Typisches Politikum Ukraine verbietet Sportlern Starts in Russland

Die Ukraine hat ihren Sportlern verboten, an Wettbewerben in Russland teilzunehmen. Betroffen ist vor allem die ukrainische Biathlon-Nationalmannschaft, die nun das Saisonfinale im russischen Tjumen verpassen wird. Das Ganze ist ein für die Ukraine typischer Konflikt, der ausschließlich mit der großen Politik zu tun hat.

von Denis Trubetskoy

Es ist ein Konflikt, der in der jüngsten Zeit ganz typisch für die Ukraine ist. Und obwohl es grundsätzlich um Sport geht, spielt der eigentliche Sport nur eine Nebenrolle. Vom 22. bis 25. März findet im russischen Tjumen das Finale des Biathlon-Weltcups der laufenden Saison statt. Die Wettkämpfe in Sibirien sind ohnehin umstritten. So wird der Wettbewerb unter anderem von Kanada, Tschechien und den USA boykottiert: Diese drei Nationen begründen das Fernbleiben ihrer Mannschaften damit, dass es für den internationalen Biathlon-Verband IBU unangebracht sei, aufgrund der ernstzunehmenden Vorwürfe rund um das staatlich organisierte Dopingsystem in Russland einen Weltcup in Tjumen auszurichten. Doch die ukrainischen Biathleten wollten eigentlich nach Russland fahren, obwohl Kiew sich spätestens seit der Annexion der Krim im März 2014 im politischen Konflikt mit dem großen Nachbarland befindet.

Boykotts werden mit Reintegrationsgesetz begründet

"Als Sportler haben wir keine Wahl. Wir müssen doch Weltcup-Punkte sammeln!", argumentierte Wolodymyr Brynsak, Präsident des ukrainischen Biathlon-Verbandes. Doch das Sportministerium in Kiew sieht die Angelegenheit anders. Erst meinte der ukrainische Sportminister Ihor Schdanow in einem Interview, aus seiner Perspektive sollten die Biathleten nicht nach Russland fahren, es handele sich jedoch nicht um einen Befehl. Eine Woche vor dem Weltcup-Finale traf das Sportministerium aber eine andere Entscheidung, die seitdem emotional zwischen der ukrainischen Bevölkerung und den Sportfans diskutiert wird.

Ihor Schdanow unterschrieb nämlich ein Dokument, das Mitgliedern ukrainischer Nationalmannschaften - unabhängig von der Sportart - die Teilnahme an Wettbewerben in Russland verbietet. Das Startverbot gilt auch für Wettbewerbe die unter dem Dach eines internationalen Verbandes ausgetragen werden. "Die Politik des russischen Staates, der immer wieder ukrainische Staatsbürger ohne jegliche Grundlage festnimmt, hat uns zum Umdenken gebracht", erklärte der Sportminister. Er bezog sich dabei vor allem auf das vor Kurzem angenommene Reintegrationsgesetz für den umkämpften Donbass in der Ostukraine. In dem Gesetz wird Russland als "Aggressorstaat" bezeichnet: "Dass wir nun dieses Gesetz haben, hat natürlich vieles verändert", so Schdanow weiter.

Es geht nicht um das Doping-Problem

Der Ukraine geht es also anders als zum Beispiel den USA oder Tschechien weniger um Doping, zumal Probleme bei der Dopingbekämpfung in fast allen postsowjetischen Ländern - die Ukraine eingeschlossen - offensichtlich sind. Der Ukraine geht es bei dem Boykott von Wettkämpfen in Russland in erster Linie um die große Politik. Und während der Biathlon-Verband mit enttäuschter Zurückhaltung auf die Entscheidung des Ministeriums reagierte, gibt es in der ukrainischen Sportwelt zuhauf verärgerte Stimmen. Zum Beispiel von den ukrainischen Ringern, die ab Ende April an der EM in Russland teilnehmen sollten. "Irgendwelche Politiker, die niemals im Leben trainiert haben, haben für uns alles entschieden. Darüber kann ich keine guten Worte finden", teilte Verbandspräsident Elbrus Tedejew mit.

