Ukraine Ein Komiker als Präsident? Ein Stimmungsbild aus der zweitgrößten Stadt der Ukraine

Vor der Präsidentenwahl in der Ukraine am 31. März 2019 stehen im ostukrainischen Charkiw zwei Kandidaten im Fokus: der Komiker Wolodymyr Selenskyj und Amtsinhaber Petro Poroschenko. Unser Ostblogger hat sich in Charkiw umgesehen.

von Denis Trubetskoy

Volodymyr Zelensky
Wolodymyr Selenskyj: Wird er der nächste Präsident der Ukraine? Bildrechte: imago/Pacific Press Agency

Kurz vor der Präsidentenwahl ist der Komiker Wolodymyr Selenskyj in Charkiw, mit rund 1,5 Millionen die zweitgrößte Stadt der Ukraine, das große Gesprächsthema. Er ist einer von 39 verbliebenen Anwärtern auf das Präsidentenamt – und derzeitiger Favorit. "Irgendwie hoffe ich, dass dieser Selenskyj gewinnt", sagt ein junger Mann in einer grünen Sportjacke zu seinem Freund. "Natürlich hat er als Komiker keine Erfahrung in der Politik, aber weißt du, er ist irgendwie einer von uns. Er ist ehrlich und hält nichts vom patriotischen Größenwahn." Der Begleiter des jungen Mannes widerspricht: "Ein Komiker, der das Land im Krieg anführt? Das geht nicht!"

Amtsinhaber Poroschenko punktet bei der Wahlwerbung

Das Land während des Krieges zu lenken traut er offenbar eher Amtsinhaber Poroschenko zu. Damit ist er wohl in Charkiw in der Minderheit, denn der 53-Jährige liegt in den aktuellen Umfragen stark hinter Selenskyj zurück. Trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – ist Poroschenko mit seinen Wahlkampagnen in Charkiw ausgesprochen präsent. Überall in der Stadt stehen kleine Zelte, in denen seine Unterstützer für ihn werben. "Für Poroschenko ist Charkiw sicher nicht die stärkste Region, ich bin mir aber sicher, Selenskyj wird hier nicht so gut abschneiden", meint Julia Tarassowa, die zum Team der Gouverneurin Switlytschna von der Präsidentenpartei Block Poroschenka gehört. Sie kenne hier niemanden, der für Selenskyj stimmen würde.

ein Pavilion
Überall in Charkiw präsent: Wahlwerbung für Petro Poroschenko. Bildrechte: Denis Trubetskoy | MDR

Das trifft in Wirklichkeit nur bedingt zu. In einem hellen, aber kleinen Büroraum direkt in der Innenstadt, mit einer von Soldaten aus dem Donbass-Krieg unterschriebenen Ukraine-Fahne, sitzt Pawlo Nowyk. Er arbeitet für die NGO "Charkiwer Antikorruptionszentrum" – und repräsentiert die lokale Zivilgesellschaft, die proukrainisch denkt und sich vor allem mit den fragwürdigen Wirtschaftsdeals der insgesamt beliebten Stadtführung auseinandersetzt. Und obwohl Selenskyj vor allem bei den Protest- und Nichtwählern punktet, findet sogar Nowyk dessen digital ausgerichteten Wahlkampf sympathisch: "Weniger ist manchmal mehr. Selenskyjs Kommunikation über soziale Netzwerke ist hervorragend, auch sein Wahlblog auf YouTube. Auf die Wahlplakate schauen seine Wähler nicht."

Plakate gibt es in Charkiw anders als in Kiew oder Lwiw auch fast gar nicht. Für Nowyk ist das wenig überrschend. "Die Region wird sehr autoritär regiert. Die Gouverneurin und der Bürgermeister arbeiten für Poroschenko, die Konkurrenten kommen nicht durch." Während Nowyk offen lässt, für wen er am 31. März seine Stimme abgibt, bekennt sich der Journalist Serhij Schewtschenko zu Selenskyj. "Für mich ist Selenskyj der Kandidat des russischsprachigen Südostens", erklärt Schewtschenko, der sich als Redakteur der Sportzeitschrift "Futbol" über Charkiw hinaus einen Namen machte. "Meine Stimme geht natürlich an ihn."

ein Mann sitzt an einem Tisch
Journalist Serhij Schewtschenko: "Selenskyj ist für mich der vereinte Kandidat des Südostens, meine Stimme geht natürlich an ihn." Bildrechte: Denis Trubetskoy | MDR

