Ukraine "Ruhm der Ukraine": Umstrittener Slogan feiert den Nationalstolz und erhitzt die Gemüter

Die ukrainischen Streitkräfte und auch die Polizei sollen eine neue offizielle Grußformel bekommen: "Ruhm der Ukraine, den Helden Ruhm". Das sorgt vor allem beim Nachbarn Russland für Wirbel.

von Denis Trubetskoy

Brüllende Soldaten
In Reih und Glied für Mutter Heimat. Ukrainische Soldaten bei der Parade zum Tag der Unabhängigkeit am 24. August 2018. Bildrechte: IMAGO

Die Rada, das ukrainische Parlament in Kiew, hat ein Gesetz durchgewunken, dass im Land für mehr Nationalstolz sorgen soll. Soldaten und Polizisten sollen sich bei offiziellen Anlässen künftig ein kräftiges "Slawa Ukrajini – Herojam Slawa", zu Deutsch: "Ruhm der Ukraine – den Helden Ruhm" zum Gruße zurufen. Wie das aussehen wird, das konnte man sich bei der Parade zum Unabhängigkeitstag am 24. August in Kiew anschauen: Dort begrüßten sich der ukrainische Verteidigungsminister Stepan Poltorak und die Soldaten gegenseitig mit diesem Gruß.

Schlachtruf der Euromaidan-Revolution

"Ruhm der Ukraine – den Helden Ruhm", das war der Schlachtruf während des so genannten "Euromaidan", der Revolution in der Ukraine 2013/2014. Nun soll er zur offiziellen Grußformel der Streitkräfte und der Polizei werden. Und auch die Trikots der Fußballnationalmannschaft ziert die Losung inzwischen.

Fußballtrikot
"Slawa Ukrajini!" - "Ruhm der Ukraine!" steht in kyrillischer Schreibschrift auf den Trikots der Nationalmannschaft, direkt über den Spielernamen. Bildrechte: IMAGO

"Durch diese Grußformel erhalten wir einen kolossalen Auftrieb, und unsere Feinde scheuen sie wie der Teufel das Weihwasser", sagte der ukrainische Präsident Petro Poroschenko während der Parade zum diesjährigen Unabhängigkeitstag. "Slawa Ukrajini ist im Leben der Ukrainer angekommen und muss nun endlich gesetzlich gefestigt werden." "Diese Worte haben eine sakrale Bedeutung, so müssten sich alle Verteidiger und Unabhängigkeitskämpfer der Ukraine begrüßen", pflichtete Innenminister Wadym Trojam bei. Der war interessanterweise bis 2014 Mitglied der neonazistischen Gruppierung "Patriot Ukrajiny". Und damit öffnet sich die dunkle Vergangenheit der Grußformel.

Dunkle Vergangenheit des Grußes

Denn zwar stammt "Ruhm der Ukraine" schon aus der Zeit des Unabhängigkeitskampfes 1917/18. Besonders assoziiert wird die Formel, besonders in der Variante mit der "Helden"-Antwort, aber mit der "Organisation Ukrainischer Nationalisten", kurz OUN um Stepan Bandera. Bandera und die OUN hatten zwischen den Weltkriegen für eine von Sowjet-Russland unabhängige Ukraine gekämpft – und während des Zweiten Weltkriegs dazu zeitweise auch mit Hitlers Wehrmacht kollaboriert. Vor allem wegen dieser Vorgeschichte kommt aus dem mehrheitlich russisch-sprachigen Osten der Ukraine und aus Russland Kritik am neuen Gesetz. "Der Ursprung des Spruches ist die Kopie einer bekannten nationalsozialistischen Begrüßung, die ich nicht wiederholen will", betonte etwa Maria Sacharowa, die Sprecherin des russischen Außenministeriums.

Nach dem Krieg ist der Spruch zuerst in die Vergessenheit geraten, doch in der Perestrojka Ende der 1980er Jahre wurde er von vor allem von rechtsradikalen Gruppierungen, unter anderem von der umstrittenen "Ukrainischen Nationalen Selbstverteidigung" (UNSO), immer wieder aufgegriffen. Richtig populär wurde "Slawa Ukrajiny" allerdings erst in den Jahren vor dem "Euromaidan" – und während dieser Revolution vom Winter 2013/2014. Die Ursprungsbedeutung ging dabei allerdings unter: Die meisten Ukrainer verbinden die Grußformel heute in der Regel nicht mit der historischen Herkunft. – Das deutsche Außenministerium unter Sigmar Gabriel offenbar auch nicht. Im vergangen Jahr gratulierte das Amt der Ukraine per Twitter mit "Slawa Ukrajini" zum Unabhängigkeitstag.

