukraine wird seit kurzem – wie in anderen europäischen Ländern – der 8. Mai als Tag der Erinnerung und Versöhnung begangen. Doch der 9. Mai bleibt gesetzlicher Feiertag. "Der 9. Mai als Tag des Sieges ist ein Teil des aggressiven russischen Imperialismus. Wenn wir die russische Welt für immer verlassen und unsere Unabhängigkeit sichern wollen, dann ist die Streichung dieses Feiertages der nächste logische Schritt", sagt Wjatrowytsch und ergänzt: "Russland nutzt den 9. Mai für seine militärisch-politische Show. Was wir tun müssen, ist stattdessen den 8. Mai wie in der zivilisierten Welt zum Feiertag zu machen, um das ruhige Gedenken an alle Gefallenen zu ermöglichen." Der Vorschlag Wjatrowytschs wird in der Ukraine kontrovers diskutiert – genau wie der Historiker und das von ihm geführte Institut selbst. Es wurde nach der Orangen Revolution 2004 auf Wunsch des damaligen Präsidenten Wiktor Juschtschenko gegründet und nahm seine Arbeit Anfang 2007 auf. Als Beispiel diente der ukrainischen Staatsführung ein ähnliches Institut in Polen, das bereits 1998 gegründet wurde.

Schon die erste große Entscheidung des ukrainischen Instituts sorgte für aufgeregte Diskussionen: Es hat dem ehemaligen Offizier der "Ukrainischen Aufständischen Armee" (UPA), Roman Schuchewytsch, den Status "Held der Ukraine" verliehen. Während des Zweiten Weltkrieges diente Schuchewytsch als Kommandeur der Einheit an der Seite der Wehrmacht im Bataillon "Nachtigall".

Ein Kriegsveteran im ukrainischen Kiew hält Mai-Nelken in der Hand
Ein ukrainischer Kriegsveteran bei Feierlichkeiten 2015 in Kiew. Bildrechte: dpa

Diskussion über Kompetenz von Wjatrowytsch

Nachdem Wiktor Janukowitsch 2010 Juschtschenko als Präsident ablöste, geriet das Institut für Nationale Erinnerung kurzzeitig in Vergessenheit – bis im Winter 2013/2014 die Maidan-Revolution kam. Danach wurde Wolodymyr Wjatrowytsch zum Chef des Instituts. Seitdem sorgte er nahezu ununterbrochen für Schlagzeilen. Viele sprechen dem Historiker Wjatrowytsch seine Kompetenz ab. Sein Spezialgebiet ist die Geschichte der umstrittenen Organisation "Ukrainischer Nationalisten" (OUN) vor und während des Zweiten Weltkrieges. In diesem Zusammenhang wird ihm vorgeworfen, die Verbrechen der OUN zu verharmlosen.  

"Es wird niemals möglich sein, einen offenen und ehrlichen Dialog über die Rolle der OUN und der UPA während des Zweiten Weltkrieges zu führen, solange das Institut für Nationale Erinnerung von Wjatrowytsch angeführt wird", sagte unter anderem Efraim Zuroff, Direktor des Standorts Jerusalem des Simon Wiesenthal Centers. "Wolodymyr Wjatrowytsch ist ein Mann, der antihumanistische und antieuropäische Werte propagiert", meinte Witold Waszczykowski, der zwischen 2015 und 2018 polnischer Außenminister war.

Die polnische Regierung hat unterschiedliche Auffassungen mit der aktuellen Geschichtspolitik Kiews, die in erster Linie vom 40-jährigen Wjatrowytsch diktiert wird - vor allem wegen des Wolhynien-Massakers. Historiker schätzen, dass während des Zweiten Weltkrieges bis zu 100.000 Menschen von ukrainischen Nationalisten ermordet wurden.

Wjatrowytsch weist jede Kritik von sich, denn er weiß um seinen Einfluss. Und so ist es nicht unwahrscheinlich, dass der 9. Mai bald tatsächlich aus dem ukrainischen Feiertagskalender verschwindet.

Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell im TV: 08.05.2017 | 19:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 09. Mai 2018, 17:43 Uhr

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