Unabhängigkeitstag in der Ukraine: Feier mit Beigeschmack

Die Ukraine feiert heute ihren Unabhängigkeitstag. Früher unbedeutend, wird der 24. August seit einigen Jahren von einer großen Militärparade begleitet. Zum ersten Mal sind nun auch NATO-Soldaten dabei.

von Denis Trubetskoy

Ein gepanzertes Fahrzeug vor ukrainischen Flaggen bei der Unabhängigkeitsparade am 24. August 2014 auf der Kiewer Unabhängigkeitsplatz.
Seit dem Konflikt in der Ostukraine und der russischen Okkupation der Krim hat die Parade massiv an Bedeutung gewonnen. Bildrechte: dpa

Zum 26. Mal jährt sich an diesem Donnerstag die Unabhängigkeit der Ukraine. „Früher bedeutete der 24. August für viele lediglich einen weiteren arbeitsfreien Tag. Die russische Politik machte uns jedoch zu einer politisch vereinten Nation“, twitterte der ukrainische Präsident Petro Poroschenko vor einigen Tagen. Tatsächlich hat sich die Wahrnehmung des Unabhängigkeitstages in den vergangenen Jahren stark verändert.

Während dieser vor 2014 relativ klein und ruhig gefeiert wurde, gehört in den letzten Jahren zum Beispiel eine große Militärparade auf der Kiewer Prachtstraße Chreschtschatyk fest zum Programm. In diesem Jahr werden daran rund 4500 Soldaten teilnehmen. Darunter aktive und ehemalige Soldaten, die im Donbass gekämpft haben. Außerdem werden siebzig Militärfahrzeuge präsentiert, die anschließend in das ostukrainische Kampfgebiet transportiert werden sollen.

Soldaten aus zehn Partnerländern vertreten

Neu ist in diesem Jahr, dass auch NATO-Soldaten an der Parade in der ukrainischen Hauptstadt teilnehmen werden. „Viele unserer Partner wollten den Unabhängigkeitstag zusammen mit uns feiern, deswegen haben wir sie herzlich eingeladen“, sagte der ukrainische Verteidigungsminister Stepan Poltorak. Konkret geht es um Soldaten aus Großbritannien, Estland Kanada, Lettland, Litauen, Polen, Rumänien, den USA, sowie den Nicht-NATO-Staaten Georgien und Moldau.

Insgesamt werden 231 ausländische Soldaten in Kiew vertreten sein. Außerdem werden die Verteidigungsminister der anwesenden Länder, unter anderem auch der US-Verteidigungsminister James Mattis, in die Ukraine fliegen. „Das zeigt, wie groß der internationale Stellenwert unseres Unabhängigkeitstages ist“, betont Poltorak. Im Anschluss an die Parade wird Mattis mit Präsident Poroschenko und seinem Kollegen Poltorak zu Gesprächen zusammen kommen.

Unabhängigkeit als Folge des Augustputsches

Der 24. August bezieht sich auf den Tag im Jahr 1991, als sich kurz nach dem gescheiterten Augustputsch in Moskau das Parlament der Ukrainischen Sowjetrepublik in Kiew versammelte und eine Unabhängigserklärung verabschiedete. „Der Ukraine droht nach dem Staatsstreich in der Sowjetunion eine existenzielle Gefahr, deswegen rufen wir die Unabhängigkeit des Landes auf“, heißt es in dem Dokument.

Am 1. Dezember folgte dann das Unabhängigkeitsreferendum, das laut der Erklärung notwendig war: 90,3 Prozent der Ukrainer stimmten damals für eine Unabhängigkeit von der Sowjetunion. Bereits im Februar 1992 wurde der neu geschaffene Unabhängigkeitstag auf den 24. August gelegt.

