Ukrainische Aktivisten halten Plakate, um den ukrainischen Regisseur Oleg Sentsov und andere ukrainische politische Gefangene in Russland vor der Botschaft Russlands in Kiew zu unterstützen.
Ukrainische Aktivisten mit einem Plakat, die den krainischen Regisseur Oleh Senzow im Juni zeigen. Bildrechte: IMAGO

Ukraine | Russland Fall Senzow: Seit zwei Monaten im Hungerstreik

Der in Russland inhaftierte ukrainische Filmemacher Oleh Senzow ist seit über zwei Monaten im Hungerstreik. Er will damit die Freilassung aller politischen Häftlinge aus der Ukraine erreichen. Am heutigen Freitag wird Senzow 42 Jahre, es ist sein fünfter Geburtstag in Haft.

von Denis Trubetskoy

Ukrainische Aktivisten halten Plakate, um den ukrainischen Regisseur Oleg Sentsov und andere ukrainische politische Gefangene in Russland vor der Botschaft Russlands in Kiew zu unterstützen.
Ukrainische Aktivisten mit einem Plakat, die den krainischen Regisseur Oleh Senzow im Juni zeigen. Bildrechte: IMAGO

In Moskau wird am Sonntag das Finale der Fußball-WM zwischen Frankreich und Kroatien ausgetragen, Millionen Zuschauer werden das Spiel am Fernseher verfolgen. Fernab der Weltöffentlichkeit – rund 4.200 Kilometer entfernt von Moskau – wird derweil das Drama des ukrainischen Filmemachers Oleh Senzow weitergehen. Am Freitag wird der ukrainische Regisseur und erbitterte Gegner der Krim-Annexion in der Strafkolonie im nordrussischen Kleinort Labytnangi am Polarkreis 42 Jahre alt. Es ist sein inzwischen fünfter Geburtstag, den er in Gefangenschaft verbringen muss.

Seit 2014 inhaftiert

Ein russisches Gericht hatte im Mai 2014 den prominenten Künstler und Politikaktivisten wegen angeblicher Bildung einer terroristischen Vereinigung und zweier angeblicher Terrorakte zu 20 Jahren Haft verurteilt. Der Prozess sollte zeigen, welche schwerwiegenden Konsequenzen auch eine friedliche Auflehnung gegen die Einverleibung der Krim hat: Senzow hatte auf der Halbinsel, auf der 1976 geboren wurde, Autokorsos organisiert. Seine Verlegung in den Norden Russlands sollte seinen Fall aus den Schlagzeilen bringen.  

Besuch von Cousine

Facebook-Post von Natalja Kaplan
In einem Facebook-Post schreibt Kaplan, Oleh Senzow wünsche sich Aufmerksamkeit auch für die anderen ukrainischen Gefangenen. Bildrechte: //www.facebook.com/skorost.zvuka

Doch am 14. Mai ist Senzow in den Hungerstreik getreten. Wie es ihm gesundheitlich derzeit geht, ist schwer zu sagen. Vor wenigen Tagen durfte ihn seine Cousine Natalja Kaplan treffen. Sie erzählte nach dem Besuch, sie habe Schlimmeres erwartet: "Oleh geht es natürlich nicht gut, er hat in der Zeit rund 15 Kilo verloren. Er sieht leider auch sehr viel älter aus. Oleh kann aber immer noch ohne Probleme gehen und bleibt optimistisch."

Senzow habe ihr bestätigt, er lasse sich per Tropf versorgen: "Sonst wäre er schon längst tot." Foto- und Videoaufnahmen von Senzow durfte sie nicht machen, in der Strafkolonie ist das generell verboten. Beim Besuch habe Oleh ihr gesagt, dass er nicht für sich kämpfe, sondern für anderen in russischen Gefängnissen inhaftierten Ukrainer, sagte Kaplan.

Vier Inhaftierte im Hungerstreik

Rund 70 Ukrainer, deren Fälle als politisch motiviert gelten, sind derzeit in russischen Gefängnissen inhaftiert. Vier von ihnen befinden sich inzwischen im Hungerstreik. Der von der Krim stammende ukrainische Aktivist Wolodymyr Baluch hungert seit mehr als 115 Tagen: Inzwischen soll er sich nur noch mit Wasser versorgen. Baluch wird vorgeworfen, auf der Krim Waffen und Bomben beschafft zu haben. Durch seinen Hungerstreik habe er bereits 30 Kilogramm abgenommen, heißt es Baluchs Familienkreisen.

Der ukrainische Gefangene Olexander Schumkow, dem die Mitgliedschaft, in der in Russland verbotenen Organisation "Rechter Sektor" vorgeworfen wird, hungert seit fast 50 Tagen. Seit knapp 20 Tagen ist auch der krimtatarische Menschenrechtler Emir-Usein Kuku im Hungerstreik. Er war Anfang 2016 festgenommen worden, weil er für die Menschenrechtsorganisation "Crimean Human Rights Contact Group" Menschenrechtsverletzungen dokumentiert hatte, die im Zuge der russischen Besatzung auf der Krim begangen worden waren. Kuku will mit seinem Hungerstreik ausdrücklich die Freilassung vom hungerstreikenden Oleh Senzow bewirken.

Gegenseitige Schuldzuweisungen

Die Verhandlungen zwischen Kiew und Moskau über einen möglichen Gefangenenaustausch verlaufen derzeit schleppend. Zudem beklagen die Menschenrechtsbeauftragten beider Länder, dass sie Probleme hätten, die Häftlinge im jeweiligen anderen Land zu besuchen. "Die russische Seite hält sich nicht an ihre Versprechen", meint die ukrainische Menschenrechtsbeauftragte Ljudmyla Denisowa. Das wiederum behauptet auch ihre russische Amtskollegin Tatjana Moskalkowa von ihr: "Wir befinden uns im regelmäßigen Austausch, dieser ist aber nicht immer konstruktiv.“

Wer auf der Austausch-Liste steht

Die stellvertretende Vorsitzende des ukrainischen Parlaments, Iryna Geraschtschenko, die für die Donbass-Friedensverhandlungen in Minsk mit zuständig ist, gibt Moskau die Schuld an den schleppenden Verhandlungen zum Gefangenenaustausch. "Auf unsere Vorschläge antwortet Moskau mit Schweigen", sagt sie unlängst. Geplant ist, dass beide Länder jeweils 23 Gefangene austauschen. Zuletzt hatte Kiew insgesamt 26 Gefangene angeboten. Der inhaftierte Chef des ukrainischen Büros der staatlichen russischen Nachrichtenagentur RIA Nowosti, Kirill Wyschynskij, steht aber weiterhin nicht auf der Liste. Das könnte den Kreml stören.

Fotoaktion für Senzow

Mit seinem Hungerstreik, der einen Monat vor der Fußball-WM begann, wollte Oleh Senzow die Chancen auf einen Gefangenenaustausch erhöhen. Beides ist vorerst offenbar nur teilweise gelungen. "Wir machen alles, was möglich ist, aber es hängt eben nicht nur von uns ab", klagt die ukrainische Menschenrechtsbeauftragte Ljudmyla Denissowa.

Nach der WM wird es bestimmt nicht leichter. Auch deswegen wollen die Aktivisten am Geburtstag von Oleh Senzow mit einer globalen Aktion an seinen Fall erinnern. Man soll ein Foto mit dem Bild des Regisseurs von einer bekannten Sehenswürdigkeit weltweit in sozialen Netzwerken mit dem Hashtag #SaveOlegSentsov posten.

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL auch im: TV | 13.07.2018 | 17:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 21. August 2018, 17:01 Uhr