Ungarn: Nicht nur Obdachlose erfrieren

Auch in Ungarn sind in den vergangenen Tag beim Durchzug von Kältetief "Axel" wieder Menschen erfroren. Nach Angaben der Polizei wurden zwei Menschen Opfer der Kälte. Doch die Hilfsorganisation "Ungarisches Soziales Forum" geht davon aus, dass es 20 Todesopfer waren. Ihren Schätzungen zufolge sind damit in diesem Winter schon mehr als 100 Ungarn erfroren. Und die meisten von ihnen lebten nicht auf der Straße, sondern es waren alte, einsame Menschen, die fürs Heizen nicht mehr bezahlen konnten.

von Piroska Bakos

Baubude Budapest
Auf diesem Grundstück in Budapest wurde am 8. Januar ein Ehepaar erfroren aufgefunden. Bildrechte: Piroska Bakos

Am 8. Januar sind in Budapest auf einem leerstehenden Baugrundstück eine Frau und ein Mann erfroren aufgefunden worden. Das obdachlose Pärchen gilt nach offizieller Lesart als die ersten Kältetoten des neuen Jahres in Ungarn. Am Abend zuvor sollen die beiden noch mit anderen Obdachlosen geredet haben. Die Nacht mit Temperaturen um minus 16 Grad überlebten sie in ihrem Verschlag nicht. Die Kommunalverwaltung erklärte, dass die Behörden von dem Ehepaar nichts gewusst hätten. Dabei ist die Bezirkspolizei in dem Gebiet regelmäßig unterwegs, um auch Obdachlose ausfindig zu machen,

Ungarns Obdachlose zunehmend unsichtbar

Dies sei typisch, so ein freiwilliger Helfer der Hilfsorganisation "Stiftung Heim". Seit 2014 ist es Obdachlosen in Ungarn verboten, auf öffentlichen Plätzen wie Bahnhöfen, Haltestellen und Unterführungen längere Zeit zu verweilen. Seitdem seien viele Menschen aus der Obdachlosenhilfe einfach verschwunden. Dies gelte vor allem für diejenigen, die nicht in den Heimen übernachten wollen, weil sie zum Beispiel befürchten, dort bestohlen zu werden oder weil sie dort nicht rauchen und Alkohol trinken dürfen. Um nicht von der Polizei aufgegriffen zu werden, zögen sich die Obdachlosen in Wälder, unbewohnte Häuser, Nebengebäude und Keller zurück. Wenn sie dort in Not gerieten oder stürben, werde es von keinem bemerkt.

NGO: Bereits mehr als 100 Kältetote in diesem Winter

Darin könnte eine Erklärung für den großen Unterschied in den Angaben der Polizei einerseits und von Hilfsorganisationen andererseits zur Zahl der Kältetoten in Ungarn liegen. Laut Polizeit gab es bisher zwei Todesopfer durch die große Kälte, ein dritter Todesfall werde noch untersucht. Die regierungsunabhängige Organisation "Habitat für Humanity" dagegen schätzt die Zahl der Kältetoten in diesem Winter bereits auf mehr als 100.

Obdachlose in Budapest
Menschen ohne Dach überm Kopf dürfen sich wie hier in der Budapester U-Bahn-Unterführung Kálvin tér eigentlich nicht mehr aufhalten. Die Polizei ist wegen der Eiseskälte derzeit aber toleranter. Bildrechte: MDR/Piroska Bakos

Die Wahrheit liegt wahrscheinlich irgendwo dazwischen. Sicher ist, dass es in Ungarns Obdachlosenheimen rund 11.000 Plätze gibt. Im Land haben aber schätzungsweise 25.000 bis 30.000 Menschen kein Dach überm Kopf. Deshalb baten Hilfsorganisationen die Regierung bereits, bei extremer Kälte öffentliche Räume und Kirchen für diese Menschen zu öffnen. Dies geschah bislang aber nicht. Stattdessen erhielten karitative Einrichtungen und Organisationen zusätzliches Geld, um weitere Liegen aufzustellen, Schlafsäcke zu kaufen oder Übernachtungsmöglichkeiten in Tagesstätten zu schaffen.

Die meisten erfroren in ihren ungeheizten Wohnungen

Doch die hohe Zahl der Kältetoten in Ungarn resultiert auch noch aus einem anderen bestürzenden Umstand. Die Mehrheit der Kältetoten dieses Winters ist nicht unter freiem Himmel oder in Bruchbuden erfroren, sondern im eigenen Zuhause. Besonders gefährdet sind ältere Menschen, die allein leben und kein Geld für Essen und Heizung haben. Nach Angaben von "Habitat for Humanity" hatten in Ungarn im Jahr 2015 etwa 1,5 Millionen Einwohner große finanzielle Probleme mit dem Wohnen. Rund 100.000 Haushalten war damals Strom, Gas und Fernheizung abgeschaltet worden. 140.000 Menschen drohten ihre Wohnung zu verlieren, weil sie schon mehr als 90 Tage ihre Raten nicht bezahlen konnten. Hunderttausende wohnen in Ungarn unter unwürdigen Bedingungen, z.B. ohne Badezimmer oder inmitten verschimmelter Wände. Eine Wohnung auf dem freien Mietmarkt ist für sie, meistens arbeitslos und ohne regelmäßiges Einkommen, unbezahlbar.

Ungarns Regierung kündigte inzwischen an, die Zahl der Sozialwohnungen zu erhöhen. Die Kommunen oder auch karitative Organisationen sollen solche Mietwohnungen bewirtschaften und an Hilfebedürftige vergeben.

(Zuerst veröffentlicht am 10.01.2017)

Zuletzt aktualisiert: 27. September 2017, 16:11 Uhr