Spektakuläre Prozesse in der Ukraine Promi-Kinder vor Gericht

Es ist der Raubüberfall des Jahres in der Ukraine, als der 14-jährige Sohn eines Parlamentsabgeordneten Ende November 2017 ein Kiewer Lebensmittelgeschäft ausraubt. Nun steht er vor Gericht – einer von zwei Prozessen, die gerade für Aufsehen sorgen.

von Denis Trubetskoy

Eigentlich gilt der 45-jährige Ihor Popow als ein renommierter Politiker, obwohl er der "Radikalen Partei" des umstrittenen Politikers Oleh Ljaschko angehört. 2014 wurde er als Nummer sechs der Parteiliste in die Werchowna Rada, das ukrainische Parlament, gewählt – und ist seitdem stellvertretender Vorsitzender des Antikorruptionsausschusses. Popow gilt als ein Politiker, der bislang keine Skandale produzierte.

Sohn von Popow überfällt Lebensmittelgeschäft

Dieser Ruf hat seit Ende November 2017 Schaden genommen. Damals nämlich stürmten zwei bewaffnete junge Männer in ein Lebensmittelgeschäft im Kiewer Obolon-Bezirk. Der eine Täter hielt Verkäufer und Ladenbesucher mit seiner Retay-Pistole in Schach, der andere nahm das Geld aus der Kasse – umgerechnet etwa 100 Euro. An der Tür wurden die Täter allerdings von Passanten an der Flucht gehindert. Die herbeigerufene Polizei nahm die beiden fest. Der Überfall hätte wohl keine Schlagzeilen produziert, wäre nicht einer der Täter der Sohn eines Prominenten - der 14-jährige Bohdan Popow, der Sohn des Abgeordneten Ihor Popow.

Hat er weitere Überfälle begangen?

Wie kommt ein 14-Jähriger auf die Idee, einen Lebensmittelladen zu überfallen? Und woher hatte er eigentlich eine Pistole? Fragen, die in dem bereits eröffneten Prozess bislang offen bleiben. Bohdan Popow und sein Mittäter, Wladislaw Tschoban, sollen allerdings in fünf weitere Raubüberfälle verwickelt sein. Offiziell bestätigt sind diese Überfälle nicht, weil der Prozess wegen des Alters des Angeklagten unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfindet. Dass die Informationen stimmen, wird in der Ukraine jedoch nicht angezweifelt.

Der Vater entschuldigt sich

Weil der Raubversuch von Bohdan Popow schnell zum Thema im ukrainischen Internet wurde und das veröffentlichte Video der Überwachungskamera kaum Interpretationsraum ließ, musste sich sein Vater Ihor Popow via Facebook erklären. Der Politiker hat die Schuld seines Sohnes nicht bestritten: "Es ist eine Tragödie für meine Familie. Ich möchte mich bei allen für sein schreckliches Verhalten entschuldigen. Er hat eine ernste Straftat begangen." Sein Sohn habe die "falschen Leute" kennengelernt, der Hintergrund des Raubes sei lediglich "eine Wette" gewesen. "Es ist meine Schuld, dass ich der Erziehung meines Sohnes zu wenig Zeit widmete. Auch dafür möchte ich mich entschuldigen", gab sich Ihor Popow zerknirscht.

Denis Trubetskoy in Kiew 2 min
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Ihor Popow solle zurücktreten

Zunächst verhängte das Gericht einen Hausarrest als vorübergehendes Strafmaß für Bohdan Popow. Der Fall Bohdan Popow löste jedoch eine Debatte aus, die sich um die Frage dreht, ob Ihor Popow noch Abgeordneter des ukrainischen Parlaments bleiben darf. So forderte unter anderem Oleh Ljaschko, Vorsitzender der Radikalen Partei, dessen Rücktritt: "Popow sollte sich nun lieber auf die Erziehung seines Sohnes konzentrieren. Seine Tätigkeit als Parlamentsabgeordneter ist zweitrangig", betont Ljaschko. "Ich erwarte eine Entscheidung von ihm." Dass Rücktrittsforderungen gerade aus der "Radikalen Partei" kommen, in der Popow als einer der kompetentesten Abgeordneten gilt, ist überraschend.

Vergiftete Atmosphäre

Olena Sajzewa wird von ukrainischen Polizisten abgeführt
Die Charkiwer Todesfahrerin Olena Sajzewa wird von ukrainischen Polizisten abgeführt. Bildrechte: Rostislav Kasyanenko/MDR

Allerdings erhielt Popow auch Unterstützung sowohl aus der eigenen Partei als auch von Vertretern anderer Fraktionen. Der Politiker dürfe nicht für die Taten seines Sohnes verantwortlich gemacht werden. Doch der Druck der ukrainischen Gesellschaft ist groß – ähnlich wie in einem anderen Fall, dem der Charkiwer Todesfahrerin Olena Sajzewa, der Adoptivtochter des Großunternehmers Wassyl Sajzew. Die 20-Jährige überfuhr im Oktober 2017 sechs Menschen im Zentrum Charkiws, ihr drohen bis zu zehn Jahre Haft. Ende November meldete die Polizei, dass die Ermittlungen sich auf der Zielgeraden befinden, eine Entscheidung ist also demnächst zu erwarten.

Der Verlauf beider Prozesse wird von den Ukrainern mit Spannung verfolgt. Dass Popow und Sajzewa verurteilt werden, gilt mittlerweile als sicher, denn die Beweise gegen sie sind erdrückend. Dabei geht es nicht allein nur um das Strafmaß. Durch die Wirtschaftskrise in der Ukraine wird die Schere zwischen Arm und Reich immer größer – und es sind Fälle wie die von Bohdan Popow oder Olena Sajzewa, die die Stimmung der Ukrainer gegenüber ihren Entscheidungsträgern und Eliten zusätzlich anheizen.

Über dieses Thema berichtete der MDR im TV auch in "MDR Aktuell" 08.12.2017 | 17.45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 18. Dezember 2017, 16:36 Uhr