Arkady Babchenko
Trauer um den ermordetet geglaubten Journalisten Arkadij Babtschenko Bildrechte: IMAGO

Ukraine Das Land, wo Journalisten wiederauferstehen

Ende Mai galt der russische Exil-Journalist Arkadij Babtschenko als tot, angeblich ermordet. Einen Tag später tauchte er auf einer Pressekonferenz des ukrainischen Geheimdienstes wieder auf. Dieses Ereignis schockierte unseren Ostblogger Denis Trubetskoy, der darauf noch einmal zurückblickt.

von Denis Trubetskoy

Arkady Babchenko
Trauer um den ermordetet geglaubten Journalisten Arkadij Babtschenko Bildrechte: IMAGO

In der Ukraine ist offenbar alles möglich. Es ist ein unglaublich spannendes Land, dessen Entwicklung höchst interessant ist – spannendere Orte gibt es in Europa derzeit womöglich kaum. Vor allem die Entwicklung der Zivilgesellschaft, die einen unerwartet großen Einfluss auf die Politik ausübt, ist nicht zu übersehen. Trotzdem ähnelt manches in der ukrainischen Politik leider einem politischen Drama.

Russische Botschaft in Kiew mit einem Porträtbild des Journalisten Arkadi Babtschenko
Vor der russischen Botschaft in Kiew hingen Ende Mai Porträtbilder des vermeintlich getöteten Journalisten. Bildrechte: IMAGO

Der absolute Höhepunkt wurde dabei im Mai dieses Jahres erreicht. Da hieß es am Abend des 29. Mai offiziell, der russische Exil-Journalist, Kriegsreporter und Putin-Gegner Arkadij Babtschenko sei vor seiner Wohnungstür in Kiew ermordet worden. Kurz danach kursierte ein Foto im Internet, das Babtschenko auf dem Bauch liegend in einer Blutlache zeigte. Später stellte sich heraus, dass das Foto gestellt war und der Journalist darauf in Wirklichkeit in Schweineblut gelegen hatte.

Scheintod und Wiederauferstehung

Vorerst aber glaubte die ganze Welt fast einen Tag lang, Babtschenko sei tot. Auch ich habe mehrere Zeitungsartikel über die angebliche Ermordung geschrieben, die alle schnell aus den Blättern genommen werden mussten, als der 41-Jährige plötzlich am 30. Mai auf einer Pressekonferenz des Inlandsgeheimdienstes SBU auftauchte. Die Art und Weise, wie ich das erfahren habe, war sehr speziell. Ich habe mit der Redakteurin des NDR-Medienmagazins ZAPP den Inhalt eines Interviews über Babtschenkos Ermordung besprochen, als uns die unglaubliche Agenturmeldung erreichte: „Babtschenko lebt!“ Da mussten wir erst einmal durchatmen und den Schock verarbeiten.

Russischer Journalist in der Ukraine Arkadi Babtschenko
Babtschenko (links) - lebendig und unverletzt - auf der Pressekonferenz des Geheimdienstes Ende Mai in Kiew. Bildrechte: IMAGO

Was darauf folgte, waren die verrücktesten Stunden meiner bisherigen Journalistenlaufbahn. Von Kiew aus erklärte ich möglichst kompakt für deutsche Medien Geschehnisse aus der Ukraine. Doch wie soll man etwas erklären, was man selbst nicht versteht?

Inszenierung und Vertuschung

Ukrainischer Unternehmer Boris German, verdächtigt als Auftraggeber für Babtschenko-Mord vor einem Gericht in Kiew
Der Unternehmer Boris German galt umgehend als Tatverdächtiger. Bildrechte: IMAGO

Jetzt, ein halbes Jahr später ist immer noch unklar, wozu der Inlandsgeheimdienst SBU das ganze Theater brauchte. Angeblich sollte Babtschenko tatsächlich getötet werden. Deshalb täuschte der SBU seine Ermordung vor, um damit angeblich an Drahtzieher sowie an eine Liste potentieller Opfer von Auftragsmorden zu gelangen. Am 30. Mai wurde als Hauptverdächtiger der Direktor eines privaten Waffenunternehmens, Boris German, festgenommen - laut SBU hatte er Anschläge auf bekannte Persönlichkeiten geplant. Den eigentlichen Auftraggeber für die Anschlagsserie sah der SBU-Chef Wassyl Hryzak jedoch in den russischen Geheimdiensten. Moskau dementierte die Anschuldigungen aus Kiew umgehend.

Der inszenierte Mord Journalist Babtschenko entschuldigte sich nach der Aktion vor allem bei seiner Frau, die von der Inszenierung nichts gewusst haben soll. Babtschenko lebte zuletzt im Exil in Kiew, weil er sich wegen seiner Kreml-kritischen Berichterstattung in Russland zu unsicher fühlte.

Wer soll der Auftraggeber sein?

Was damals unklar schien, ist es heute nicht einfacher. Nach wie vor gibt es viele Ungereimtheiten: So bestand die angebliche Opferliste erst aus 30, dann plötzlich aus 47 Personen. Zudem gingen der Hauptverdächtige Boris German, als auch die Ermittlungsbehörden davon aus, dass der Auftrag zum Mord an Babtschenko vom Ex-Ukrainer und nun in Moskau lebenden russischen Staatsbürger Wjatscheslaw Piwowarnik stammen musste. Es kam zu einem Deal zwischen dem festgenommenen Tatverdächtigen German und der Staatsanwaltschaft: Er soll viereinhalb Jahre in einer Strafkolonie verbringen.

Alle Fragen bleiben offen

Gerade in einem solch spektakulären Fall, der weltweit für Schlagzeilen sorgte, sollte Transparenz anders funktionieren. Vor allem, weil der SBU versprochen hatte, die Notwendigkeit der Mordinszenierung konkret zu begründen und zu erklären. So bleiben die anfänglichen Fragen wohl für immer ungeklärt. Hätte man Babtschenko nicht einfach in Sicherheit bringen können? War diese Inszenierung wirklich der einzige mögliche Weg? Ich möchte das bezweifeln. Natürlich ist das Leben eines Menschen, wichtiger als die Tatsache, dass ich und andere Journalisten an der Nase herumgeführt wurden. Zweifellos. Dennoch: Muss man wirklich die Glaubwürdigkeit der Ukraine aufs Spiel setzen?

So lange dieses Polittheater in der Ukraine weitergeht, wird zwar mein Leben als Journalist spannend bleiben. Doch eigentlich haben die Ukrainer bessere Politiker verdient – und dieses Gefühl tut einem, der die Geschehnisse aus der Nähe beobachtet, jeden Tag aufs Neue weh.

Über dieses Thema berichtete MDR AKTUELL auch im TV : MDR | 01.06.2018 | 17:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 28. Dezember 2018, 13:30 Uhr

Zurück zur Startseite