Ukraine: Städte in blau-gelb

Graffiti
In der Ukraine strotzen die Straßen vor ukrainischen Symbolen – angestoßen von einem neuen Nationalstolz durch die Maidan-Revolution 2013. Bis heute hält der Trend an. Auch wenn die einst frischen Farben wie dieses "Ich liebe die Ukraine" auf einer Brücke langsam verblassen. Bildrechte: Anja Datan-Grajewski
Graffiti
In der Ukraine strotzen die Straßen vor ukrainischen Symbolen – angestoßen von einem neuen Nationalstolz durch die Maidan-Revolution 2013. Bis heute hält der Trend an. Auch wenn die einst frischen Farben wie dieses "Ich liebe die Ukraine" auf einer Brücke langsam verblassen. Bildrechte: Anja Datan-Grajewski
Blaugelbe Flagge in einem Fenster
Die Ukraine existiert als Nationalstaat erst seit dem 20. Jahrhundert. Ihre Flagge mit der blau-gelben Farbkombination gehört aber zu einer der ältesten Europas: Sie ist auf ein Fürstentumwappen (damals Goldener Löwe im blauen Feld) zurückzuführen. Bildrechte: Anja Datan-Grajewski
Gelbe Silhouette eines Kosaken auf blauem Hintergrund auf einer Säule
Dieses Foto entstand in der südukrainischen Industriestadt Saporischschja. Nur ein paar Kilometer außerhalb des Zentrums liegt das Kosaken-Freilichtmuseum auf der Dnepr-Insel "Chortyzja". Ein Schulausflug nach "Chortyzja" gehört zum Pflichtbesuch vieler Schulen. Viele Ukrainer besinnen sich wieder auf die Tradition der Kosaken. Bildrechte: Anja Datan-Grajewski
Serviettenhalter
Selbst Details wie Servietten findet man häufig in den Nationalfarben. Bildrechte: Anja Datan-Grajewski
Zentrum Saporischschja
Der blau-gelbe Nationalstolz ist überall zu entdecken: Ob beim Warten auf den Bus.... Bildrechte: Anja Datan-Grajewski
Menschen und Tauben auf einem Platz
...oder beim Tauben beobachten, hier vor einem Metroeingang im Norden der ukrainischen Hauptstadt Kiew. Bildrechte: Anja Datan-Grajewski
Bahnhof Saporischschja
Blau und Gelb, die Farben der ukrainischen Flagge, im öffentlichen Raum kann man ihnen kaum "entkommen". (Über dieses Thema berichtete der MDR im TV am 24.08.2018, 19.30 Uhr) Bildrechte: Anja Datan-Grajewski
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Alles nur Wahlkampf?

Eine Initiative, "Slawa Ukrajini", "Ruhm der Ukraine" als Grußformel für die Armee durchzusetzen, gab es bereits nach dem Beginn des Krieges in der Ostukraine 2014. Damals wurde jedoch nicht ernsthaft darüber diskutiert. Diesmal ist das anders, und das hat vor allem mit der Wahlkampfstrategie von Petro Poroschenko zu tun.

Mann breitet Arme aus vor Armee
Präsident Petro Poroschenko bei der Unabhängigkeits-Parade am 24. August 2018. Mit Patriotismus will er offenbar Wählerstimmen gewinnen. Bildrechte: IMAGO

Der amtierende Präsident kann nur mäßige Umfragewerte vorweisen und liegt hinter der Favoritin Julia Timoschenko zurück. Mit seinem Wahlslogan "Armee, Sprache, Glauben" versucht er deshalb, die emotional-patriotische Karte auszuspielen – und der Wirbel um "Slawa Ukrajini" gehört offenbar dazu. Ob all das bei den Wahlen helfen wird, ist fraglich. Sie sind erst für den 31. März 2019 angesetzt. Und selbst Teile der traditionell patriotischen Zivilgesellschaft vermuten hinter der Kampagne nicht viel mehr als bloße Wahlkampftaktik.


Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL auch im: TV | 24.08.2018 | 19:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 04. Oktober 2018, 18:51 Uhr

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