Schreibt die Ukraine bald mit lateinischen Buchstaben?

Der ukrainische Außenminister will das kyrillische durch das lateinische Alphabet ersetzen. Realistisch ist das zwar nicht, sagt aber viel über den aktuellen Zustand des Landes aus - und darüber, wie rasant es sich vom einstigen Brudervolk in Russland entfernt.

von Denis Trubetskoy

Ende März sprach sich Außenminister Pawlo Klimkin in einem Facebook-Post für solch eine Umstellung aus. Die Frage eines polnischen Historikers in einem Gespräch habe ihn auf die Idee gebracht, schrieb Klimkin: "Wir müssen uns zwar jetzt damit beschäftigen, was unser Land vereint und nicht, was uns teilt. Allerdings ist es eine logische Idee, über die wir zumindest diskutieren sollten."

Nationalisten argumentieren mit russischer Unterdrückung

Neu ist diese Idee keinesfalls. Gerade dem radikalen Teil der ukrainischen Nationalisten ist die kyrillische Schrift seit dem Zerfall der Sowjetunion ein Dorn im Auge. Denn bereits im Russischen Reich wurde die ukrainische Sprache zugunsten des Russischen unterdrückt. Während der Sowjetunion war der Umgang Moskaus mit der Nationalsprache der Ukraine zwar lockerer, wirklich gefördert wurde sie dennoch nicht.

Vorbild Kasachstan

Politisch hätte eine Umstellung des Alphabets derzeit zwar keine Mehrheit, trotzdem hat der Post von Klimkin eine ukraineweite Debatte angestoßen, die es auch in anderen postsowjetischen Ländern gibt. So entschied der kasachische Präsident Nursultan Nasarbajew im vergangenen Jahr, dass die kasachische Sprache künftig mit lateinischen statt kyrillischen Buchstaben geschrieben wird. Die Umstellung soll bis 2025 erfolgen.

In der Ukraine wurden bereits damals Forderungen nach ähnlichen Maßnahmen laut. So wurden auf der Webseite des Präsidenten Petro Poroschenko gleich mehrere Petitionen eingereicht, die genau diese Umstellung zum Ziel hatten. Jedoch sind alle Petitionen gescheitert, weil keine die erforderliche Unterstützerzahl von 25.000 erreichte.

Gesellschaftliche Ablehnung alles Russischen wächst

Vor dem Krieg in der Ostukraine und der russischen Annexion der Krim wäre so eine Idee in der Ukraine wohl auch von vielen überzeugten Patrioten als Blödsinn abgestempelt worden. Doch mittlerweile wächst die Zahl derer, die alles Russische aus der Ukraine verbannen wollen. Dazu zählen sie auch die kyrillische Schrift, die sie mit Russland in Verbindung bringen.

"Wir müssen uns möglichst stark von Russland abgrenzen", argumentierte ein Facebook-Nutzer unter dem Post des Außenministers Klimkin. "Das lateinische Alphabet ist zudem deutlich verständlicher für Ausländer, die Umstellung würde die Sprache international attraktiver machen", schrieb ein anderer.

Klopapierrollen mit den Gesichtern von Putin und Trump auf einem Kiewer Markt.
Russland ist in der Ukraine seit dem Beginn des Konflikts im Osten des Landes und der Annexion der Krim zum Feindbild geworden. Das sieht man auch an diesem Souvenirstand in Kiew. Bildrechte: MDR/Alexander Hertel

Kritik selbst von überzeugten Antikommunisten

Die Kritik an solchen Vorschlägen ist jedoch größer und kommt mitunter von unerwarteter Seite, etwa von Wolodymyr Wjatrowytsch. Er leitet das "Institut für Nationale Erinnerung" und wird gerne als"Geschichtsminister" verspottet. Denn Wjatrowytsch hat umstrittene erinnerungspolitische Projekte durchgesetzt, etwa den Abriss kommunistischer Denkmäler und die Umbenennung von Straßen mit kommunistischen Namen.

"Hier sollte man besonders aufpassen", sagt jener Wolodymyr Wjatrowytsch jedoch mit Blick auf die aktuelle Debatte: "Das kyrillische Alphabet ist das grundsätzliche Element unserer tausendjährigen Kultur. Der Verzicht darauf würde uns schwächer machen, er würde unsere Einzigartigkeit zerstören."

Steht Poroschenko hinter der Debatte?

Auch der als besonders patriotisch geltende Vizepremier für Kultur, Wjatscheslaw Kyrylenko, zeigte sich eher kritisch: "Eine Umstellung auf  lateinische Buchstaben macht keinen Sinn", schrieb er auf Twitter. Stattdessen solle man eher "das neue Staatssprachgesetz so schnell wie möglich verabschieden", so Kyrylenko. Dieses geplante Gesetz soll vorschreiben, dass die ukrainische Sprache im gesamten Staatswesen, aber auch im Handel und Dienstleistungssektor als Kommunikationsmittel durchgesetzt wird.

Trotz aller Kritik: Außenminister Klimkin, der die Debatte angestoßen hat, gilt als enger Vertrauter des Präsidenten Petro Poroschenko. Das lässt vermuten, dass Poroschenko über Klimkins Idee zumindest informiert war. Oder sollte Klimkin erst einmal die Stimmungslage testen, ohne dass der Präsident sich sofort dazu äußern muss? Denn: Kommendes Jahr stellt sich Poroschenko zur Wiederwahl. Patriotische Ideen helfen da immer, selbst wenn sie nicht durchsetzbar sind.

Über dieses Thema berichtete MDR AKTUELL auch im: Radio| 17.03.2018 | 09:11 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 11. April 2018, 15:20 Uhr

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