Zerrissene Wahl-Plakate der Opposition in Budapest.
Gespaltenes Land: Zerrissene Wahl-Plakate in Budapest. Bildrechte: MDR/Piroska Bakos

Nach Parlamentswahl Ungarns Opposition zerfleischt sich selbst

Mit Wut und Verbitterung reagiert die Opposition auf den Sieg der Regierungspartei Fidesz bei der Parlamentswahl und sucht bereits einen Sündenbock. Viele Wähler schreiben, dass sie auswandern wollen.

von Piroska Bakos

Zerrissene Wahl-Plakate der Opposition in Budapest.
Gespaltenes Land: Zerrissene Wahl-Plakate in Budapest. Bildrechte: MDR/Piroska Bakos

Das Wunder ist ausgeblieben in Ungarn. Und es wäre wirklich ein Wunder gewesen, hätte die zersplitterte Opposition die Wahlen gewonnen - obwohl etliche Forschungsinstitute genau das im Vorfeld für nicht ganz ausgeschlossen hielten. Das Oppositionslager zeigte schlussendlich jedoch nicht genügend Geschlossenheit.

"Es ist nicht der Sieg von Fidesz, sondern die totale Niederlage der Opposition", sagte Ákos Hadházy, Vizevorsitzender der liberal-grünen Partei "Lehet Más a Politika" (LMP) und kündigte gleichzeitig seinen Rücktritt an. Auch viele Führungskräfte der anderen Oppositionsparteien traten zurück, darunter das ganze Präsidium der Sozialisten und der "Együtt" sowie der Jobbik-Vorsitzende Gábor Vona.

Sündenbock-Suche im Oppositionslager

Dennoch begann gleich nach der Wahl die Suche nach einem Sündenbock. Attackiert wurde insbesondere die besagte LMP. Die Partei hatte sich lange nicht dem Oppositionsbündnis angeschlossen. Außerdem war sie erst zwei Tage vor der Wahl bereit, in einigen Wahlkreisen ihre Kandidaten zurückzuziehen. Diese sollten ihre Stimmen aussichtsreicheren Kandidaten der Opposition überlassen.

Wegen der Verweigerungshaltung wurde die Facebook-Seite der LMP nach der Wahl mit vorwurfsvollen Kommentaren überflutet. Die Partei habe die Opposition verraten und sei der eigentliche Grund für die Niederlage, hieß es dort vielfach.

Viele wollen auswandern

Einige Anhänger der Opposition kündigten sogar an, Ungarn für immer den Rücken kehren zu wollen. Andere, die bereits ausgewandert sind, wollen nicht mehr in die Heimat zurückkehren. Auch viele Wähler machten ihrem Frust in den sozialen Netzwerken Luft und sinnierten über ihre Zukunft. "Ungarn ist ab heute tot - auch für mich", schrieb zum Beispiel eine Frau Mitte 30, die bereits nach London übergesiedelt ist. Sie werde dort bleiben, so die Botschaft.

Eine andere Frau, die ebenfalls mit ihrer Familie vor ein paar Monaten das Land verlassen hat, schrieb: "Jetzt bin ich ganz froh, dass wir diese Entscheidung getroffen haben". Sie wolle nicht in einem Land leben, wo Flüchtlinge als Kriminelle behandelt würden und wo Hass das Regierungshandeln dominiere. Ähnlich formulierten es besonders junge Menschen oder Paare mit Kleinkindern, die wegen der Zukunft ihrer Kinder ins Ausland wollen.

Riss zwischen Hauptstädtern und Landbevölkerung

Die meisten kritischen Kommentare stammen aus Budapest. Die ungarische Hauptstadt gilt seit Jahren als Hochburg von linksliberalen Intellektuellen, die das Fidesz-Programm ablehnen. Direktmandate konnte die Opposition daher fast nur in Budapester Wahlbezirken erringen. Auf dem Land hagelte es herbe Niederlagen. "Ungarn wurde zerrissen", kommentierte ein Polit-Analyst.

So erhielt die Regierungspartei Fidesz in einigen der ärmsten Bezirke der Landes in Nordwestungarn bis zu 90 Prozent der Stimmen – auch von den dort ansässigen Roma. Vor vier Jahren hatten hier teilweise noch die Sozialisten gewonnen. "Wir sind an einem IQ-Test gescheitert", schimpfte ein Mann auf Facebook mit Blick auf die Landbevölkerung.

Provinz erliegt Regierungskampagne

Ein LMP-Politiker mahnte unzufriedene Wähler der Opposition jedoch zur Zurückhaltung und erklärte das Wahlverhalten anders: "Die Mehrheit dieser Menschen wurde irregeführt". So hätten sie durch Fidesz' allgenwärtige Kampagnen in den Medien kaum Zugang zu anderen Informationen gehabt. Seit Monaten sähen die Menschen täglich Berichte über Flüchtlinge, die angeblich die ungarische Kultur zerstören würden und unter denen viele Terorristen seien. Flüchtlinge gibt es in diesen Gebieten jedoch kaum.

Doch die allgegenwärtige Anti-Migranten-Propaganda der Regierung zeigt offenbar Wirkung. Das Portal 444.hu hat vor einigen Tagen diese Dörfer aufgesucht und die Bewohner nach ihren Wahlpräferenzen befragt. Obwohl die Einwohner dort "Migranten" nur aus dem Fernsehen kennen, hat ein Großteil genau die als größte Gefahr für das Land benannt. "Hier brauchen wir Viktor Orbán", sagte einer der Bewohner dem Portal, nur der könne "diese Gefahr besiegen."

Über dieses Thema berichtete MDR AKTUELL auch im: TV | 09.04.2018 | 10:50 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 09. April 2018, 17:13 Uhr

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