Eurovision Song Contest in Kiew Ukraine: Party und Trauer gehören zusammen

Trotz aller Probleme ist es Kiew gelungen, einen ordentlichen Eurovision Song Contest hinzulegen. Allerdings gab es auch Schattenseiten. Und ob es die Ukraine wirklich ernst mit Offenheit und Vielfalt meinte, bleibt zu Recht ungewiss.

von Denis Trubetskoy

Obwohl der Krieg im Donbass bereits seit drei Jahren das Leben in der Ukraine prägt, war es trotzdem ein recht surreales Bild. Während am späten Samstagabend 26 Kandidaten aus allen Ecken Europas um den Sieg beim Finale des Eurovision Song Contests in Kiew kämpften, wurde der Alltag im ostukrainischen Awdijiwka durch eine erneute Tragödie erschüttert. Vier Zivilisten starben, als am großen ESC-Abend nach kurzer Stille wieder geschossen wurde. Vermutlich kamen die Angriffe von prorussischen Separatisten. Die kleine Industriestadt wird zwar von der ukrainischen Regierung kontrolliert, befindet sich jedoch nur wenige Kilometer von Donezk entfernt – und liegt damit ziemlich genau an der Frontlinie. Schon im harten Winter mussten die Bewohner von Awdijiwka wochenlang ohne Heizung und Strom ausharren.

Anschlag auf Awdijiwka

War es nun Zufall, dass Awdijiwka ausgerechnet am ESC-Abend beschossen wurde? Eine Antwort darauf wird die vier Zivilisten nicht wieder lebendig machen. Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko, der ursprünglich beim Finale des Song Contests zusammen mit seiner Frau Maryna vorbeischauen wollte, musste schließlich seinen Besuch wegen der zugespitzten Lage in Awdijiwka absagen. Die Show im Internationalen Ausstellungszentrum (IEC) ging trotzdem feierlich über die Bühne. Frieden und Krieg, Fest und Trauer – nirgendwo in Europa liegt das im Moment so nah beieinander wie in der Ukraine.

Krieg und Krise

Nach dem letztjährigen Sieg von Jamala, war es vor allem die Lage in der Ukraine, die schnell jenen Kopfschmerzen bereitete, die sich über den Triumph der Krimtatarin in Stockholm freuten. Wie soll denn bitte ein Land mitten im Krieg ein solches Großereignis wie den ESC ausrichten? Das wirkliche Problem lag jedoch woanders, schließlich ist vom Krieg im Donbass nur ein Teil der Region betroffen – und der große Rest des Landes lebt überwiegend friedlich und ruhig. Die starke Wirtschaftskrise ist allerdings seit 2014 in jeder Ecke der Ukraine zu spüren. Es ist kein Geheimnis, dass die meisten Ukrainer seit dem Beginn der Maidan-Revolution deutlich ärmer sind. Daher ist es keinesfalls überraschend, dass Stimmen laut wurden, die Ukraine solle doch das Austragungsrecht für den ESC 2017 abgeben – es koste ja zu viel Geld und mache generell keinen Sinn.

Der ESC im Zeichen des Zögerns

Geld hat der ESC tatsächlich viel gekostet. Die ungefähren Kosten werden mittlerweile auf rund 30 Millionen Euro eingeschätzt. Viel zu viel für ein Land im Krisenzustand? Das mag sein. Ebenfalls zu kritisieren ist das Zögern, das den ESC auf allen Ebenen prägte. Erst konnte die Ukraine lange nicht den Austragungsort bestimmen, obwohl die Hauptstadt Kiew von Anfang an die offensichtlichste Variante war. Dann war es monatelang unklar, wo genau der Contest stattfinden sollte, bis man sich auf die IEC-Halle am Ufer der Stadt einigte. All das kostete Zeit – und vermutlich auch Geld.