Boykott der Fußball-WM erübrigt sich aus sportlichen Gründen

Ein Boykott von Sportveranstaltungen in Russland ist angesichts der bevorstehenden Fußball-WM in Russland nicht zum ersten Mal ein großes Thema in der ukrainischen Öffentlichkeit. Zwar hat die ukrainische Fußball-Nationalmannschaft an der Qualifikation teilgenommen, der Verband ließ allerdings von Anfang an die Teilnahme im Falle einer erfolgreichen Qualifizierung offen. Das Problem erledigte sich letztlich von allein, denn das Team von Andrij Schewtschenko schaffte es nicht in die Hauptrunde.

Visapflicht für Russland findet immer mehr Unterstützung

So ist der Sport einmal mehr nur eine Fassade, hinter der die Beziehungen zwischen der Ukraine und Russland seit 2014 diskutiert werden. Zwar hat es zwischen Kiew und Moskau schon nach dem Zerfall der Sowjetunion ab und zu ordentlich gekracht, allerdings konnten die Bürger der beiden Staaten zu dieser Zeit noch mit einem normalen Pass in das andere Land einreisen. Doch mit dem Beginn des Konflikts wurden in der Ukraine die Befürworter einer Visapflicht für Russland lauter. Dazu gehören unter anderem der Vorsitzende des ukrainischen Parlaments, Andrij Parubij, oder der Sekretär des Sicherheitsrates, Olexander Turtschynow. "Die Einführung der Visapflicht für Russland ist langfristig alternativlos", sagte Letzterer dazu. In den meisten Umfragen liegen die Gegner dieser Visapflicht immer noch vorne sind, allerdings nur noch um ein paar Prozentpunkte. Das zeigt, wie sich die Zeiten verändert haben: Vor 2014 wäre es unvorstellbar gewesen, dass fast die Hälfte des Landes die Einführung einer Visapflicht für Russland befürwortet.

Und die Ukraine dreht an der Schraube. Zum 1. Januar 2018 wurden die Einreisebestimmungen für Russen verschärft, nachdem sie bereits seit dem Frühjahr 2015 nur mit einem Reisepass in die Ukraine einreisen dürfen. Kiew hat ein Kontrollsystem für die Einreise entwickelt, das in der Theorie aus drei Schritten funktionieren soll: elektronische Voranmeldung einen Monat vor der Reise, biometrische Kontrolle an der Grenze sowie Registrierung bei den Behörden vor Ort. Bisher werden allerdings nur biometrische Daten der Russen gesammelt, für die beiden anderen Auflagen fehlen noch die technischen Grundlagen. Moskau hat bisher übrigens nicht mit Gegenmaßnahmen reagiert.

Russophobie in der Ukraine?

"Wir sehen keinen Unterschied zur faktischen Visapflicht. Es ist ein weiterer Akt der Russophobie, mit der man in der Ukraine die beiden Brüdervölker trennen möchte", hieß es aus dem russischen Außenministerium. Russophobie in der Ukraine? Laut der letzten Umfrage des Kiewer Internationalen Instituts für Soziologie vom Februar 2018 betrachten 38 Prozent der Ukrainer Russland negativ oder sehr negativ, 45 Prozent der Befragten haben eine positive oder sehr positive Einstellung. Allerdings existieren auch Umfragen, die das Gegenbild mit ähnlichen Zahlen vorweisen. Klar ist jedoch: Die Zahl der Menschen, die negativ über Russland und die Russen denken, ist seit 2014 stark gestiegen. Und darauf muss offensichtlich sogar die ukrainische Biathlon-Nationalmannschaft, ob sie will oder nicht, Rücksicht nehmen.

Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell auch im: TV | 22.03.2018 | 19:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 23. März 2018, 15:18 Uhr

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