Ukraine, 15.04.2019 Wie eine TV-Figur die Präsidentschaftswahl entschied

In seinem Wahlkampf hat der Komiker Wolodymyr Selenskyj gänzlich auf klassische Medienauftritte verzichtet. Stattdessen spielte eine Comedy-Serie eine besondere Rolle. In „Diener des Volkes“ spielt Selenskyj einen einfachen Geschichtslehrer, der über Nacht zum Präsidenten wird und das Land rettet. Eine Strategie, die ihm auch in der Realität zum höchsten Amt verhelfen könnte.

von Denis Trubetskoy

Ein Mann spielt Tischtennis.
Nach seinem Sieg in der ersten Runde der ukrainischen Präsidentschaftswahl stellte sich Wolodymyr Selenskyj nicht den Fragen der Journalisten, sondern spielte mit diesen Tischtennis. Bildrechte: imago images / ZUMA Press

Wassyl Goloborodko ist ein armer Geschichtslehrer, der nach der Trennung von seiner Frau wieder bei seinen Eltern lebt und in einer durchschnittlichen Schule in Kiew unterrichtet. Doch plötzlich ändert sich sein ganzes Leben: Als ein Schüler heimlich Goloborodkos Wutrede über die Politik in der Ukraine filmt und auf YouTube veröffentlicht, wird dieser plötzlich zum Präsidenten gewählt. Der ehrliche Goloborodko ist unerfahren und von den Amtsgeschäften überfordert – und doch durch seinen gnadenlosen Kampf gegen Korruption sympathisch.

Comedy statt Wahlkampf

Der Mann, der Goloborodko in der seit 2015 ausgestrahlten Serie "Diener des Volkes" spielt, heißt Wolodymyr Selenskyj. Am Sonntag gewann er souverän den ersten Wahlgangs bei der echten Präsidentschaftswahl in der Ukraine. Die Kampagne des Schauspielers und Produzenten, der sich als Alternative zum Establishment stilisiert, ist mehr als ungewöhnlich – sie ist beispiellos.

Seine Strategie: landesweite Touren mit seiner Kabarett-Truppe statt Wahlkampfreden vor Anhängern. Bloggen auf YouTube, Instagram und Telegram statt Talkshow-Auftritten. Und schließlich das i-Tüpfelchen: Am Mittwoch und Donnerstag vergangener Woche strahlte der Fernsehsender "1+1" die dritte Staffel der beliebten Serie "Diener des Volkes" aus. "1+1" gehört dem Poroschenko-kritischen Oligarchen Ihor Kolomojskyj und ist die Nummer zwei in der ukrainischen Fernsehlandschaft. Nach Angaben der Produktionsfirma haben 6,3 Millionen Menschen zugeschaut.

"Diener des Volkes": Persiflage und Wahlempfehlung

Die wohl letzte Staffel bestand aus nur drei Folgen. In der ersten kommt ein gewisser Dmytro Surikow an die Macht, der zuvor den Helden Goloborodko durch falsche Anschuldigungen in den Knast bringt. Die Parallelen zwischen Surikow und dem aktuellen Präsidenten Poroschenko sind kaum zu übersehen, auch wenn die Kunstfigur aus der Serie ein Milch- statt eines Schokoladenimperiums führt.

Doch der "Milchmann" Surikow stolpert über verdächtige Kohlegeschäfte und einen Malediven-Urlaub. Im Laufe des "Milchmaidans" wird er durch Schanna Boryssenko abgesetzt, deren Figur an die zweifache Ministerpräsidentin Julia Timoschenko angelehnt ist. Durch ihren Populismus steuert sie das Land in eine Finanzkatastrophe, was schließlich zur Machtübernahme durch die Nationalisten und zum Zerfall die Ukraine führt.

Landesretter und Reagans Synchronstimme

Im großen Serien-Finale tritt Serien-Held Goloborodko wieder auf den Plan: Aus dem Gefängnis entlassen schafft er es innerhalb kürzester Zeit, das Land wieder zu einen und die Auslandsschulden zu begleichen. Ein großes Happy End, im dem der Präsidentschaftskandidat Selenskyj die Hauptrolle inne hat. Mehr unterschwellige Wahlwerbung geht wohl nicht.

Doch Selenskyj hat noch ein Ass im Ärmel. Am Abend vor der Wahl – da herrscht in der Ukraine bereits per Gesetz verordnete Wahlkampfruhe – strahlte der gleiche Sender eine Dokumentation über Ronald Reagan aus, den Schauspieler und 40. Präsidenten der USA. Und wen hört der geneigte Zuschauer als Synchronsprecher von Präsident Reagan zu sich sprechen? Wolodymyr Selenskyj, der einen Tag später die erste Runde der Präsidentschaftswahlen gewann. Nun kommt es zur Stichwahl zwischen dem Träger der TV-Figur und dem amtierenden Präsidenten.

Über dieses Thema berichtete MDR AKTUELL auch im: TV | 31.03.2019 | 19:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 15. April 2019, 18:13 Uhr

Präsentiert von

Zurück zur Startseite