Kiew im ESC-Fieber

Doch trotz aller Probleme und des recht miesen Wetters, lebte Kiew in diesen zwei Wochen förmlich den ESC. So musste man Schlange stehen, um ein Foto vor dem großen Eurovision-Logo auf dem Maidan-Platz im Zentrum der Stadt zu bekommen. Die Fan-Zonen, auch die offizielle in der Kiewer Prachtstraße Chreschtschatyk, waren sogar an regnerischen Abenden ziemlich voll, während der ESC auch in Kneipen und Pubs zum Pflichtprogramm wurde.

Doch es gab auch Schattenseiten: Obwohl das Finale des Song Contests am Samstag offiziell ausverkauft war, blieben die leeren Plätze unter anderem in der Fan-Zone nicht unbemerkt. Überraschend ist das nicht, denn rund 100 Euro für das billigere Ticket sind für den Durchschnitts-Ukrainer richtig viel Geld.

Allerdings haben die ausländischen Touristen die Stimmung in Kiew sichtlich genossen – auch wenn es sicherlich keine 30.000 waren, mit denen die Stadtverwaltung öffentlich rechnete. Letztlich ist es der Ukraine und Kiew doch gelungen, sich beim zweiten Großereignis der letzten Jahre - nach der Fußball-EM 2012 - nach außen hin gut zu präsentieren und Stereotype über die Unsicherheit der ukrainischen Hauptstadt zu widerlegen.

Die Affäre Samoilowa

Julia Samoilowa bei ihrem Konzertauftritt in Sewastopol.
Julia Samoilowa bei ihrem zweiten Konzertauftritt auf der Krim am 9. Mai. Bildrechte: IMAGO

Gäbe es nicht den Fall der Julia Samoilowa: Die russische Kandidatin durfte nicht zum ESC in die Ukraine einreisen, weil sie zuvor auf der von Russland annektierten Krim aufgetreten war. Trotz der russischen Übernahme betrachten die Ukraine und die westliche Staatengemeinschaft die Halbinsel als ukrainisches Territorium. Und nach ukrainischem Recht hätte die Künstlerin eine Sondergenehmigung für ihren Auftritt gebraucht. Den hatte sie nicht und verstieß somit gegen ukrainisches Gesetz. Russland zog schließlich seine Kandidatin vom ESC zurück.

Diese Affäre hat das Image des Gastgeberlandes massiv geschädigt. Jedoch zu Unrecht: Zwar ist das offizielle Kiew nicht unbedingt für strategisch kluge Entscheidungen bekannt – und die Russin doch einreisen zu lassen, wäre eventuell eine solche gewesen. Trotzdem kann man nicht ernsthaft von der Ukraine erwarten, die eigenen Gesetze zu umgehen. Zumal der russische Sender Perwyj Kanal bereits bei der Ernennung Samoilowas sicher wusste, dass ihr Krim-Besuch im Sommer 2015 zum Problem werden könnte.

Vielfalt feiern?

Am Ende des erfolgreich ausgetragenen Song Contests bleibt dennoch ein Fragezeichen – und das hat ausgerechnet mit dem Motto des Wettbewerbs, Celebrate Diversity („Vielfalt feiern“), zu tun. Um die Offenheit der Stadt zu zeigen, bewilligte die Verwaltung die Idee einer Marketingagentur, den Bogen der ukrainisch-russischen Völkerfreundschaft – ein altes Denkmal aus späten Sowjetzeiten – in Regenbogenfarben anzumalen. Rechte Gruppierungen blockierten allerdings die Malerarbeiten, weil sie beim sogenannten „Bogen der Vielfalt“ angebliche LGBT-Propaganda (LGBT: Abkürzung für Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender) entdeckt haben wollten. Doch eine Reaktion der Stadt blieb aus – und so konnte das Projekt nicht zu Ende gebracht werden. Meinte es Kiew also tatsächlich ernst mit Offenheit und Vielfalt? Daran lässt sich nun stark zweifeln.

Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell auch im TV: MDR | 14.05.2017 | 08:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 15. Mai 2017, 14:37 Uhr

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