Selenskyj ist in aller Munde

Trotz der spärlichen Wahlwerbung ist Selenskyj in Charkiw in aller Munde. In Restaurants und in Supermärkten, in Cafés und auf den großen Märkten spricht man über ihn. Hier gibt es neben den üblichen Protestwählern zwei laut Umfragen wichtige Wählergruppen für den Komiker: der russischsprachige Südosten an sich und junge Wähler. Denn Charkiw ist mit über 40 Universitäten und Hochschulen auch eine Studentenstadt. Dieses Publikum spricht der 41-Jährige u.a. mit seiner Rolle des ukrainischen Präsidenten in der beliebten Comedy-Serie "Diener des Volkes" an. Sie wird bei 1+1 ausgestrahlt wird, einem Fernsehsender, der dem Oligarchen Ihor Kolomojskyj gehört. Ab dem 27. März, pünktlich vor der Wahl, startet die dritte Staffel der Serie.

Doch längst nicht alle finden Selenskyj gut. "Er ist nur das Gesicht dieses Oligarchen, das ist doch nichts Neues", klagt der 41-jährige Privatunternehmer Roman vor dem großen Markt am Rande der Stadt. Er wisse noch nicht, ob er wählen gehe. Und der junge Kellner Ilja, der in einer schicken Bar am zentralen Freiheitsplatz arbeitet und vor einigen Jahren aus dem umkämpften Bezirk Luhansk geflohen war, bekundet völliges Desinteresse: "Mich interessiert weder die Wahl noch die Person Selenskyjs. Ich will nur so schnell wie möglich aus der Ukraine weg."

Widersprüchliche Gefühle

Gut abschneiden könnte in Charkiw auch der prorussische Kandidat Jurij Bojko. Das ist erstaunlich, wenn man bedenkt, wie belastet das Verhältnis der Menschen hier zu Russland ist. Die Millionenstadt ist nur 26 Kilometer von der russischen Grenze entfernt. Die Sympathien für den großen Nachbarn sind seit der russischen Annexion der Krim und vor allem seit dem Beginn des Donbass-Krieges stark zurückgegangen. Das hat unter anderem damit zu tun, dass auch in Charkiw damals der Versuch unternommen worden war, wie in Donezk und Luhansk, eine eigene Volksrepublik auszurufen. Dass dies nicht gelungen ist, sehen heute sogar die Charkiwer, die die Hauptstadt Kiew sehr kritisch betrachten, als großes Glück an. Denn der Krieg in den Nachbarregionen hat bisher nach UN-Angaben rund 13.000 Menschenleben gekostet. "Selbstverständlich gibt es zwar nach wie vor Menschen, die Charkiw gern in Russland sehen würden", resümiert der Journalist Serhij Schewtschenko, der seit jüngster Kindheit in der Stadt lebt.

ein Mann vor einem Laptop
Pawlo Nowyk vom Charkiwer Antikorruptionszentrum: "Kernes ist eben das Gesicht der Ukraine vor 2014, als die Wirtschaft scheinbar stabil war." Bildrechte: Denis Trubetskoy | MDR

Trotzdem hatten die Charkiwer 2015 den damals russlandfreundlichen Kandidaten Hennadij Kernes zum Bürgermeister ihrer Stadt gewählt - mit fast 66 Prozent der Stimmen. Kernes galt als Verbündeter des einstigen ukrainischen Präsidenten Wiktor Janukowitsch, der in Folge der Maidan-Revolution 2014 nach Russland geflohen war. Und die Charkiwer stehen nach wie vor hinter Kernes, obwohl der inzwischen den in der Stadt eher unbeliebten Amtsinhaber Poroschenko unterstützt. "Kernes steht wie kein anderer für Ukraine vor 2014, als die Wirtschaft scheinbar stabil war", sagt Pawlo Nowyk vom Charkiwer Antikorruptionszentrum. "Sehen Sie, Charkiw ist nach wie vor eine geteilte Stadt", setzt er fort und gießt sich in seinem Büro einen Kaffee ein. "Ein kleinerer Teil der Zivilgesellschaft will Reformen und Fortschritt, die große Mehrheit Stabilität und keine weiteren Erschütterungen." Irgendwie schaffe es Selenskyj aber, die beiden sehr unterschiedlichen Gruppen anzusprechen – und das könne zu seinem größten Erfolgsgeheimnis werden.


Über dieses Thema berichtete MDR AKTUELL auch im TV: 22.02.2019 | 17:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 15. April 2019, 18:14 Uhr

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