Patriotischer Doppelfeiertag in der Kritik

„Das ist heutzutage der wichtigste Feiertag des Landes – und das ist gut so“, meint Präsident Petro Poroschenko. Vor allem für den patriotischen Teil der ukrainischen Gesellschaft hat der Unabhängigkeitstag massiv an Bedeutung gewonnen. Auch der einen Tag vorher stattfindende Tag der Nationalflagge unterstützt dieses Gefühl. Dann kleben viele Menschen die ukrainische Fahne an ihr Auto und tragen für zwei Tage traditionelle Kleidung oder Kleidung in Nationalfarben.

Doch die dazugehörige Militärparade erntet vor dem Hintergrund des andauernden Krieges in der Ostukraine auch große Kritik – auch vonseiten patriotischer Ukrainer und gerade im letzten Jahr, als die unabhängige Ukraine den 25. Jahrestag ihres Bestehens feierte. „Bevor der Krieg im Donbass nicht entschieden ist, gibt es nicht zu feiern“, glaubt der ukrainische Politologe Olexij Tumanow. „Klar hat der Unabhängigkeitstag eine ganz neue patriotische Bedeutung, aber es gibt eben andere Wege, um diesen Tag würdig zu verbringen.“

Die neue Paradetradition steht auch deswegen in der Kritik, weil sie stark an ähnliche Traditionen in Russland erinnert. Dort gehört die jährliche riesige Militärparade in Moskau sowie in anderen Städten zum Tag des Sieges über Nazi-Deutschland am 9. Mai. „Dass Kiew das teilweise eins zu eins übernimmt, sieht angesichts der gesamten Lage komisch aus“, glaubt Tumanow.

Alte Erinnerungen, neue Freunde

Verteidigungsminister Poltorak ist sich aber sicher: „Die Parade hat vor allem für unsere Soldaten, die im Osten kämpfen, eine sehr große Bedeutung.“ Dass in diesem Jahr erstmals Soldaten aus einigen NATO-Staaten dabei sind, sollte laut Poltorak die Moral stärken: „Das ist ein Zeichen, dass die Ukraine nicht allein ist, sondern starke Verbündete hat. Das soll unseren Soldaten psychologisch helfen.“

Das ukrainische Verteidigungsministerium legt zudem großen Wert darauf, dass in diesem Jahr die Armee der Ukrainischen Volksrepublik, des ersten ukrainischen Staates, der zwischen 1917 und 1920 existierte, 100 Jahre alt wird. Die diesem Jubiläum gewidmete Ausstellung ist bereits seit Dienstag auf der Chreschtschatyk-Straße geöffnet. „Das sind die Erinnerungen, die wir nicht verlieren sollten“, sagt Minister Poltorak dazu.

Alte Probleme in umkämpften und besetzten Gebieten

Doch Vergangenheit hin oder her, die Gegenwart sieht für die Ukraine nicht besonders rosig aus. Der Krieg im Donbass dauert an, im Konflikt um die Halbinsel Krim gibt es nach wie vor keine Lösung und die Wirtschaft erholt sich seit dem Beginn der Ukraine-Krise nicht schnell genug. Deswegen werden auf das Assoziierungsabkommen mit der EU, das ab dem 1. September in Kraft tritt, große Hoffnungen gesetzt. Dieses soll die bereits funktionierende Freihandelszone zwischen Brüssel und Kiew festigen.

"Deswegen ist dieses Jahr tatsächlich besonders. Dieses Abkommen wird zur Road Map unserer weiteren Reformen", sagte Präsident Poroschenko auf der Parade und bekräftige erneut, dass das Land mit dem "Russischen Reich gebrochen" habe. Bereits einige Tage zuvor hatte Poroschenko gesagt: „Der Unabhängigkeitstag ist ein großer Tag für unser Land und für alle Ukrainer. Den sollten wir alle genießen“. Ob das auch für die Menschen im von Separatisten besetzten Teil des Donbass oder auf der von Russland kontrollierten Krim gilt, sagte er nicht.

Über dieses Thema berichtete MDR AKTUELL auch im: Radio | 24.08.2017 | 22:07 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 25. August 2017, 11:58 Uhr

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